Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 8 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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!Buchbtep%ccfuu\$et\ Ein befreiendes Buch. In der Reihe der Sonderschriften der „Berichte zur Kultur- und Zeitgeschichte" im Wiener Reinhold-Verla;4 ist ein kleines, sehr leicht lesbares Büchlein von Dr. O. M. Karpfen unter dem Titel „Wege nach Rom" erschienen, welches in seinem ersten Teil eine ganz ausgezeichnete Uebersicht über den Stand der heutigen Wissenschaft gibt. Die Stubengelehrsamkeit unserer Professoren hat bekanntlich alle Wissenschaften, und alljährlich einige neue Abarten dazu, so verwissenschaftlicht und spezialisiert, daß niemand imstande ist, sich ein Bild des Wissens unserer Zeit „wissenschaftlich" zu formen. Vor dem Wald des „Wissens" ist das Verstehen, ja die Möglichkeit des Ueberblickens und Begreifens geschwunden. Kein Wunder, daß das, was man Weltanschauung nennt und wissenschaftlich als Philosophie bezeichnet, eine ganz trockene und fernab vom Leben vegetierende „Wissenschaft" geworden ist. Dabei wurde die moderne Wissenschaft so hochnäsig, daß sie sich einbildet, es werde ihr noch gelingen, Leben zu erzeugen und den Menschen zu „konstruieren". Es gibt kein Wunder mehr, es gibt kein Glauben, nur ein Wissen, ein Kennen von Gesetzen der Natur. Die Kehrseite der Segnungen der Naturwissenschaft und Technik haben die Menschen in diesem Jahrhundert bereits kennengelernt. Auch die Wissenschaft ist ihrer selbst nicht mehr sicher. Wie drastisch und dabei auf Grund gediegenen Wissens der Stand der Wissenschaft geschildert wird, mag folgendes Zitat zeigen: „Unsere Vorstellung vom Atom hat sich also grundlegend gewandelt. An die Stelle einer Billardkugel ist ein winziges Sonnensystem getreten. Nicht zu leugnen, daß diese Vorstellung unserem Verstand Ungeheuerliches zumutet. So ein ganzes Atomsystem nimmt einen Raum von Bruchfeilen eines Milli-Mikron (Tausendtausendstel eines Millimeters) ein. In diesem Raum aber kreisen die Elektronen mit Geschwindigkeiten von hunderfen Kilometern in der Sekunde. Der Verstand, der sich das vorstellen kann, oder sagen wir ehrlicher, daran ernstlich zu glauben vermag, muß erst noch geboren werden. Gleichwohl werden uns diese Tatsachen sehr ernstlich versichert von Professoren, die mit bedauerndem Achselzucken erklären, daß sie an Wunder nicht mehr glauben können. Im praktischen Leben verhalten sich die Professoren allerdings so, als ob auch sie an ihre eigenen Aufstellungen nicht glaubten. Ein englischer Physiker unserer Zeit beschreibt köstlich die Physikalischen Vorgänge, die sich ereignen, wenn er die chwelle seines Zimmers übertreten will. Der Professor, bestehend aus einem Gewebe von vielen Millionen Zellen, von denen , jede aus einem Fliegenschwarm von Millionen Atomen besteht, die alle auf sehr lockere und rätselhafte Weise zusammenhalten, dieser so beschaffene Professor bewegt sich, zugleich mit der Erde, mit einer Geschwindigkeit von tausenden Kilometern um die Sonne, zugleich mit dem ganzen Sonnensystem mit einer Geschwindigkeit von tausenden Kilometern gegen einen unbekannten Punkt des Weltalls. Trotz dieser einigermaßen erschwerenden Umstände macht er den Versuch, das Schwellbrett seiner Tür zu erreichen, ein Brett, welches mit weiß Gott wieviel tausend Kilometern Geschwindigkeit in der Sekunde durch den Aether saust und welches eigentlich gar kein Brett ist, sondern ein Fliegenschwarm von vielen Millionen Atomen, in deren jedem die Elektronen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit umhersausen, die eigentlich genau genommen gar keine Materie, sondern Wellenpakete sind. Man bedenke die Folgen eines Fehltrittes! Es ist klar, daß der Professor, der an das eben Vorgetragene wirklich glaubt, es niemals wagen wird, die Schwelle seines Zimmers zu überschreiten, sondern ewig draußen bleiben muß, wo ihn kaum mindere Gefahren umlauern. Wer glaubt das? Es ist eine Ironie des Schicksals, daß uns solcher Wunderglaube gerade von den Wunder u n gläubigen zugemutet wird. Begreiflich, daß der englische Physiker von dem mystischen Charakter der modernen Physik spricht und sie am liebsten dem Laien verschließen möchte mit der Warnungstafel: Achtung! Wegen Umbau geschlossen!" Es gibt eben nicht nur ein Wissen, sondern auch einen Glauben, und wer im unersättlichen Wissensdurst fortschreitet, der kommt zu einer Wissensmystik, die nur Glauben, kein Wissen ermöglicht, aber wegen ihrer Falschmeldung als „Wissen" und „Wissenschaft" ungenießbar werden muß. Der zweite Teil des Büchleins ist, vom Standpunkt des Verfassers, der katholischen Religion gewidmet. Das sollte aber keinen Juden abhalten, die Schrift zu lesen, denn auch wir Juden können uns freuen, wenn wer immer zur Einsicht und zu einer lebensvollen Weltanschauung fortzuschreiten vermag. Jedenfalls gewinnt man einen befreienden Einblick in die Werkstatt einfachen Denkens, befreit von der Trockenheit einer bereits ins Nebulose abgeirrten Wissenschaft, die kein Wissen mehr vermittelt. Palästina in der Rocktasche. Wenn jemand ohne genügende Vorbereitung durch Palästina reist, stürmt eine solche Fülle von Bildern auf ihn ein, daß er verwirrt wird und jede Uebersicht verliert, ja den Dingen hilflos gegenübersteht. Der Wiener Fiba-Verlag ist auf den Gedanken gekommen, diesem Uebelstand abzuhelfen. Das soeben erschienene „N eue Palästina-Handbuc h", ein handlicher Band mit 552 Seiten und zahlreichen Karten, enthält ein Material, wie es in solcher Menge und Gliederung noch nicht vorhanden gewesen ist: Ein erstklassiger Baedeker! Ein gediegener Führer! Im Allgemeinen Teil finden wir Informationen über Schiffahrtslinien, Fahrpreise, Zollvorschriften, Währungsfragen, Postverhälfnisse; im beschreibenden Teil folgt eine Uebersicht über Städte, Dörfer und Siedlungen mit einer minutiösen Genauigkeit. Eine Liste der jüdischen Siedlungen gibt ein Bild des großen Aufbauwerkes. Das vorzügliche Werk ist aber auch eine amüsante und lehrreiche Lektüre für alle, die nicht das Glück haben, nach Palästina zu reisen, sondern es bloß im - Handbuch genießen können ... H. K. SCHALOM ASCH DER TROST DES VOLKES R OMAN / 1.-5. Tausend Dieser neueste große Bekenntnisroman des berühmten Erzählers, eine wunderbare Dichtung, ist der Höhepunkt seines Schaffens. Ganz/einenband S 11.55 In alltn Buchhandlungen BIBLIOTHEK ZEITGENÖSSISCHER WERKE Zürich / Leipzig / Wien 32