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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1949-09-01 · 9 (Septiembre, 1949) · p. Seite 13

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XI (1949)
Issue
9 (Septiembre, 1949)
Date
1949-09-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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BOLETIN INFORMATIVO 13 Eine Rundfrage Die Gruende -fuer die Veranstaltung dieser Rundfrage —die vielleicht den einen oder anderen Leser ueberrascht— setzt in dem einleitenden Beitrag unser Mitglied Rudolf Wassermann auseinander. Im Uebrigen sprechen die einzelnen Ausfuehrungen fuer sich selbst. Wir bedauern nur und sprechen auf diesem Wege unseren Mitarbeitern unsere Entschuldigung aus, dass wir aus Raummangel stellenweise starke Ku^rzun^en vornehmen mussten. DIE PRESSEKOMMISSION. RUDOLF WASSERMANN: Der Weltbuerger Zu Beginn des Jahres 1949 hat der in Argentinien lebende Schriftsteller Werner Bock einen Aufsatz geschrieben “An d r i Schwelle eines Goethe- Jahres”. In diesem Aufsatz, der in der literarischen Beilage “Hueben und Drueben” des Argentinischen Wochenblattes erschienen ist, nimmt der Verfasser auch Stellung zu dem Problem: Goethe und Hitler- Deutschland. Es heisst dort u.a. "Aber auch die gebildeten Juerglinge und Maenner der H tlerzeit verspuerten in ihrer Mehrheit von Goethe keinen Hauch mehr. Ach, das Volk Goethes war ihm niemals ferner als in den letzten Jahren!”... Offenbar wollte Bock damit auch dem Versuch Vorbeugen, den gewisse Kreise machen wu-rd-n, Goethes Ehrung zu einer Parteisache zu machen. Bock ist seine Absicht —solche Versuche zu unterbinden— natuerlicn nicht gelungen. Man lese nur z.B. Im "Aufbau” vom 24. Juni 1949 das zusamirenfassende Referat “Nazis feiern Goethe”... Wir nehmen hierzu keine Stellung, haben uns aber auch dadurci ' nicht abhalten lassen, unsererseits des 200. Geburtstages Goethes zu gedenken und zwar in der Form, dass wir durch eine Rundfrage einer Reihe von unseren Freunden Gele psnh eit gegeben haben, Stellung zu nehmen zu dem, was ihnen Goeth: bedeutet, Goethe, der von sich selbst gesagt hat “Bin Weltbuerger, bin Weimaraner”, der unwandelbare Verehrer Napoleons, der in den Freiheitskriegen —was ihm damals als unpatriotisch angekreidet wurde — erklaert hatte, er koenne die Franzosen nicht hassen, zu viel verdanke er ihnen von seiner Bildung, Ist heute nicht mehr nationaler Besitz eines Volkes. Die Stunde seiner Geburt ist fuer die ganze zivilisierte Erde eine der Sternstunden der Menschheit. Nur wer seine nationale Einstellung mit e.nem aufrichtigen Weltbuergertum in Ueberelnstimmung zu bringen vermag, ist wirklich berechtigt, Goethe zu huldigen! Wir sind berechtigt und berufen, Goethe zu feiern. Als Weltbuerger stellt er sich uns als Vorkaempfer des Ideals einer zukünftigen messianisc.ren Zeit dar. Der juedischen Religion liegt es fern, fuer ihre Anhaenger allein die Seligkeit im Jense.ts in Anspruch zu nehmen. Das bew-ist der talmudische Satz “Die Girechten aller Volker haben Anteil an der zukuenft.gen Welt” (...lohem chelek leolam habah). Goethe hat diesen Satz wohl kaum gekannt. Aber er hat gewissermassen seherisch von ihm t inen Hauch verspuert, als er die leitende Idee seiner "Iphigenie" in dem gewaltigen Satz zusammenfasste: “Alle menschlichen Gebrechen suehnet reine Menschlichkeit”, eine Auffassung, die auch der Humanltaet Heilswirkung — wie der Talrrud — zuge? teilt. Aus dem wiedergebenen Satz des Talmuds folgt ferner, dass auch der strengglaeubige Jude berechtigt und sogar verpflichtet ist, die Groesse nichtjuedischer Menschen anzuerkennen. Was fuer das “Jenseits” gilt, muss doch erst recht fuer das "Diesseits” gelten!! Eine Bestaetlgung fuer diese Bshaup tung —der es eigentlich gar nicht bedarf— bildet die Tatsache, dass kuerzüch der Kultus— Minister von Israel der Aufforderung ge folgt ist, die eine amerikanische Universitaet an ihn richtete, einem Comité zur Veranstaltung von Goethe-Festlichkeiten beizutreten .,. HERBERT FROIIMANN: "Gefuehl ist alles" Goethe in dieser Stunde zu ehren, ist ein lebendiger Prot-st "regen riJ«. die äen G^fst *n F-r- '“ln gelegt haben, ist ein Bekenntnis zum Wege des schoepfeer TXMr (-?