Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Univ.-Professor Dr. Max Eisler, Wien: Vxm, de*, JCumt das iitfaeSeni Seitdem das Nationalgefühl des Juden neu erwacht ist, beschäftigt ihn immer wieder die Frage: „Gibt es eine jüdische Kunst?" Die Antwort lautet sehr verschieden. Jedenfalls: Diejenigen, die eine solche Kunst wünschen, bejahen die Frage. Und sie mögen heute in der Mehrheit sein. Aber das entscheidet nicht. Ja, der Streit der Meinungen in dieser Sache ist vielleicht überhaupt müßig. Wichtiger wäre, dieser jüdischen Kunst, sie mag schon bestehen oder nicht, auf den Weg zu helfen. Und nach allen planmäßigen Irrgängen des letzten Menschenalters zeigt sich jetzt ein klarer, sicherer Weg, um vorwärts zu kommen: die Pflege der hebräischen Schrift. Denn das Schreiben vereinigt alle guten Eigenschaften, die ein eigentümliches Kunstwesen begründen können. Da ist zunächst die Tradition. Keine echte Kunst wird ohne Tradition. Die Tradition ist der gesunde, wurzelhafte Boden jeder Kultur, also auch der Kultur in der Kunst. Durch Jahrhunderte haben sich die besten volkstümlichen Kräfte in ihr ausgesprochen. Will man zu einer nationalen Kunst gelangen, dann muß man der Ueberliefeiung bis dorthin nachgehen, wo man auf reine, wenn auch noch so bescheidene Werke des Volkes stößt. Keine reiner als die Werke der Schreiber. Denn sie sind nicht nur un - zweifelhaft jüdisch, bewegt von den Pulsen der jüdischen Seele, sie sind auch tadellos in ihrer Arbeit. Und mit der Arbeit beginnt die Kunst. Die hebräische Schrift hat in den Jahrtausenden eine reiche Entwicklung durchgemacht. Schon die verschiedenen Aufgaben, die sie sich stellte — das Beschreiben der pergamentnen Gesetzesrollen, der heiligen und gelehrten Schriften, der Gebete, der Briefe, aber auch die Behauung von Steinen, die Bemalung von Wänden mit Schriftzeichen —, sie haben verschiedene Formen hervorgebracht. Monumentales wechselt mit Dekorativem und bloß Zweckmäßigem. Die Aufenthalte, Stimmungen, Schicksale und Umwelten des Volkes haben ihre Einflüsse ausgeübt. Trotz alledem — in ihren guten Zeiten ist die Schrift immer ein richtiges, edles Handwerk geblieben, ausgehend von der Unterlage, dem Werkzeug und dem Hilfsmittel, von Tinte oder Farbe, gesetzmäßig aus diesen Bedingungen abgeleitet und darum vollkommen im Buchstaben, im Wort, in der Zeile, im Blatt oder der Platte. In schöner, lebhafter oder streng gemessener Ordnung fügte sich das Einzelne zum Ganzen, ergab eine rhythmische Harmonie, ein reines Kunstwerk. Der hohe Gedanke, der hier zum Wortbild wurde, die symbolischen Bedeutungen, die Magie der Zeichen, aus fernen Ursprüngen des Vo lks wesens hervorg ck o m m e n, haben aus diesem Kunstwerk ein jüdisches gemacht. Die Erneuerung der hebräischen Schrift in unseren Tagen geht diesen organischen Weg. Eine Probe von der Hand eines jungen Wiener Künstlers, Siegmund Forst, zeigt das. In der Schule L a r i s c h, also vom Meister der modernen Schriftkunst herangebildet, übt er, was ihm gelehrt wurde: er schreibt. Die Buchstaben sind nicht vorgezeichnet und dann mit Tusche ausgefüllt. Sondern die aus schönen alten Vorlagen neu und lebendig entwickelten Zeichen sind durchgeschrieben. So fügt sich dann eines zum andern, wohl gebildet und geordnet, ein reiner und großer Zusammenh a n g. Für sich schon wertvoll und auch von weitreichendem grundsätzlichen Sinn. Denn nach Arbeit und Richtung, nach Moral und Charakter ist in diesem einfachen Tun vorgezeichnet, was jede andere „höhere" Tätigkeit beherrschen muß, soll sie jüdische Kunst sein. Ein zweites Blatt von Forst, ein „Misrach", zeigt dann, wie dieses gute und schöne Schreiben schon hinüberspielt in die Bilderkunst. Denn in diesen Holzschnitt sind nicht nur Schriftzeichen eingesetzt, es ist auch dieselbe Hand, derselbe Nerv, dieselbe in jeder Hinsicht fromme Gesinnung, die die Bilder der zwölf jüdischen Stämme hervorgebracht und mit einem sehr zarten, sehr intensiven Gefühl für das Leben der schwarz-weißen Fläche geordnet hat. Das ist der Beginn des Weges, der folgerecht zu einer echten, altneuen jüdischen Kunst führt, wahrhaftig wert, um beachtet und von jedermann gefördert zu werden. In Wien stehen schon seit Jahren junge, geschulte Schreiberhände bereit. Nun liegt es an allen, die irgendwie, irgendwann Aufträge haben, diese Hände zu beschäftigen. Jede Arbeit, die sie vergeben, wird die Grundlegung jüdischen Kunstschaffens wirkungsvoll befruchten. 10