Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 31 (sequence 33)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695764--483-8245948
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JÜDISCHER § P © B T IN EREZ ISRAEL So wie viele junge |uden, ist der bekannte Rennschwimmer der Hakoah, Alfred Guth, ins Gelobte Land seiner Vor/ väter, nach Palästina übersiedelt. Er weilt derzeit in Wien und erzählt im „Sporr*Telegraf" von anderen, ehemals bekannten österreichischen Sportlern, die im aufblühenden jüdischen Gemeinwesen eine neue Heimat fanden, und wie es ihnen dort geht. „Wir alle", so beginnt ü u t h zu erzählen, „die wir nach Palästina übersiedelten, kamen trotz aller Erkundigungen, die wir im voraus eingeholt hallen, mit einer ganz netten Ladung romantischer Vorstellungen ins Land. Die einen meinten, man warte nur auf uns, um ein halbasiatisches Gebiet zu zivilisieren — Wüste, Dattelpalmen und Totes Meer, das hört sich halt so schön an —, andere wieder glaubten, wir mit unserer westeuropäischen Kultur müßten mit Leichtigkeit eine führende Stellung erobern und in Kürze ein bequemes Leben erreichen können. Diese und jene, wir alle wurden enttäuscht und überrascht: Palästina ist ein durchaus modernes Land, vom Kino bis zum Fußballplatz ist alles da, was zur „Kultur" gehört, aber die gebratenen Tauben fliegen einem nichts ins Maul, dafür gibt's aber dort etwas, was die meisten von uns jungen Menschen in der alten Heimat nicht kannten: Wir sollen nicht nur, sondern wir können arbeiten. Kein einziger von uns verdient sein Brot leicht. Im Kaffeehaus herumlungern oder durch die Straßen bummeln, das gibt es nicht. Wir arbeiten schwer, aber wir haben genug zum Leben. Der Wasserballer der Hakoah, Haftl, lebt mit uns in der gleichen Stadt und ist Besitzer einer Spenglerwerkstätte. Bisher war auch unser alter Klubkamerad, der Wasserballer Rosenblatt, bei uns, doch jetzt übersiedelt er nach Haifa, wo er als Geschäftsführer eines Modehauses eine gute Stelle antritt. Dort wird er mit dem Wasserballstar der Hakoah, dem vielfachen Internationalen Flesch, zusammen sein. Wir Schwimmer fanden alle die größte Unterstützung beim ehemaligen Schwimmwart der Hakoah, Weigler, der als erster von uns nacli Palästina übersiedelte und dort den Schwimmsport zu organisieren begann. Er ist Beamter des größten Elektrizitätsunternehmens des Landes. Der Boxer Laub hat eine ganze Reihe von Berufen hinter sich. Er versuchte sich als Berufsboxer, freilich auch in Palästina ohne viel Erfolg, dann als Kellner und Bauarbeiter, und ist jetzt Betonarbeiter in Tel-Aviv. Der ehemals bekannte Läufer der Hakoah- Fußballmannschaft, Gitschi P o 11 a k, ist Trainer des Makkabi Tel-Aviv geworden und hat mit seinen Schutzbefohlenen großen Erfolg. Während sie früher eine untergeordnete Rolle spielten, brachte er sie heuer bis ins Cupfinalc, wo sie vom Hapoel-Jerusalem nur ganz knapp 2:3 geschlagen wurden. Mit Pollak zusammen lebt der Ringer Hirse hl, der erst vor kurzem in Palästina eintraf. Er fand sofort eine Stelle als Fleischer und fühlt sich sehr wohl und zufrieden. In der Makkabi-Mannschaft spielt ein Bruder des Linksaußen der Hakoahner, Reich, mit gutem Erfolg als Linksaußen. Am weitesten von allen Hakoahnern hat es der ehemalige Hockeyspieler Rosental gebracht, der schon vor Jahren nach Palästina auswanderte. Er hat einen hebräischen Namen angenommen, Uri Nadav, ist Präsident des Sportverbandes Palästina und genießt im ganzen Lande größtes Ansehen. Ungefähr gleichzeitig mit ihm wanderte der Hakoah-Läufer Lumek aus. Er ist Maurer, aber Spitzenarbeiter — er mauert an den Häusern die Ecken und verdient bis zu einem Pfund im Tag, was selbst für einen sehr gut bezahlten palästinensischen Arbeiter viel ist. Die Hakoah-Leichtathleten sind in Palästina auch schon durch eine kleine Kolonie vertreten. Der Langstreckenläufer Walter F r a n k 1, der Gegner Blödys, blieb als einziger europäischer Sportler nach der Makkabiade 1932 (die jüdischen olympischen Spiele) im Lande. Er ist Turnlehrer an verschiedenen Schulen und erst durch ihn wurde die palästinensische Leichtathletik in Schwung gebracht. W e i n e r, der der Rennmannschaft der Hakoah angehörte, hatte das Glück, kurz nach seinem Eintreffen einen Beamtenposten zu erhalten. Der Sprinter Klein arbeitet in den Orangengärten der Kolonie Petach Tikwah. Der Hakoahner Witt mann, der sich jahrelang um die Eishockeymannschaft seines Vereines bemühte, ist bei einer Regierungsstelle in Haifa angestellt. Sein Sport- und Klubkollege Zuckermann ist Bauarbeiter geworden. Der Ringer Flamm besitzt ein Autotaxi, und Steinhardt, ebenfalls ein ehemaliger Wiener Ringer, ist Korrespondent. Kurt Reisinger, der seinerzeit in Wien bei den Motorrad-Fußballspielen mitwirkte, ist in einer Motorradfirma tätig und beschäftigt sich außerdienstlich als Instruktor für Motorradrennen. Diese Liste ließe sich noch bedeutend ausdehnen, doch soll sie nur jene Leute umfassen, die bereits in Oesterreich sportlich hervortraten und dadurch bekannter sind. Zusammenfassend ist zu sagen, daß es fast mit ganz wenigen Ausnahmen allen ehemaligen Wienern in ihrer neuen Heimat gut geht. Soweit sie Sportler waren, sind sie auch in Palästina weiterhin sportlich tätig, wenn auch keiner von uns mehr die Möglichkeit hat, sich so ganz dem Sport zu widmen, wie es in Wien der Fall war." 31

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.