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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-05-01 · 7 (Mai 1934) · p. Seite 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
7 (Mai 1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 38 (sequence 40)
Language
German
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Der neugierige Fischer Ein Mädchen erzählt Ein Fischer fuhr aufs Meer hinaus, Fische fangen. Viele Stunden kreuzte sein Boot die Fluten. Und als der Abend golden vom Himmel sank und die Sonne rot glühend w ie eine leuchtende Feuerkugel langsam in den Wasserspiegel fiel, da hatte der Fischer noch keinen Fisch in seinem Netz. Betrübt wollte er dieses schon einziehen und nachhause fahren, da wurde das Netz plötzlich ganz schwer und freudig begann er es hochzuziehen. Als er es aber über den Rand des Bootes zog, da, was entdeckte er? Eine Schildkröte war es, welche sich i:i die Maschen seines Netzes verstrickt hatte. Eine Schildkröte, w elche sicher schon an die 500 Jahre zählte. Da aber nun Schildkröten ein Alter von 1000 und noch viel mehr Jahren erreichen und darum dem Wassergott geweiht sind, sah er sie nur einen Moment lang genau an und ließ sie dann wieder in ihr Element zurücksinken, denn er wollte den Meergott doch nicht erzürnen. Ein bißchen ängstlich war ihm dabei zu Mut, denn für die Schildkröte hätte er im Dorf, in welchem er lebte, viel Geld bekommen und so mußte er sich entschließen, mit leeren Netzen zurückzufahren. Traurig und langsam wandle er das Boot und fuhr dem Ufer entgegen. Sein Weg war noch weit, denn der Tag war lang gew esen und der Fischer war immer weiter und weiter hinausgerudert, hoffend, dort vielleicht einen Fang zu tun. Da erschütterte plötzlich eine leise Schwankung seinen Kahn und weckte ihn aus seiner Vcrsunkenheit. Und - - o Staunen, was erblickte sein Auge? Am Rande seines Bootes saß eine wunderschöne, dunkelhaarige Maid. Ihre langen, schwarzen Haare reichten bis zu ihren Füßen und noch weiter hinab, ins Wasser. Ihre Haut war weiß und zart wie Elfenbein und die Augen groß und strahlend blau wie der Himmel am frühen Morgen. Und als er näher hinsah, da erblickte er in ihren schwarzen Haaren eine kleine blitzende Krone aus vielen Steinten und Perlen. Da wußte er, daß die Tochter des Meergottes zu ihm emporgestiegen war und sie sprach zu ihm: „Fremder Jüngling, mein Vater, der Meergott, sendet mich zu dir, um dir zu danken. Du hast die Schildkröte, welche ihm geweiht ist, und viele hundert und aberhundert Jahre alt wird, unversehrt seinem Reich zurückgegeben und dich weder von Gewinnsucht noch Eigennutz verleiten lassen, sie zu töten. Dafür weiß auch ich dir Dank. Willst du mein Gatte sein, komm mit mir. Ich führe dich in das Reich meines Vaters." Und so geschah es auch. Die Meeresprinzessin führte den Fischerknaben in das Reich ihres Vaters und sie lebten in einem herrlichen Palast glücklich und in Freuden. Als aber vier Jahre um waren, da packte den Fischer, welcher nun reich war, herrliche Kleider und die schönsten Edelsteine besaß, schreckliche Sehnsucht nach Vater und Mutter, nach seiner Schwester und all den früheren Freunden im Dorf. Und er ging zu seiner Gattin und klagte ihr sein Leid. Und sie sprach: „Liebster Gatte, nur ungern lasse ich dich ziehen. Denn meine Angst ist groß, daß du den Weg zurück zu mir und dem Palast meines Vaters nicht mehr finden wirst." Der Fischer aber war so unglücklich, wurde krank vor Heimweh und von Tag zu Tag bleicher. Das aber konnte die Prinzessin nicht länger mit ansehen. Und sie sprach wieder: „Fahr' hin, suche die Deinen auf. Ich habe viel über deinen Wunsch nachgedacht und habe auch einen Weg gefunden, wie wir uns wiedersehen werden. Nimm diese Schachtel hier!" Damit reichte sie ihm ein dunkles Kästchen aus Ebenholz und Perleu, in dessen Mitte eine funkelnde kleine Krone gestreut war. Um das Kästchen herum aber war eine goldene Schnur geschlungen und die Prinzessin sagte: „Wenn du dieses Kästchen unversehrt zurückbringst und nicht öffnest, dann werden wir uns wiedersehen. Wo nicht, wenn du dich von Neugierde verleiten läßt, wird dieser Palast für dich unauffindbar bleiben und unser gemeinsames Leben hat mit dem heutigen Tag ein Ende." Der Fischer versprach alles und fuhr freudig an die Oberfläche des Meeres, seiner Heimat entgegen. Als er aber in das Dorf kam, da stand nichts mehr an seinem alten Platz. In dem Haus seiner Eltern lebten fremde Menschen. Die Eltern aber waren tot und er konnte nur mehr ihre Gräber besuchen. Vierhundert Jahre waren vergangen. In seinem Glück waren sie ihm wie vier Jahre erschienen. Da weinte der Fischer gar sehr, denn er fühlte sich schrecklich einsam und verlassen. Alle seine Freunde waren tot, niemand erkannte ihn. Und wie er so weinend und allein auf einer Bank saß, fiel ihm das Geschenk der Prinzessin ein, das Kästchen aus Ebenholz. Hastig suchte er es aus seiner Tasche hervor. Aengstlich sah er sich dann um. Niemand war weit und breit zu erspähen. Er befand sich unweit des Meeres und war auf dem Weg zurück zu seiner Frau. Da dachte er, ein rascher Blick in das Kästchen könnte sicher nichts schaden. Vielleicht war es ein Gruß von ihr, der ihn für die Reise stärken würde. Und er gab sich selbst das Versprechen, daß er ihir seinen Ungehorsam beichten würde. Mit zitternden Fingern löste er die goldene Schnur und hob den Deckel ein kleinwenig empor. Da stieg eine feine Wolke weißen Dunstes aus dem Kästchen gen Himmel empor, drehte sich ein paarmal in der Luft und verschwand. Das Kästchen aber war nun leer. Einen Moment lang sah der Fischer in die weiße Wolke. Als sie verschwunden war, entsank das Kästchen seinen Händen, er fiel um und war tot. 38

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