Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Journal
- Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
- Volume
- XI (1949)
- Issue
- 7 (Julio, 1949)
- Date
- 1949-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BOLETÍN REDACCION; S. C. I. B'NE JISROEL, TEL. 33096, CASILLA 2417 INF O RM R Tí VO SOCIEDAD CULTURAL ISRAELITA Año XI N.o 7 SANTIAGO DE CHILE Julio, 1949 Zum Todestage des Propheten Von MARTIN BUBER THiiOUOH HEKZL dachte ueber die juedlsche Sache anders als wir, er sah sie anders. Nicht von den Einzelheiten, nicht von seiner Auffassung dessen, was zu tun und was zu lassen sei, nicht von seinen Zustimmungen und Ablehnungen soll hier gesprochen werden. Was das im Grunde war, worin er anders dachte, anders sah als wir, das habe ich damals, vor sechs Jahren, als ich mich vom Schlachtengetuemmel, vom heroischen Leben an der Oberflaeche noch nicht freigemacht hatte, als ich noch in der Gewalt der Doktrin, im Inhaltsurteil befangen war, so —und wie ich allerdings noch jetzt glaube, richtig— formuliert: “Die Erkenntnis, dass die wahre Judenfrage eine innere und individuelle ist, naemlich die Stellungnahme jedes einzelnen Juden zu der ererbten Wesensbesonderheit, die er in sich vorfindet, zu seinem inneren Judentum, und dass dieses allein das Volk statutiert, war Herzl versagt. Deshalb ist er im “Judenstaat” und in allen seinen spaeteren Kundgebungen an dem Problem der juedischen Eigenart und ihrer Produktivierun~, das eines der merkwuerdigsten Kulturprobleme ist, voruebergegangen”. Ich wiederhole es: richtig erscheint mir diese Formulierung auch heute noch. Aber jenseits ihrer, von ihr unberuehrt, erscheint mir das Wesentliche. J *i-'S 'U i *■' Wie von keinem Zweiten gilt von ihm sein eigenes Wort: “Es gibt im Leben eines Volkes... Individuen ohnegleichen. Ihre Fehler und Vorzuege gehoeren zum unveraeusseriichen Eigentum der Nation, die solche Gestalten hervorbringt. Sie muessen sich nach ihrer Natur ausleben, schaden, nuetzen, das Volk hinreissen...; sie muessen Irrtuemer wie eine fruchtbare Nilueberschwemmung ueber das Land ausgiessen, fuer einen fernen Zweck”. Das Wesentliche nenne ich dies, dass in diesem Mangel eingeschlossen Theodor Herzls Groesse ruhte, seine fuer uns —fuer uns als Juden— vorbildliche Groesse. Und dass sie uns doch wieder, so wie sie sich in ihm dargestellt hat, ewig unzugaenglich bleiben muss, weil sie naiv, primaer, elementar ist: wie alle Groesse das Werk eines Mangels, eines elementaren Mangels, den wir nicht besitzen, — wir Problematiken Woher kommt uns denn die Erkenntnis, dass die wahre Judenfrage eine innere ist? Daher kommt sie uns, weil uns das Judentum in uns als Problem gegeben ist; —weil uns unsere Innerlichkeit als Problem gegeben ist; — weil uns das Dasein als Problem gegeben ist. Das ist das grosse und tragische Judenerbe: die Problematik, die Go. lusform der inneren Entzweiung. Der inneren Entzweiung! Aus der Sehnsucht, sich von ihr zu erloesen, sind alle grossen Einheitsgebilde des Judentums enstanden. Aber der Golusjude, zum Schaffen neuer Einheitsgebilde zu schwach, wurde an ihr zum Problematiker. Dem Elementaraktiven ist seine Innerlichkeit als eine Fuelle von Impulsen gegeben, deren er nur inne wird, um sie auszuwirken. Dem Elementaraktiven ist das Dasein als eine Fuelle von Wirklichkeit gegeben, die ihn umbildet, die aber ungeduldig darauf wartet, von ihm umgebildet zu werden. Dem Problematiker ist seine Innerlichkeit als eine Fuelle von Fragen gegeben, die von ihm eine Antwort heischen, und