■<■» Tf* ehaud“rnd die Ab’-ehr vom Geist ’n unserer f'-ueheren Heimat er- „ut >-ab“n wir bevennen uns z-m G-iste im Sinne Goethes; wir, di“ vf- Fr°ve!, Mord. Kr*eg und g"l- 'e Machtg’er der bbrtbeschmie-tcn recut!inv,oter erleben mussten, vir prblicken im Bekenntnis zu ■xoefm ein Bekenntnis des G’au- 'ons an eine neue Morgenroete der tenschheit. Wir erwidern d°nen, ’ie glauben, dass nur noch die ungenannten e’seoharton Tat Sachen znehlen. die Worte Goethes: 'G^tuehl ist alles”. Der Dichter Fritz von Unruh ■agte juengst in einer Ansprache: ‘ Denn nicht das macht uns frei, dass wieder neue Leithammel kontrollieren, ob unsere Stiefelspitzen auch ja alle nach der Schnur ausgerichtet sind, sondern allein unser Wille nach Goethes Vorbild, endlich aus Massenmenochen wieder Persoenlicnkeiten zu .verden”. Ja, Persoenlichke'iten sollen und muessen wir werden im Sinne doetues, nicht Machtanbeter und nach.aeufer, sodass uns die Su- .enaw orte Goethes lebendig weiden: «oik und Knecht und Ueberwinder o.e gestehn zu jeder Zelt: Hoechstes Glueck der Erdenkindei Sei nur die Persoenlichkeit... ERICH BRY: "Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen". Wenn man mich fragt, was mir bei Goethe am Wichtigsten erscheint, so muss ich antworten, dass dies nicht seine Stellung tum Judentum Ist. Es Ist ab r doch sehr interessant, dass er d r erste war, der sich in seiner assimilationsfreundlichen Zeit, in der alle Welt erwartete, dass die Juden sich der westeuropäischen Kultur mit Haut und Haar ver- I schreiben wuerden, gegen die Assimilation aussprach; in einer Kritik ueber die Ged'ichte eines Jungen polnischen Juden riet er diesem, er solle lieber juedisches Wesen und juedische Probleme schildern, statt die uebliche Natur —und L’ebes— Lyrik zu vermehren. Auch das beruehrt schon den Kern seines Wesens. Aber noch wesentlicher Ist fu°r ihn, dass er —wie er Eckermann berichtet—" seit seinem Mannesalter ueber den Begriff der Nation erhaben war und sich nicht mehr als Deutscher sondern als Mensch unter allen anderen Menschen fuehlte. Er bekannte, ein Mensch n jedem Sinne zu sein, gleichzeidg dem Geistigen und dem Animalischen verhaftet, und so ist ihm nichts Menschliches fremd geblieben... Seine Lebensalter sind, wie bei kaum einem anderen Menschen, individuell und typisch zugleich, ie sind “gepraegte Form, d‘e lebend sich entfa!t“t”. In seiner Tugend ist er ganz J’-eng-fn» er- "u-llt von einem lodernden Feuer, das uns noch heute anleuchtet ■””! erwaermt. w»nn wir seine Briefe aus Leipzig z.B. an seinen Freund Betrisch, se'ne Ju -endgedic’ite und den Werther ’es»n. In seinem Mannesalt-r ist “r eanz Mann formend und gestaltend a's Fo-echer. als Staats -”ann, als Dichter. Von seinem i"“s d'-vchdringend-n B’ick gaben Natur und Menschen ihre Geheimnisse pmls, und er entdeckte in seiner genialen Intuition das, was der muehsame Fachwissenscbaftler und der spekulierende Philosoph nicht find n konnten. Ihnen konnte er stolz zurufen: MORITZ JOEL: "Feiger Gedanken baengliches Schwanken.. . wendet kein Elend!" ...Was uns GqBthe ln unserer Jugend bedeutete, sei an einigen Beispielen gezeigt: Sexuelle Fragen waren damals aus dem Bireleh des Fluestergsspraechs heraus und ln den der offenen, oeffentlichen Eroerterung hinein geraten. Wir lasen unendlich viele einschlaegige Buecher, Theater- .tuecke wie Wedekinds “Fruehl ngi ärwachen”, Ibsens “Nora” und Gespenster” — um nur einige zu nennen — boten uns Stoff zu naechtelangen Diskussionen, aber die Gretchen-Tragoedle im "Faust” war ueber jede Diskussion erhaben; das arme Gretchen war schlechthin die Verkörperung des Maedchens, dem Leid von L'ekam. Bel den sehr erregten Relchstagswahlkaempfen des ji..