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Jüdische Rundschau · 1905-04-19 · 2 (19.4.1905) · p. [Seite 22]

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
2 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
[Seite 22] (sequence 1)
Language
German
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Literaturblatt der Jüdischen Rundschau Beilage zu O ״Jüdische Rundschau“ Jahrg. X. No. 16/17 Herausgegeben von Dr. Ijeinrich ״£oeve. Q Redaktion: BERLIN N. W. 52, Melanchthonstrasse 4. No. 2. Berlin, den 14. Nissan 5665 (19. April 1905) Jahrg. 1. Ephraim Moscheh Lilien Bin Regen und Weben geht durch das Jüdische Volk wie von Wiedergeburt und neuem Leben nach hundert- und tausendjähriger Schmach. Der ewige Jude, der seine Wanderschaft seit Zerstörung Jerusalems ruhelos fortgesetzt hat, ist nicht etwa seinem Ende näher gekommen׳, aber er denkt bereits daran, aus eigener Kraft sich die Ruhe wieder zu erkämpfen, die ihm von übermächtiger Hand entrissen worden. Nach langer banger Zeit besinnt er sich auf sich selbst und fühlt junge Lebenskraft in seinen Adern pulsieren. Zu dieser jungen Kraft gehört der Zionismus und die mit ihm aufs innigste verschwisterte jüdische Kunst. Das wiedererwachende Volk will seine alte Freiheit wiedererringen und mit dem aufkeimenden Freiheitsdrang erblüht das Bedürfnis nach Schönheit, das seit der Losreissung vom heimatlichen Boden nur dann sich regt, wenn es von dier Sehnsucht und der Erwartung der alten Heimat begleitet werden kann. Es ist kein Zufall, dass die jüdische Dichtung und die aufkeimende jüdische Kunst die Zeitgenossen Herzls wurden. Das Leben der Nationen vollzieht sich nach ewigen Gesetzen. Der Frühlingsfürst, der das Volk zu eenem neuen Organismus umschafft, und der künstlerische Darsteller des alten sieghaften Stammes und der Leiden seiner späten Enkel mussten einander notwendig ergänzen. Unter den darstellenden Künstlern des jungen Juda hat sich keiner so schnell den Weg gebahnt wie Lilien. Aus dem engsten Ghetto, aus seinen tiefsten und dunkelstem Schlupfwinkeln heraus, die es in Galizien aufgeschlagen hat, ist Ephraim Moscheh Lilien an das Licht der Kulturwelt getreten und hat sein Recht auf einen Anteil an ihr geltend gemacht, sein Recht als Mensch, als Künstler und als Jude. Gewiss hat das erwachende Judentum auch andere Künstler in grosser Zahl und vielleicht grössere hervorgebracht. Aber wie aas Judentum des neunzehnten Jahrhunderts die Freiheit als Emanzipation nur für den einzelnen Juden erstritt, die Selbständigkeit der jüdischen Psyche jedoch jener Generation völlig fremd war, so konnten auch wohl Künstler erstehen, die dem Judenstamme entsprossen^ aber jüdische Künstler und gar eine jüdische Kunst waren undenkbar. Denn noch betrachtete man das Aufgeben des Judentums alls eine Bedingung der Freiheit. Mit dieser Entwicklung hängt es

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