nur im Absoluten, nie im Persoenlichen eine endgueltige Antwort erlangen koennen. Dem Problematiker ist das Dasein als eine Fuelle von Widerspruechen gegeben, die von ihm geloest werden wollen, und nur im Metaphysischen, nie im Enpirischen eine endgueltige LoeSung zulassen. Des Elementaraktiven Trieb zu handeln ist so stark, dass er ihn hindert, in reiner Kraft zu erkennen. Des Problematikers Trieb zu erkennen ist so stark, dass er ihn hindert, in reiner Kraft zu handeln. Der Elementaraktive wird sich seines Judentums bewusst: da erwacht in ihm der Wille, den Juden zu helfen, denen er sich nun zugehoerig fuehlt, sie dahin zu bringen, wo ihnen Freiheit und Sicherheit zuteil werden kann. Nun tut er, was ihm sein Wille eingibt. Etwas anderes als das sieht er nicht. Der Problematiker wird sich seines Judentums bewusst: da umfaengt ihn der ungeheure Widerspruch, das ungeheure Paradox dieser Existenz “Jude”. Er sieht alles, alle Entartung, alle Schuld, alle innere Hemmung. Ehe er handeln kann, muss er erst tausend Verzweiflungen niederringen. Der Elementaraktive wandelt im Lichte, auch wenn er irrt. Der Problematiker leidet im Dunkel, auch wenn er erkennt. Der Irrtum des einen ist zuweilen fruchtbarer als die Erkenntnis des anderen. Dies ist die vorbildliche Groesse Theodor Herzls, dass er ein reiner und starker Elementaraktiver war. Vorbildlich nenne ich sie, weil sie eine Aufgabe stellt, eine der groessten Aufgaben, die die Menschenseele kennt: in sich zur Einheit zu gelangen. Denn es gibt fuer den Problematiker einen Weg zur Ueberwindung seiner Problematik. Freilich, zum Naiven, Primaeren, Elementaren hat er keinen Zugang. Dieses wird nur besessen, nicht erworben. Er kann seine innere Entzweiung nicht aufheben. Aber er kann sich ueber sie hinausschwingen, in jene Geeintheit der Seelenkraefte, die faehig wird, Erleuchtung zu empfangen; Erleuchtung, die Werk und Tat lehrt. Keines Problems Dunkel ist so tief, dass die Erleuchtung es nicht durchstrahlen koennte. Aber um sie zu empfangen, muss der Problematiker so einheitlich werden, wie der Elementaraktive von vornherein ist. So ist der Elementaraktive sein Vorbild. Dies ist die hoechste Form der Erziehung: einheitliches Dasein. Wir werden von einem grossen Toten erzogen. Durch sein einheitliches Dasein, das uns jetzt lebendiger als je ist. Spinoza ist das grosse Vorbild fuer das denkende Leben. Aber das, worauf es fuer uns heutige Juden, die wir in der Krisis, in der Entscheidung, im Uebergang stehen, vor allem ankommt, ist nicht das denkende, sondern das handelnde Leben. Theodor Herzl ist ein Fuehrer zum handelnden Leben. Ich habe das frueher nicht so verstanden, wie in diesem Augenblick, dieses Einfache und Grausame, vor dem das Herz Stillstehen und der Mund verstummen muss. Und nun fuehle ich es, wie ich es noch nie fuehlte: dass wir verwaist sind. Und nun weiss ich, wie ich es noch nie wusste, was uns fehlt. Nicht dieses oder jenes Programm. Nicht diese oder jene Methode. Nur Groesse! Theodor Herzls Fahrten nach dem Ziel moegen Irrfahrten gewesen sein. Aber wenn er von seinen Fahrten sprach, zitterte die Seele der Millionen vor Sehsucht, vor Erwartung, vor Glueck. Vor Glueck ueber ihn! Vor Groesse, vor Groesse durch seine Groesse zitterte die Seele, die stumme Seele der Millionen, wachte, stammelte, lebte. Aus solchem Leben allein kann das neue Volk geboren werden, das wir ersehnen. Reine Kraft! Einheit! Groesse! Um dieses Eine lasst uns das Schicksal bitten! (Herzl-Gedenknummer der “Welt”, vom 25. 5. 1910).