Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1935-01-01 · 14 (Jänner 1935) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
3 (1935)
Issue
14 (Jänner 1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 18 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/8245601-8695759-8695767--561-8246023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Abbe Gregoire und die Juden der französischen Revolution vonlo,»sjo„oSiPo,is) Nach dreimaliger Austreibung aus Frankreich seit dem Jahre 1182 unter Philippe Auguste hatten sich im ganzen Land nur noch wenige Juden erhalten. Den weitaus größten Teil davon stellten die seit Ende der Regierung Ludwig XIV. wieder eingewanderten „Allemands", das heifjt die elsässischen Juden. Während die im 16. Jahrhundert aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden in Frankreich unter Heinrich II. und seinen Nachfolgern in Bordeaux und Bayonne als ,,Marannen" („neue Christen" genannt) besondere Freiheiten genossen und zu sehr geachteten Stellungen als Kaufleute, Schiffsreeder und Bankiers aufgerückt waren, lastete im Gegensatz dazu auf den elsässischen Juden ein ungeheurer Druck. Sie litten unter der Willkür des Adels, der Intoleranz des Klerus und der Eifersucht der Gewerbetreibenden. Von den Städten waren sie ausgeschlossen und es blieb ihnen nichts als der Viehhandel und das Geldgeschäft als Berufe übrig. Erwerb von Grund und Boden war ihnen ebenfalls untersagt. Besonders hart trafen sie die Bestimmungen über die jüdischen Ehen in dieser Provinz. Die Regierung fürchtete die Vermehrung der Juden. Man gestattete ihnen nicht mehr als jährlich 72 Ehen, und in Kommunen, in welchen mehr als 10 Prozent der Einwohner Juden waren, wurden Ehen überhaupt untersagt. Noch 1784 verbot ein Gesetz bei augenblicklicher Ausweisung die Heirat ohne königliche Genehmigung. Schon einige Jahre vor der Revolution hatte der bekannte elsässische Armeelieferant Cerf Berr, der allein die Erlaubnis vom König erhalten, in Strasburg zu wohnen, durch die Vermittlung von Moses Mendelssohn erreicht, dah seine Glaubensgenossen von dem Druck des Leibzolls befreit wurden. Aber es lagen noch genug unerträgliche und unbillige Lasten auf ihnen. Da sollte ihnen zu der Zeit, wo die Ideen von Menschenrechten, dem Sturz des alten Aristokratenregimes und der Erhebung des Dritten Standes in allen Herzen aufflammten, in der Person eines katholischen Priesters ein Kämpfer und Verteidiger zugleich erstehen, dessen unermüdlichem und heldenhaften Wirken für die Sache der Unterdrückten die Befreiung der französischen Juden hauptsächlich zu verdanken ist. Der 1/50 geborene Abt Henri Gregoire, späterer Bischof von Blois, war ein Mann, in dem sich zwei ganz verschiedene Naturen harmonisch vereinten. Auf der einen Seite ein philosophischer und energischer Kopf, besaf) er auf der anderen Seite die Herzensschlichtheit eines einfachen Dorfkaplans. Aus den weltlichen Büchern, alten und zeitgenössischen, die er eifrig las, hatte er die Verachtung des Vorurteils gelernt und aus den Evangelien die Liebe zu den Armen und Verachteten. Es war seine Lebensaufgabe, all jene, die man „hier unten verdammte", zu verteidigen, und in zahlreichen Schriften, die später nicht nur allein den Juden, sondern auch allen anderen Entrechteten galten, für die Verbesserung ihres Schicksals zu wirken. Abbe Gregoire, der lothringische Landpfarrer von Embermenil, besaf) das gütigste Herz, rein wie das eines Kindes. In seiner Arglosigkeit, die in dem anderen stets die gleichen edlen Instinkte voraussetzte, hatte er vermutet, dar) die christliche Kirche die damaligen Juden mit der gleichen mütterlichen Liebe umfafyte, wie ihre eigenen Kinder. Durch die Freundschaft mit dem Metzer Juden Moses Ensheim, der, Dichtei und Gelehrter, einst im Hause des Philosophen Moses Mendelssohn dessen Kinder unterrichtet hatte, erfuhr er die wahre Lage der elsässischen Juden. Durch ein glückliches Zusammenwirken der Ereignisse war bereits Mirabeau von anderer Seite her der jüdischen Emanzipationsfrage besonders günstig gestimmt. Während einer geheimen Mission in Berlin traf er in dem berühmten schöngeistigen Salon der Henriette Herz mit Dohm und dem alten Moses Mendelssohn zusammen, für den er eine lebhafte Sympathie empfand. Gleich nach seiner Rückkehr nach Paris verfaßte er eine Schrift: „Über Moses Mendelssohn und über die politische Reform der Juden", die das Thema plötzlich in den Mittelpunkt des Interesses rückte. Der Widerhall war so allgemein, dar) die „Königliche Gesellschaft für Wissenschaft und Künste" in Metz 1789 eine Konkurrenz über das Thema ausschrieb: „Gibt es Möglichkeiten, die Juden in Frankreich glücklicher und nützlicher zu machen?" Abbe Gregoire war derjenige der drei Konkurrenten, dessen „Versuch zur Regeneration der Juden" den lebhaftesten Widerhall fand. Von der Geistlichkeit Nancys in die Konstituierende Versammlung gewählt, hielt er sich zu den Jacobinern und leistete als erster Geistlicher den Eid auf die Verfassung. Er veröffentlichte seinen „Antrag zu Gunsten der Juden", in dem er auf ihre bürgerliche Gleichberechtigung drang, und die französischen Juden sandten ihrerseits sechs Abgeordnete, die ihre Petitionen darbrachten, zur Versammlung. Vor ailem wollten sie die Erlaubnis erwirken, Künste, Gewerbe und Landwirtschaft ausüben zu dürfen, Grund und Boden zu kaufen und sich in allen Provinzen freizügig niederlassen zu können, ohne gezwungen zu sein, nur in einzelnen abgegrenzten Stadtteilen untereinander zu wohnen. Die elsässischen Juden ver- 18

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.