- res 1912 wurde unsere Einstellung bestimmt von Goethes ‘Egmont“. “Natuerllch ist’s, dass der Buerg r von dem regiert sein w.ll, der mit ihm geboren und erzogen ist, der gleichen Begriff mit ihm von Recht und Unrecht gefasst nat”. und das Argument, mit dem w.r Goetho uns Mut; denn “Feiger Gedanken baengliches Schwanken... wendet kein Elend“. W im wir heute nach zehnjaehrlgem Aufenthalt hier im Lande ln die Versuchung kommen —und wir wollte leugnen, dass diese Versuchung noch nie an ihn herangetreten ist?— mit Iphigen. zü klagen: “Es gewoehnt s ch n cht mein Geist hierher”, so verwaist uns Iphigenie sofort auf den “hohen Wilien”, dem Wir uns zu ergeben haben. Unser Hochgefuehl anges.chts der Entstehung des Staates Israel findet seinen adaequaten Ausdruck ln Goethes “Auf freiem Grund mit freiem Volke Stehen"... Noch in einem anderen Sinne sind wir “gut goethisen". Vie.es, was uns aus d r juedischen Religion und der juedischen v-th:k vertraut ist, sagt uns auch Goeihu, “nur mit ein bisschen er-tem Worten”. Wenn wir z. B. ln d. r Hagadah lesen, idass eine der Grundlagen des Judentums leugnet, wer sich aus der Gemeinschaft unsere Stellungnahme begründeten, lieferte uns Goetz von B.r- 1 ausschliesst, so heisst dies, Ins .ichingen, der dem fuerstentreuen Gotthische uebertragen: ‘Als die- Weislingen entgegenschleudert: nendes Glied schliess an ein G m- ‘Waeren die Fuerstpn, wie Ihr sie , zes dich an”. Wenn der Prophet schildert, wir haetten alle, was wir uns ermahnt, demuetig vor G-tt oegehren". Goethe beble.tet zu wandeln, so erinnert uns Goeuns an die Front und in den the: “Seele des Menschen, wie Schuetzengraben, denn als d * gleichst du dem Wasser! Schi.k- Insel-Ver.ag se.ne Kriegsbuecherei sal des Menschen, wie gleichst du herausbrachte, war der erste Band dem Wind!”, oder er warnt uns: ier Krl gs-Goethe”... j“E»r fuerchte sie (sc. die Goetter) So sind wir heute Alten denn 'doppelt, den je sie erheben!“. Und in unserer Jugend —um ein Wort wenn wir demnaechst in der Ll- “ Geheimnisvoll am lichten Tag laesst sich Natur des Schleiers nicht berauben; Und was sie deinem Ge'ist nicht offenbaren mag, das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schraube..: Seinem Geist hatten sie sich offenbart, und er hatte die Faeh.g- Ke.t, sie in klassischer Welse der Menschenwelt mitzuteilen. So koennen die schoenen Worte auf ihn selber Anwendung finden, die er im “Prolog im Himme,” zu seinem Hauptwerke “Faust” sagen .aesst: Goetnes zu va.i'ieren—■ “gut goethisc-i” geworden, und wir sind es unser Leben lang geblieb;t,. Als die Inflation unsere EX.ster.z oedrohte, wussten wir von Goeth: .ier, dass das Papiergeld eine Erfindung des Teufe.s ist. Als wi. opaster “den traurigen Zug der armen Vertriebnen" bildeten, gab turgie der Hohen Feiertage unter dpn Moeg.ichkeiten, ein taoeses Schicksal abzuwenden, Reue und Wohltun erwaelint finden, so lauten die gleichen Ideen m goethisoner Fassung: “Es freut sich die Gottheit der reuigen ouenuer“ und ‘ Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!!”. “Doch Ihr, Ihr echten Goettersoehne, Erfreut Euch der lebenu.g reichen siiiue.i,. Das Werdende, das ewig wirkt und leb., Umfass Euch mit der L ehe i.o.- den Seuranken Und was In schwankender Eiseneihuug schwebt. Befestiget mit dauernden Gedanken”. ..Ich habe angedeutet, dass i-e. Goetna die jued.sene F.age an ..er x-er.pnene seines Iu.e-.bSc..