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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1948-06-01 · Edicion Especial (Junio de 1948) · p. Seite 35

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
X (1948)
Issue
Edicion Especial (Junio de 1948)
Date
1948-06-01
Page
Seite 35 (sequence 37)
Language
German
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BOLETIN INFORMATIVO 35 DIE G RO SSSTAOT GEMEIN D E UND IHRE RELIGIOESEN NOETE Rabbiner LUBLINER Als vor 10 Jahren ein kleiner Kreis bewusster luden sich zu einer Chewra zusammenschloss, legte er damit den Grundstein zu unserer heutigen Gemeinde. Der grosse Zustrom von Neueinwanderern im Laufe dieser Periode verwandelte die Chewra. die urspruenglich sich als Kleingemeinde darstellte, in eine Grossgemeinde. Mit diesem Strukturwechsel ergeben sich von selbst die Probleme, die mit der Existenz einer Grossgemeinde verbunden sind. Sicher handelt es sich hier nicht um eine neu auftretende Problematik, schon in Europa hat sie seit dem Zeitpunkt bestanden, wo ein grosser Teil Juden freiwillig oder zwangsmaessig die Kleinstadt verliess, um sich in einer Grosstadt nieder zu lassen. Der Auszug aus der Kleinstadt in die Grosstadt bedeutete eine voeliige Umstellung in allen Perspektiven. Der Kleinstadtjude fand hier eine andere Welt, sah sich ihr gegenuebergestellt und seine neue Aufgabe war, sich irgendwie dieser Welt ahzugleichen. Das charakteristische fuer den Juden der Kleinstadt ist die enge und unmittelbare Verbundenheit seines Hauses und seiner Familie mit der Gemeinde, ln seiner Gemeinde wrar er ein Baal habajith und er war es, der mit seiner Persoen* ucnkeit die Gemeinde repraesentierte. Er wai ihr Traeger. Auch fuer die juediscne Frau aA tsaai naoajith galt ein gleiches. Jede Familie, öle in der Kleinstadt ihr festes Heim hatte, bildete ein Stueck der Gemeinde und die Gemeinde selbst war die grosse Familie. Als der Kleinstadtjude in den neuen Lebenskreis eintrat, erfuhr er, dass die Stellung des Einzelnen in der Gemeinde eine wesentlich a» iere war. Aus dem Traeger der Gemeinde in de; Grosstadt ist zum groessten Teil nur ein Steuerzahler geworden. Er gibt seinen Beitrag ohne sich viel darum zu kuemmern, wozu er verwandt fird. Das Persoenliche Individuelle ist vollkommen ausgeschaltet und wird durch UnDersoenliches, statistisches ersetzt. Die Grosstadt steht im Zeichen der Masse. Sie sucht Massenselbstgefuehl zu schaffen. Ihre Aufgabe ist es, die Masse zu ordnen und zu gliedern. Und das Bestreben einer Gemeinde in der Grosstadt ist daher auch darauf gerichtet, moeglichst viele Menschen bei sich aufzunehmen, moeglichst alle Juden in ihr zu vereinen. Damit geht alles Individuelle verloren, und es ergibt sich die traurige Tatsache, dass zwar eine juedische Institution vorhanden ist, die fuer den Einzelnen da ist, aber nicht durch ihn lebt und man muss daher leider zugeben, dass an Stelle wirklichen Gemeindelebens eine Institution getreten ist, die ein Ersatz fuer aktive Betaetigung sein soll. Aus dieser Erkenntnis heraus haben sich in einigen Grosstaedten inmitten der Gemeinde wieder Kleingemeinden gebildet, um aus dem Unpersoenlichen aus der Masse heraus wieder die Person, den Einzelnen zum Traeger der Gemeinde 2u machen. Schon als wir noch in Europa lebten, existierte die religioese Krise, die sich nach dem ersten Weltkrieg verstaerkte. Heute nach dem grauenvollen zweiten Weltkrieg und dem was wir in ihm erlebt haben, hat sich die religioese Noete vertieft und ist zu einer allgemeinen rehgioesen Weltkrise geworden. Unsere Gemeinde nimmt darin keine Ausnahmestellung ein, dass auch sie von dieser Krise betroffen ist und dass wir unter ihr leiden. Als Beweis moege die Tatsache dienen, dass die Teilnahme der Jugendllchen an religioesen Feiertagen oder sonstigen I