Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695763--364-8245875- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kol nidre Alle Gelübde . . . Ein Akkord, eine Melodie . . . Ueberall, wo Juden wohnen, werden tausende in kleinen Bethäusern und prunkvollen Synagogen sich versammeln, um sich zur Versöhnung mit Gott vorzubereiten, in wehmutvoller banger Stimmung ihr Gebet in das von Kerzenlicht bestrahlte Gotteshaus hinaussendend — zum Ewigen, Namenlosen, Unsichtbaren. Es kommt der Augenblick, der erzittern macht, da die Pforte zur Heiligen Lade geöffnet wird und die Thorarollen sichtbar werden. Und während tiefes Schauern die Schar der Beter ergreift, hebt sich leise die Melodie, ein halb gesungenes, halb gesprochenes Gebet, in dem alles liegt, was das jüdische, sittlichgläubige Herz bewegt: ein kräftiges, zuversichtliches Jauchzen, das kühn aufsteigt; ein in die Tiefen der Seele dringendes Schluchzen, dem ein Triller der Hoffnung antwortet, um wie eine Erfüllung zu enden. Und sie alle, die Juden in den weisen, langen Gewändern und die Juden in einfach-dunklem Feiertagsgewand, vernehmen den Ruf in der Höhe: „Es sei vergeben der ganzen Gemeinschaft Israel und dem Fremden, der in ihrer Mitte wohnt, denn das ganze Volk hat gesündigt durch Irrtum . . ." Von der Melodie des Gebets ergriffen, denkt niemand daran, daß unser Kol nidre eine unendlich lange Leidensgeschichte hat, ein Stück jüdischer Leidensgeschichte in sich birgt. Schon im 13. Jahrhundert, zur Zeit der öffentlichen Disputationen und der Blut- und Hostienschändungsbeschuldigungen, haben unsere Feinde versucht, die Heiligkeit der Eide und der Gelöbnisse durch Fälschungen zu diskreditieren. Die Verleumder beriefen sich auf Kol nidre als den Beweis einer leichtfertigen, ja moralisch verwerfbaren Auffassung des Eides bei den Juden, denen erlaubt sei, Andersgläubigen gegenüber einen falschen Eid zu schwören. Sie verlangten die Oeffnung „bisher verheimlichter Quellen" und liefen Sturm gegen eine „geheime" jüdische Institution, welche die Auflösung von Gelübden gestatte. Das feierlichste Gebet des Jörn Kippur wird zu einem antijüdischen Angriff mißbraucht. Die gemeinste Fälschung begehen die antisemitischen „Gelehrten", bekanntlich nicht wählerisch in ihren Mitteln, dadurch, daß sie die zwei wichtigen Wörter „AI nafschatana" (für unsere eigene Person) im Kol nidre-Text weglassen und aus diesem Trick die Waffen in den „Protokollen der Weisen von Z i o n" gegen den jüdischen Glaubenskodex schmieden. Man glaube nicht, daß es hier bloß um eine Verunglimpfung der religiösen Lehre geht. Indem die Verleumder die Heiligkeit des Eides untergraben, wollen sie die jüdische Moral, die jüdische Ehre, das jüdische Volk treffen. Gerade Kol nidre, der Ausdruck der schlichten jüdischen Seele, von einem unbekannten Autor in aramäischer Sprache verfaßt, soll das sittliche Anrecht des Judentums in der Welt zu Fall bringen. Welch teuflische Idee! Aber es half nichts. Kol nidre blieb bestehen. Alle Angriffe waren vergebens. So wie das Pessachfest troß der Ritualmordbeschuldigungen sich durch die Jahrhunderte in unverändertem Ritus erhielt, so konnten auch die Fälschungen und Reformierungsversuche des Kol nidre diesem einzigartigen Gebet, dieser einzigartigen Melodie nichts anhaben. Es wird in den kleinen Bethäusern und in den prunkvollen Synagogen mit der gleichen Inbrunst und Ergriffenheit wie je als Mahnung zu reiner Gesinnung, zu edlem Fühlen, zu wahrer Versöhnung zwischen Menschen und Völkern empfangen. So ist das alte unzerstörbare Kol nidre auch ein sittlicher Faktor für das Judentum geworden, das selbst im Strom der Tränen, in den Epochen der Verfolgung und Vergewaltigung die Aufgabe „Frieden zu stiften" nicht vergessen hat, mitten unter seinen Widersachern hier in der Galuth, dort in Erez Israel. roB nonm roro t x«-:- T : wünscht allen Beziehern, Lesern und Freunden das »Wiener Jüdische Familienblatt« 2