- meisos geo.ieoen ist. Aber trotzdem hat gerade er Worte gefunden, die die hoechste Verherrlichung Juedischer Schaffenskraft, der hoechste Lobgesang auf die Leistungen der juedischen Pioniere in Israel darstellen. Goethe hat mit der Begeisterung des st rbenden Sehers das gepriesen, was GOETHE IM NÜRNBERGER PROZESS In seinem soeben vollende-1 sprachlich und geistig durch ten neuesten Werk “Die Entstehung des “Doktor Faustus, Roman eines Romanes”, der in diesen Wochen im Verlage Hermann - Fischer, Amsterdam zur Veröffentlichung gelangt ist, erzaehlt I Ties” erschien ein Artikel, aus Angepassten mischt,! worin nachgewiesen wurde, einzelne dem deutschen Ohaj dass Shawcross nicht Goethe, rakter recht nahetretende sondern meinen Roman zi- und Unheil prophezeiende j tiert habe, — was gelinde Dikta ausgezogen, sie ver-: Verlegenheit in Londoner ofvielfaeltigt und sie unter dem fiziellen Kreisen schuf. Im Tamungstitel “Aus Goeth es! Aufträge des Foreign Offico Thomas Mann eine amuesan te Episode aus der Verhandlungsgeschichte des Nürnberger Prozesses. ...waehrend des Krieges batten einzelne Exemplare des Romans, (“Lotte in Weimar” die Red.), aus der Schweiz eingeschmuggelt, ln Deutschland kursiert, und Hasser des Regimes hatten aus -dem grossen Monolog des siebenten Kapitels, worin das Authentische und Belegbare sich ununterscheidbar mit dem Apokryphen, wenn auch Gespraechen mit Riemer” als Flugblatt unter die Leute gebracht. Ein Durchschlag davon, oder die Uebersetzung des eigenartigen Falsums war schrieb mir der Botschafter in Washington, Lord Inverchapel, und bat um Aufklaerung. In meiner Antwort gab ich zu, die “Times” haetten dem britischen Anklaeger im j Recht, es handle sich um ei- Nuernberger Prozess, Sit j ne von ihren Urhebern gut- Hartley Shawcross, vorgelegt gemeinte Mystifikation. Doch Faust leisten wollte und was die Pioniere in Israel geleistet haben. Hier sind seine Worte: ‘Ich schaffe Kaeume vielen M l- Iionen. Vicht sicher zwar, doch taetlg frei zu wohnen. Gruen das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde Sogleich behaglich auf der neu-' sten Erde. im Inneren ein paradiesisch Land, Da rase urausseii Flut auf bis zum Rand. Und wie sie nascht, gewa.vsam einzusciniessen: Gemeindrang eilt, die Luecke zu verschllessen. Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben. Das ist der Weisheit letzter Schluss: .>ur der verdient sich Fre.ue.t w.e uas i.. heil, Der tä glich sie eroucra muss, t.iu ,u , ci oi'.ixgt, Uiiiuruagcii von ueianr. Hier Kind 'und Mann und Greis sein luechug Janr. Solch ein Gewimmel moecut ich sehen: Auf freiem Grund mit freiem vuike sichen. Zum Augenb.icke dueni ich sagen; Verweile doch, du bist so scauen, Ls Kami uie spar tun in.iuen Erdentagen Nicht in Aeonen untergeun”. Wer koennte den Geist, den Kampf und den Sieg ln Israel -choener schildern? worden, und guten Glaubens, verfuehrt durch das aktuell Schlagende der Aeusserungen, hatte er in seinem Plaedoyer ausgiebige Anfuehrungen daraus gemacht. Scin Irrtum sollte ihm nicht geschenkt sein. Im Literary Supplement der Londoner “Tiverbuergte ich mich dafuer, dass, wenn Goethe nicht wirklich gesagt habe, was der Anklaeger ihm in den Mund gelegt, er es doch sehr wohl haette sagen koennen, und in einem hoeheren Sinne habe Sir Hartley also doch richtig zitiert.” “Ueberhaupt ist es mit dem Nationalhass ein eigenes Mng. Auf den “untersten Stufen der Kultur” werden >ie ihn immer am staerksten ind heftigsten finden. Es dSt aber eine Stufe, wo er ranz verschwindet und wman gewissermassen “ueber” "’en Nationen steht und man Glueck oder Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als waere es dem eigenen legegnet.” (Goethe'

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