rdigioesen Feierstunden sehr gering ist. Diese | Jugend entbehrt der Religioesitaet und hat kein verlangen nach religioeser Betaetigung, zuweiler> weil ihr die religioesen Lebensformen nicht ^itgemaess erscheinen. Ihr Judesein ist einseitig orientiert und beschraenkt sich nur auf das rein Nationale. Dass dies eine Verkennung der Concepción des Judentums ist, braucht nicht naeher betont zu werden. Die Gefahr der Saekularisierung des Judentums ist nicht zu unterschaetzen. Wir setzen jedoch unsere Erwartungen und Hoffnungen in das palaestinensische Judentum, dass sie diese Gefahr abwenden wird koennen. Dass sie neue religioese Lebensformen schaffen wird, die aus einem Geist geboren sind, der an die Tradition des jahrtausende alten Judentums anknuepft. In dieser Erneuerung, um die ernst denkende Menschen ringen, sehen wir einen Weg, der es auch dem Einzelnen in der Grossstadtgemeinde ermoeglichen wird, sein Leben im Geiste einer neuen Religioesitaet zu fuehren, wie es ein juedischer Denker einmal zum Ausdruck gebracht hat, dass alle Religioesitaet eine Vorsehung ist, das Endliche mit dem Unendlichen, den Tag mit der Ewigkeit zu verbinden. Moege unser neues Haus, das wir im Begriff sind aufzubauen, eine Staette der Andacht werden, in der der Einzelne den Platz findet, der ihn zum Traeger der Gemeinde und einem Gekannten unter seinen Bruedern macht. Die juedische Poliklinik - Eine Klinik fuer Judeni Von Dr. ALFREDO SCHINDLER Leiter der Abteilung fuer elektro-physikalische Medizin. Zwei grundlegende Phasen saekularisieren die Historie der Juedischen Poliklinik. Ein jahrelanger Daemmerzustand ohne juedische Patienten, und ihr juengstes kraftvolles Erwachen im Dienste der Juden. In der Tat: Schon vor 25 Jahren wurde von der juedischen Jugend eine Einrichtung unter obigem Namen errichtet. Bis vor kurzem noch ein rudimentaeres, primitives Gebilde, mehr von gutem Willen und der Idee als der Ausfuehrung getragen. Heute ein moderner, stolzer Bau, Muster und Modell der besten Polikliniken -des Auslandes. Und dies in einer der grausamsten und heroischsten Kampfperioden des Judentums. Wer in frueheren Jahren die Juedische Poliklinik besuchte, war ueber das grosse Material von Kranken, den Ruf und die Beliebtheit, die die Klinik in allen Teilen des Landes genoss, ueberrascht. Aber in diese Ueberraschung mischte sich allerdings ein Gefuehl peinlichster Befremdung und Bestuerzung: Man sah so gut wie niemals einen juedischen Patienten. Jedoch fand man schon eine recht ansehnliche, von wissenschaftlichen, hygienischen und Ordnungsprinzipien gestuetzte Entwicklung vor. So gab es bereits eine Sektion fuer Innere, Kinder, Frauen •— un Augenkrankheiten, sowie eine Sektion fuer Haut — und soziale Krankheiten; es bestand bereits ein vorzueglich ausgestattetes klinisch-chemisches Laboratorium; es gab ausser einer Sektion fuer kleine Chirurgie, Wundbehandlung und Injektionen bereits eine Zahnabteilung mit einer dentalen Roentgen-Einrichtung, und es existierten schon eine eigene Apotheke und ein schoener Konferenzsaal fuer Vortraege jeglicher Art. Aber erst unter der impulsatorischen Initiative des jetzigen temperamentvollen und dynamischen Direktors konnte die Vervollstaendigung des klinischen Betriebes ihre Kroenung finden mit der Etablierung einer Sektion fuer Ohren — Lungen — orthopaedische — und Unfallkrankheiten, sowie einer Spezialabteilung fuer Nerven — und Geistesstoerungen mit einem Anexo fuer Entwicklungsstoerungen zurückgebliebener Kinder und schliesslich mit der Equipierung eines respektablen Roentgen-Institutes und einer modernen Abteilung fuer elektrophysikalische und Strahlenbehandlung. Eine letzte Neuerung ist der Anschluss der Klinik an das “Instituto de Radium Nacional”. Welchen tueckischen Krankheiten man dort zu Leibe zu gehen versucht, bedarf