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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-05-01 · 7 (Mai 1934) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
7 (Mai 1934)
Date
1934-05-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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ZBaden - die DiMXa in da Diutätadt Wo immer man im Bereich der ehemaligen Monarchie mif Juden über den Kurort Bade n bei Wien spricht, kann man im Tone der Bewunderung hören: „Ja, Baden, das ist eben eine Kehilla in einer Stad t!" In diesen Worten drückt sich die höchste Anerkennuno für die so gelungene Synthese aus, die die Stadt für den gesetzestreuen Juden darstellt. In dieser Synthese ist alles enthalten, was des Juden Herz begehrt, und wenn man die Biographie irgend eines Rabbi aus Ungarn zur Hand nimmt, kann man zehn gegen eins wetten, darin auch zu finden, daß er eine Kur in Baden absolviert habe oder gar, was freilich nicht gerade zu Reklamezwecken geschah, dort gestorben sei. Schon zu alten Zeiten hieß, ohne daß recht gesagt werden könnte, warum, das Haus Pfarrgasse 6, das dem jetzigen Bürgermeister Josef Kollmann gehört, das ,,J udenrichterhau s". Es ist aber sonst nicht erwiesen, daß im Mittelalter Juden in Baden ansässig gewesen wären, während dies bei den Nachbarstädten Wr.-Neustadt und M 5 d 1 i n g bestimmt der Fall war. Im Mittelalter wurde Baden von Traiskirchen, das an einem wichtigen Punkte der alten Römerstraße gelegen war, an Bedeutung bei weitem überragt. Traiskirchen besaß schon längst Marktrecht, als Baden noch ein unbedeutendes Dorf war, und es besaß auch im 14. und 15. Jahrhundert eine Judengemeinde, die ihre eigenen Judenrichter hatte. Ein Jude namens Rächern von Traiskirchen (oder, wie man damals schrieb: Dreskirehen.) wird im Jahre 1414 als Einnehmer der österreichischen Judensteuern genannt und eine Mühle außerhalb des Ortes heißt noch heute „J u d e nmühl e", da sich in ihrer Nähe der „J udensfe g" und der .Judenweg" befinden, die die Juden einst auf ihrer Wanderung nach Baden passiert haben mochten. In engster Nachbarschaft Traiskirchens liegt, eine halbe Stunde von Baden entfernt, Tri buswinke 1. Nach der Anschauung einiger Forscher ist der Name dieses Ortes, der früher Tribanswinchel und Tribeswinkel lautete, auf das slawische trib, d. h. Dorf, zurückzuführen. Jedenfalls ist der Ort uralt und da er im Volksmunde auch heute noch oft nur kurz „Winkel" genannt wird, ist es nicht ausgeschlossen, daß er das in der „Wiener Geserah" genannte „Winkl" ist. Sicher ist, daß im 17. Jahrhundert vierzehn jüdische Familien, für jene Zeit also eine ganz ansehnliche Judengemeinde, in Tribuswinkel ansässig waren, die im Sengerhof und in der Wassergasse, der früheren „Judengasse", wohnten. Am Sengerhof, in dem noch jetzt der Eingang zur Synagoge erhalten ist, ließ gelegentlich einer Renovierung im Jahre 1926 der feinsinnige Kenner der Orlsgeschichte, Lehrer H e r r m a n n, einen Davidschild zur Erinnerung anbringen, und diesem Herrn verdanken wir auch den ersten Grabstein fund aus dem in einer Au bei Tribuswinkel befindlichen Judenfriedhof. Der Stein befindet sich vielleicht schon seit dem Abzüge der Juden im Jahre 1671 — in einem Tribuswinkler Bauernhause und sollte eigentlich im nächsfgelegenen jüdischen Friedhofe, also in Baden, zur Aufstellung gebracht werden. Vorläufig wird er allerdings von seiner gegenwärtigen Besitzerin, die sich dabei über die ursprüngliche Art der Erwerbung dieses „Besitzes" keine Gedanken macht, als eine Art glücksbringender Talisman angesehen. Die Inschrift spricht von einem Jizchak, genannt Eisik, aber gerade die Jahreszahl ist stark verwittert und es läßt sich nur mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß der Stein aus dem 17. Jahrhundert stammt. Und dann haben wir in der Umgebung Badens noch T r u m a u, das schon im Jahre 1138 Eigentum des Stiftes Heiligen kreuz gewesen war und auch heute noch einen Meierhof der Zisterzienser besitzt. Im 15. Jahrhundert wurde Trumau von ungarischen Banden geplündert und erst im 16. Jahrhundert durch Kroaten neu besiedelt. Was aber Trumau für uns besonders bemerkenswert macht, ist der Umstand, daß es vielleicht der einzige Ort in Niederösterreich ist, in dem Juden noch nach der Judenvertreibung aus dem