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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 28

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 28 (sequence 30)
Language
German
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BUCHSE SPRECH UN© Der Trost des Volkes Schalon. Asch fügt seinem ,Roman", der unter dar Ueberschrift „Der Trost des Volkes" vor kurzem im Verlag der Bibliothek zeitgenössischer Werke in Zürich erschienen ist, folgendes Nachwort bei: „Der Verfasser dankt dem Herrn der Welt, daß Er ihn für würdig befunden hat, dieses Buch zu Ende zu bringen, in dem das Leben des „Psalmenjuden" beschrieben wird — Qott zur Ehre, den bedrückten Menschenherzen zum Tröste. . " Wer dieses Buch liest, sagt sich ganz von selbst, daß heißer Dank dafür zu sagen ist. Und wenn man dann auf der nachfolgenden Seite dieses Nachwort findet, verstellt man die Rührung, die den Dichter überkommen haben muß, als das Werk vollendet war. Es ist kein „Roman", sondern ein aus dem Leben heraus geschriebener Klagegesang und ein gläubiger, in der Klage lebensvoller und lebensfreudiger, ein ganz zu tiefst gläubiger Gesang des Volkes an öott den Herrn. Hier hat die Kritik und hat vor allem die skeptische Nörglersucht zu schweigen, die heute, an der Schwelle eines neuen religiösen Zeitalters, den Gedanken an Gläubigkeit aus alter Gewohnheit weit von sich weisen möchte. Ebenso mögen jene schweigen, die der Gläubigkeit Vorsehrifte(u bindend vorschreiben und dabei übersehen, daß außerhalb ihres engen Kreises ein Glauben nach außen drängt, weil er bereits innen lebt und nur darnach strebt, sich zu geben. Es ist die Geschichte des „Psalmenjuden", ein jüdisches Schicksal, erzählt von der Geburt bis zum Tode. Erzählt als schmucklose Milieuschilderung, ohne Hemmung und ohne Schönfärberei, eine Bloßlegung des wirklichen jüdischen Lebens v or hundert Jahren etwa, so, wie es war, alß das Leben der heutigen Judenheit mit ihrer Zerrisssenheit von Ost und West aus ihm hervorgegangen ist. Das Leben, das Milieu, das Schicksal spricht von selbst und kein Wort der Meinung des Dichters wird beigefügt. Er steht in seiner Dichterkraft so mitten in diesem Geschehen als einer aus dem Volke, daß er mit dem Erzählen dessen, was er in sich sieht, alles gesagt hat, was er in seinem Dichterreichtum zu sagen hat. Je weiter sich das Schicksal des „Psalmenjaden" erfüllt, desto erschütternder erscheint das fast zweitausend» jährige Schicksal des heimatlos gewordenen Judenvolkes in einem kleinen Brennspiegel mit iiberdeutlicher Erkennbarkeit vor dem Leserauge. Was Denkerkraft nicht vermag, die Mannigfaltigkeit und Einheit eines Volksschieksals ' darzulegen, das kann der Dichter, wenn er sich aus seiner Kraft heraus berufen fühlt, für sein Volk zu sprechen. Keine Rede und kein Appell wird vor irgendeinem nichtjüdischen Kreis oder einer nichtjüdischen Macht, wenn sie nur ein klein - wenig Menschlichkeit in sich beherbergt, so klar und lebenswahr das vertreten, was man die Judenfrage nennt. Und man wird keine einzige Zeile in diesem Buche finden, die polemisiert oder einen Gedanken erläuternd oder meinend ausspricht. Alles kommt wie aus einem Meisterguß aus der schlichten und aufwühlenden Erzählung. Schon äußerlich zeigt sich das Meisterwerk. Wie ein Mosaik der erlesensten Milieukunst beginnt das Werk — der Abschnitt, der im letzten Heft veröffentlicht wurde, ist ein Kleinkunstwerk für sich —, und mit der Mannwerdutig IHl®CIHl§CIHiyiLi^ erteilt Unterricht in allen Mittelschulfächern sowie Französisch und Violine an Volks- und Untermittelschüler. Erstklassige Referenzen. Unter „Zeitgemäße Preise" an die Administr, dieses Blattes des „Psalmenjuden" erhebt sich langsam und stetig die Wucht des Geschehens ins Volkhafte, zur Schicksalshöhe der Jahrtausende und läßt den Leser nicht aus der Erschütterung. Das trostreiche Ende klingt im Ohr wie ein Schimmer der Erlösung. Ein Schimmer, denn daß es Leben werde, das kann der Dichter nicht besorgen, das muß aus dem Leben des Volkes selbst erstehen. Lebensmüde wird jedenfalls niemand das Buch aus der Hand legen. Mancher wird, wenn er zu Ende gelesen hat, in sich eine Kraft entdecken, die er nicht vermutet hatte. Er wird verstehen, was es bedeutet, einer Schicksalsgemeinschaft anzugehören, er wird ahnen, was Schicksal ist und was der Glaube vermag, der in jedem Menschen wohnt, solange er Lebenskraft besitzt. In vielen wird er ein Gefühl der Verpflichtung wecken, das Judenschicksal zu begreifen, nicht in Gedanken, sondern mit lebendigem Gefühl, das Judenschicksal, das alle Juden umfaßt, weil das Schicksal es so gewollt hatte. „Im irdischen Dasein ist die Seele unsichtbar. Dennoch erfassen wir sie durch die Taten des Menschen, die der Inhalt seiner Seele sind. Durch seine Werke kann er seine Seele veredeln. Wenn sie nicht von edelster Herkunft ist, kann er sie höher emporbringen, indem er sie durch seine eigene Persönlichkeit bereichert. Das eben ist der wahre Zweck des Menschen auf Erden — seine Seele zu bereichern und sie edler und schöner zum Throne der Herrlichkeit zurückzubringen, als er sie erhalten hat. Deshalb hat auch der Herr der Welt dem Menschen die Gabe der eigenen Wahl verliehen nach dem Worte der Schrift: „Alles stammt vom Himmel, außer der Furcht vor dem Himmel!" Denn die Furcht ist der Beginn der Liebe zu Gott. Der Herr will eben, daß der Mensch aus freien Stücken und freiem Willen zu ihm komme, auf daß er Persönlichkeit erhalte und eigenen Adel ausstrahle." So ein Selbstgespräch des „Psalmenjuden". Die Not der Zeit gebiert Verstehen und Lebenskraft. Das jüdische Volk ist meilenfern vom Untergang, wenn aus seiner Mitte ein Dichter die Kraft erhielt, den „Trost des Volkes" zu sprechen.!!% Il\ ■■ 1 Jteue Jtiiefaf (Die Redaktion behält sich ausführliche Besprechungen vor.) Arnold Zweig: Bilanz der deutschen Judenheit IQ 3 3. Querido-Verlag, Amsterdam. Erich Gottgetreu: Das Land der Söhne (Palästina nähergerückt). Verlag Richard Länyi, Wien. Hugo Herrmann: P a 1 ä s t i n a-K u n d e, III. Teil. Fiba-Verlag, Wien. Alma nach auf .das Jahr 5 6 9 5. E. Schocken- Verlag, Berlin. Fritz Rosenthal: „Die Lieder des ewigen Brunnen". R. Löwit-Verlag, Wien-Leipzig. Dichter, Denker, Helfer. Max Brod zum 50. Geburtstag. Herausgegeben von Felix Weltsch. Verlag von Julius Kittls Nachfolger, Keller & Co., Mähr.-Ostrau. 28

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