Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-06-15 · 12 (15.6.1906) · p. Seite 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
12 (15.6.1906)
Date
1906-06-15
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/8295971-9045928-8238357--310-8189951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

104 LITERATURBLATT No. 12 Kenntnisse. Das Stück beginnt; man spielt vorzüglich; der Inhalt ist ernst• schwere sittliche und religiöse Probleme. Und mit welch heiligen Feiertagsm-ienem lauscht das jüdische Publikum: alte ergraute Gesichter, manch eines mir dem Typ nach vom Brühl in Leipzig bekannt, manch junge Physiognomie״ deren Träger schwerlich, gleich den Alten, Galizien, Rumänien, Kleinrussland, die Ursprungsgebiete des New-Yorker Halbasien, gesehen hat. Die Stimmung wird immer ernster, gespannter; einige junge Leute, die in tragischen Momenten lachen, werden niedergezischt, müssen ihre Plätze verlassen, einer wird angespien. Und was -liegt in diesem Beifall nach dem ersten Akt? Nach dem letzten, na-ch Mitternacht — man hatte, denke ich, um acht Uhr begonnen — we,iss ich. es: Erbauung, Frömmigkeit. Denn hier weht eine Luft, die;■das moderne Theater sonst vermissen lässt: die Luft der Einmütigkeit sittlicher Vorstellungen be! Publikum, Schauspielern und Dichter; hier, gibt es keinen Unterschied in der Auffassung, der Lösung der sittlichen religiösen Fragen im Stück; hier fehlt problematische Bemerkung und Kritik: hier ist Schauspiel noch Gottesdienst! In diesem äusserliich wenig anmuteinden Raume,, in einer Luft, die besser sein konnte, unter Leuten, für deren Mission im europäischen Osten als deutsche Kulturträger ich erst bei dieser Gelegenheit Respekt gewann, ist mir klar geworden, was auch hellenisches Schauspiel einst gewesen sein muss, so lange es Gottesdienst war: und dieser Eindruck steht mir in mehr als einer Hinsicht ebenbürtig neben so ausserordentlichen religiösen Eindrücken wie dem des kölner Dom-s oder dein der erhabenen Ruinen Pästums.“ Eine mittelalterliche Synagoge Rufach. Im hiesigen ehemaligen Judenviertel (zwischen der Eulen- und der Weidengasse) entdeckte vor 30 Jahren Baurat Winkler von Colmar (als Konservator der historischen Denkmäler) in einem Keller Wandschränke, 2 Türen und gotisches Gesimse der Ende des 13. Jahrhunderts erbauten und \vohl schon bei der Judenverfolgung 1309 zerstörten Synagoge. Zufolge der von Geheimrat Prof. Eutfng 1888, S. 20, seiner ״Älteren hebräischen Steine im Eisass“ entzifferten Inschrift ״erwarb David Israelssohn die Türsteine der Synagoge.“ Soeben veröffentlicht (bei Dreyfus-Gebweiler) die ״Gesellschaft für die Geschichte der Israeliten in Elsass-Lothringen“, deren Vorsitzende Konsistorialpräsident L. Lantz in Mülhausen und Konsistorialmitglied H. Levy in Colmar sind, Baurat Winklers Beschreibung und sieben Zeichnungen der hochinteressanten Baureste, sowie des Rabbiners Dr. M. Ginsburger in Sulz, der kürzlich erst den Judenfriedhof Jungholz und die Judengemeinde Metz zum Gegenstände gediegener Abhandlungen gemacht hatte, Geschichte der Juden in Rufach, 50 S. in Grossoktav (mit 4 S. Orts- und Personennamen). Auf Grund vieler Archivalien und Urkundenwerke, auch des hiesigen Landwirtschaftslehrers Walter ״Pfarreien-Urkundenbuch“ und ״Stadtadel Rufach“, wird die Entwicklung der Judengemeinde seit dem 13. Jahrhundert eingehendst erörtert. Die Judenschutzgelder bezog als Pfandherr das Bistum Basel (seit 1279) und Strassburg (seit 1308); Bischof Berthold erhob 1328 zwangsweise 6000 Mk. Wie kürzlich in Russland, wurden auch in Deutschland während des Mittelalter die Juden ihres Vermögens wegen beraubt, vertrieben und verbrannt. -Die Rufacher Familien wanderten namentlich nach Schlettstadt, Colmar und Basel, aus; aber auch viele Städte des Niederrheins und fast alle des Reichslandes sind bei den zahlreichen Wechselbeziehungen in die verdienstliche Abhandlung eingeflochten. Das kaiserliche Hof- und Landgericht zu Rottweil verfügte 1570 zugunsten eines jüdischen Gläubigers eine Zwangsvollstreckung gegen einen hiesigen Bürger. Seit 1338 durfte sich aber kein Jude mehr hier niederlassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.