wohl keiner besonderen Detailierung. Der Leser wird jetzt mit vollem Recht annehmen, es muesse eigentlich alles tadellos funktionieren. Alles steht ja fix und fertig da. Aber zum reibungslosen Funktionieren eines solchen' Wunderapparates braucht man Helfer und nochmals Helfer. CRYOGÉNINE LUMIÈRE (? P / P F F / F B K F HFU AAl O/AS NO ATA SA A £ O#SA/\//$M0 Man braucht ein technisches Hilfspersonal vom Mozo bis zum Mayordomo, von Mechaniker bis zum Fachingenieur, von Sekretaeren Schwestern bis zum Praktikanten; man braucht einen Verwaltungsapparat mit einem Direktor und einem Chef der Klinik, man braucht Chefs fuer gewisse groessere Abteilungen und dergleichen mehr; man braucht viele hochherzige Geldspender (an denen es meistens mangeltj und ohne welche diese noble philantropische Organisation nicht aufrecht erhalten werden kann. Aber man braucht noch etwas viel wichtigeres: Man braucht Aerzte, und zwar ein dauerhaftes Ensemble von opfer — und arbeitsfreudigen, disziplinierten Aerzten, jeder ein wichtiges Instrument in diesem einzigartigen Orchester. Heute arbeiten — man hoere und staune — ca 40 Aerzte im Turno der Juedischen Poliklinik der Calle Nataniel. Dieser Zufluss sovieler juedischen Valenzen und Potencíale mit ihrer gegenseitigen interpersonalen Befruchtung brachte allmaehlig auch einen erstmaligen Zufluss juedischen Krankenmaterials mit sich. Fuer die Geschichte der Poliklinik bleibt das eherne Faktum notiert, dass die deutschsprechenden Kollegen sich stets energisch in positiver, seltener Einmuetigkeit fuer Wert und Idee einer Poliklinik fuer “Juden” eingesetzt haben. So war ein neuer Anfang geboren. Aus ihm heraus begannen numehr auch Juden aus den verschiedensten Ursprungslaendern, anfangs noch abtastend und misstrauisch, spaeter zutraulicher und selbstverstaendlicher. ihre ersten Gehversuche zur Poliklinik zu machen. Also: Juden kamen wirklich zum ersten Mal in die Poliklinik. War ein Mentalitaetswandel vor sich gegangen oder koennen wir uns mit der einfachen Beschreibung eines neuen sozialen Phaenomens begnuegen? Wir sind ein schoepferisches, aber aus der Geschichte unseres Schicksals ein stoerrisches und rebellisches Volk, dass gewisse alte, eingeborene Haltungen schwer aendert. Unsere Klienten haben von jeher einen besonderen traditionellen Hang zur aerztlichen Autoritaet, zum Professor gehabt. War es nicht zuerst der chilenische Spezialarzt, den sie bald vorzogen, morgen der chilenische Professor, uebermorgen der argentinische, und sind nicht heute der letzte modische Schrei die Vereinigten Staaten geworden? So fuehlen wir uns gezwungen, nach den treibenden Kraeften zu suchen, die in unserem neuen Publikum die soziale Werteinstellung zum Konzept “Poliklinik” grundlegend geaendert haben. Man geht keineswegs fehl, diese draengende und bezwingende Kraft in einem anderen grossen und erzieherischen Helfer zu sehen: Die tiefe Not der Zeit, die uns alle, die wir nicht stumpf am Weltgeschehen voruebergehen, bis ins Mark erschuettert hat, und die das Zutrauen zur Juedischen Poliklinik verstaerkt hat. Und nun noch etwas ganz besonderes. Eine ausserordentlich schoene und wuerdige Haltung seitens der Aerzte und des Personals ist die, die dem wirklich unbemittelten Juden erwiesen wird. Ihm erteilt man eine ganz besonders liebevolle und diskrete Aufwartung, die ihn nie fuehlen laesst, dass er sich in einer momentanen Notlage befindet. Zum Schluss daher nur noch eine letzte Mahnung: Nicht an den Aerzten — diese Front hat ihre Bewaehrung bereits erobert — liegt es allein, die Poliklinik zu einem neuen juedischen Heim zu machen, sondern im Augenblick noch viel mehr am Publikum. Ein neuer Anfang ward gemacht! Vielleicht der Keim zu einem kuenftigen juedischen Krankenhaus! PL

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