Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 3 (1935)
- Issue
- 16 (März-April 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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kdmpü® ziinry Das Märchen vom Radioapparat Die Uhr schlug 9. Hans lag im Bett und konnte nicht einschlafen. Die Eltern waren gerade weggegangen. Da durchzuckte ihn eine Idee: Wie herrlich wäre es jetzt, in das Nebenzimmer zu gehen und sich den Radioapparat aufzudrehen! Vater war zwar immer böse, wenn man das tun wollte. Schon stand Hans im Zimmer und hatte den Apparat eingeschaltet. Kam da eine schöne Musik aus diesem Kasten! „Merkwürdig", dachte Hans, der sich in den Lehns|tuhl kauerte, „wie diese Musik wohl in den Kasten hineinkommt, merkwürdig, merkwürdig!" ging es ihm so im Einschlafen durch den Kopf. Da kam es ihm vor, als wenn jemand in das Zimmer getreten wäre. „Wer ist hier?" murmelte er. „Ich bin nicht allein, viele sind mit mir gekommen, viele sind vor mir gekommen und viele werden nach mir kommen. Ich heiße Elektrische Welle" antwortete es. „Wie heißt du?" fragte Hans, Elektrische Welle? Ja woher kommst du denn .eigentlich und wer hat dich denn hergeschickt?" „Ich1 komme von weither und hergeschickt hat mich eine große Maschine." „Das verstehe ich nicht recht", sagte Hans, möchtest du mir das nicht erklären?" „Aber gerne; weißt du, ich entstehe so ähnlich, wie die Schallwelle. Wenn du, Hans, zum Beispiel sprichst, so kommt ein Luftstrom zu den Stimmbändern, die im Kehlkopf sind und die durch das Sprechen angespannt und losgelassen werden. Wenn nun die Luft über diese bewegten Stimmbänder streicht, so werden diese die Luft nicht mehr glatt durchlassen, sie werden die Luft in Schwingungen versetzen. Der Luftstrom wird einmal stärker, einmal schwächer, es entstehen die Schallwellen, die dann an unser Ohr dringen und uns den Laut übermitteln. Die gelehrten Leute sagen, daß der Luftstrom durch die Stimmbänder „moduliert" wird. Aehulich ist das auch bei mir, der elektrischen Welle. Anstatt der Lunge ist es bei mir eine elektrische Batterie, die den elektrischen Strom ausschickt. Jetzt wirst du mich fragen, Hans, wie es kommt, daß man Gesprochenes oder Gesungenes in solche elektrische Wellen verwandeln kann. Dazu dient vor allem — du wirst schon davon gehört haben — das Mikrophon. In einem solchen Apparat ist eine Platte, die Membran, die z. B. durch das Wort, das man spricht, in Schwingungen versetzt wird. Und wie nun der Luftstrom durch die bewegten Stimmbänder, so wird der elektrische Strom durch diese bewegte Platte in Schwingungen versetzt. Der Strom wird modulier . Jetzt kommt aber das schwerste. Wie geschieht es nun, daß dieser modulierte elektrische Strom ohne Draht weiterwaudert, daß er hinauszieht in weite, weite Fernen? „Aus der Vorrichtung, die Mikrophon genannt wird, kommt der sogenannte modulierte Gleichstrom .Der Name Gleichstrom kommt daher, weil der elektrische Strom immer in der Richtung des gespannten Drahtes läuft, wie es zum Beispiel beim Telephon der Fall ist. Aber was geschieht, wenn kein Draht vorhanden ist und wenn man will, daß der Strom durch die Luft laufen soll? Da e:gnet sich der Gleichstrom ganz und gar nicht dazu, denn er ist ein viel zu bequemer Herr, aber sein Kollege, der Wechselstrom, das ist der richtige. Das ist ein recht ruheloser Herr: wie einer, der Zahnschmerzen hat, läuft er immer hin und her, hin und her, fortwährend ändert er die Richtung; zum Beispiel der Wechselstrom, der beim Bisambergsender verwendet wird, macht das 592.000 mal in der Sekunde. Eine schöne Leistung, nicht wahr? Der Gleichstrom, der aus dem Mikrophon kommt, wird nun in einen Wechselstrom verwandelt, der natürlich auch die Merkmale, zum Beispiel der Worte, die in das Mikrophon hineingesprochen wurden, enthält. Der Wechselstrom gelangt nun in den großen Mast, den du sicher schon am Bisam - berg gesehen hast. Wenn nun der Wechselstrom in diesem Sendemast ruhelos auf- und niederläuft, so entsteht bei jedem Richtungswechsel des Stromes eine Veränderung im Raum, der den Sendemast umgibt. Es entsteht so etwas, wie ich bin", sagte die elektrische Welle. „Meine Schwestern und ich, die elektrischen Wellen, haben noch immer die Merkmale des gesprochenen Wortes oder des Liedes oder was immer für einen Ton das Mikrophon aufgenommen hat, in uns und tragen Wort oder Musik nach allen Richtungen, nach allen Ländern der Welt und wie rasch! 300.000 km legen wir in der Sekunde zurück. Aber da wir, die elektrischen Wellen, für eine weite Reise zu schwach wären, wird der Strom im den Apparaten verstärkt. Kannst du dir das vorstellen, Hans? Das wäre fein, sich so auf mich wie ein Ton oder ein Wort zu setzen und mit mir zu fahren! Nicht einmal eine Viertelsekunde brauchtest du bis Australien. — Die modulierten elektrischen Wellen, Radiowellen genannt, kommen überall hin. Und wo sie zum Beispiel zu einem Draht oder zu einem Gegenstand aus Metall kommen, erzeugen sie wieder in diesem einen modulierten Wechselstrom. Deswegen spannen dia Menschen auch Drähte, die Antennen, um nrch aufzufangen. Durch einen Draht, der von der Antenne weggeht, fließt der modulierte Wechselstrom in den Radioapparat. In diesem sind recht komplizierte Vorrichtungen, die Detektoren zum Beispiel, durch welche 39