ganzen Lande im Jahre 1671 leben durften. Wir wissen nicht, wann dieser Aufenthalt von Juden in Trumau begann und wieviele Familien es waren, die da unter dem Schutze der geistlichen Herren lebten. Sicher ist nur, daß diese Juden von Trumau aus ihre uralten Handelsbeziehungen weifer ausnützten und auch in Baden den eingesessenen Kaufleuten Konkurrenz machten. U n d s o k a m es, daß auf Beschwerden der B a d e n e r Handelsleute hin am 10. Dezember 1709 dem Stifte Heiligenkreuz von Kaiser Josef I. befohlen wurde, die Juden aus Trumau a b z uschaffe n. Die Bürger von Baden wußten jede jüdische Konkurrenz durch Jahrhunderte fernzuhalten, aber im nahen Burgenland, in Maftersburg, weisen schon zwei aus den Jahren 1802 und 1803 stammende Grabinschriften von Juden den Familiennamen „Baden" auf und es muß immerhin im 18. Jahrhundert ganz positive Beziehungen von Juden zu Baden gegeben haben. Die ersten Juden, die Baden in seinen Mauern beherbergte, waren Kurgäste und in deren Gefolge vom Jahre 1780 an „Traifeurs", die rituelle Küchen führten. Solche Traiteurs waren zunächst die Mattersdorfer Juden Isak Schi sc ha und Äron Gelles, die aber erst vom Jahre 1805 an auch außerhalb der Saison im Winter in Baden bleiben durften. Im Jahre 1800 gab es in Baden bereits ein „Judenbad" und bald darauf, im Jahre 1802, gehörte schon das Haus Nr. 19 neben dem Kasino dem Michael Freiherrn von Arnsteiner, k. k. priv. Großhändler in Wien. Nach dem Jahre 1809 konnte der Traiteur Gelles, der sein Geschäft in der Breyerstraße betrieb, in seinem Hause ein privates Betlokal einrichten und am 21. Juli 1820 wurde noch einem Restaurateur die Bewilligung zur Führung des Gewerbes erteilt. Es kamen immer mehr jüdische Kurgäste nach Baden, unter denen der mährische Landesrabbiner Mordechai B e n e t sicher nicht der unbedeutendste war. Diese Kurgäste wollten natürlich auch während der hohen Feiertage im Herbst noch in Baden bleiben und so wurde in den Vierzigerjahren im Hause Wassergasse 14 im Gasthause Herz ein Befsaal eingerichtet. Das Haus befindet sich auch jetzt in jüdischem Besitz; der Eigentümer Dr. S. Deutsch sorgt für Erhaltung der Privatsynagoge, die als Lehrhaus und gelegentlich auch als Betlokal dient. Seit dem Jahre 1848 ließen sieh allmählich immer mehr jüdische Familien, also nicht mehr bloße Kurgäste und Restaurateure, in Baden nieder. Es waren meist Juden aus dem Burgenland und außer den schon genannten Namen fauchen zunächst die der Familien Daniel, H o 1 z e r, Kohn, Lackenbacher, Leitner, Letzter, Rausnitz, S c h e y, Schneider und Weinmann auf. Die Juden von Baden waren zunächst in einem Minjanverein, vom Jahre 1870 an aber schon in einer K u 1 f u s g em e i n d e organisiert und bald erstand auch die heutige Synagoge mit ihren Nebengebäuden. Seif 1873 besitzt die Judengemeinde von Baden einen Friedhof und fünf Jahre später erhielt sie auch einen würdigen geistigen Führer in der Person des aus einer berühmten Rabbinerfamilie stammenden Oberrabbiners Wilhelm Reich. Die Juden Badens haben sich im Leben der Kurstadt eine geachtete Position erobert und auch die jüdischen Kurgäste gehören zum Bilde des Ortes. So hat sieh in dieser Stadt, die zu den schönsten und m odernsten Oesterreichs zählt, ein reges jüdisches Leben entwickelt und auch der frömmste Jude braucht in Baden nichts von den Einrichtungen seiner Heimatgemeinde missen. Dazu kommen aber noch Institutionen der Judenschaft außerhalb Badens, wie das Kurhaus der Wiener Chewra-Kadischa und das orthodoxe Kriegswaisenhaus. In ihren Vorstehern Alexander Braun und jetzt Anton Stern und last not least in ihrem gegenwärtigen Oberrabbiner Dr. H. Carlebach sowie in Rabbiner Salomon Friedmann besitzt die Gemeinde die Repräsentanz und den Ausdruck jenes Geistes geläuterten und edelsten Judentums, den man in Mitteleuropa in solcher Reinkultur nicht allzu oft finden wird. Die Entwicklung der Judengemeinde Baden hält getreulich .Schrift mif der Entwicklung Badens zum Weltkurorf und legt Zeugnis ab für die ideale Zusammenarbeit aller, die guten Willens sind. Die Juden von Baden sind mit ihrer schönen Heimat ehrlich verbunden und für diese Verbundenheit haben auch die auf ihrem Friedhofe ruhenden Soldaten das Leben geopfert. 8

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