Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1850
- Date
- 1850-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
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18 aus dem Auge verlieren, ebenfalls als Beförderer der Selbstbeherrschung zu betrachten, indem ste an die Stelle der gewöhnlichen Genüsse tretend, welche nur die sinnlichen Neigungen anregen und verstärken, eine Ouelle der edelsten Freuden öffnen. Keine Schule sollte daher unterlassen, durch einen zweckmäßigen Gesangunterricht die Liebe für Musik und Gesang zu wecken und die Schüler so weit zu führen, daß sie späterhin die Gelegenheit zur weitern Ausbildung ihrer musikalischen Anlagen mit Eifer ergreifen. Die heilsame Wirkung, die wir dem Unterricht auf die Selbstbeherrschung zugeschrieben haben, kann jedoch nur dann erfolgen, wenn die Schüler der höhern Bürger- und Realschulen lange genug die Schule besuchen, daß ein tüchtiger Grund in den eigentlichen Wissenschaften gelegt werden kann. Nur in diesem Falle werden sie eine Liebe für die Wissenschaften gewinnen, die nach der Schulzeit fortdauert und den Jüngling auch im Berufsleben zur Erweiterung seiner Kenntnisse anspornt. Leiderist dieses in den meisten Schulen nicht der Fall und auch wir müssen unsere schon öfter ausgesprochenen Klagen über das zu frühe Austreten wiederholen. Der Lehrgang der ersten Klaffe der Knabenwie der Mädchenschule ist auf zwei Jahre berechnet; das zweite Jahr ist bei weitem das wichtigere. Der nun gereiftere Schüler ist in den Sprachen für die Ausarbeitung von Aufgaben befähigt, die nicht bloß eine Fertigkeit im grammatisch-richtigen Ausdrucke und einen gewissen Grad von Sprachgewandtheit, sondern'auch eine Uebung im logischen Denken und in dem, waö man in der Rhetorik die Erfindung nennt, erfordern, die eigentlichen Wissenschaften aber wird er mit geistiger Selbstthätigkeit auffaffen und für eine streng wissenschaftliche Lehrweise empfänglich sein. Erst in diesem Jahre wird der wissenschaftliche Unterricht, das tiefere Eindringen in das bisher Gelernte einen Reiz für ihn gewinnen, der mit dem Austritt aus der Schule, wenn auch der Beruf, dem er sich widmet, eine wissenschaftliche Bildung nicht verlangt, dennoch nicht erlischt. Wenn aber die Schüler nach dem ersten Jahre oder gar noch früher der Schule entzogen werden, zu der Zeit, wenn der Sinn für wissenschaftliche Bildung sich erst zu entfalten beginnt, dann wird der von dem Unterricht zu hoffende sittliche Einfluß nicht eintreten, die kaum erwachte Neigung zu wissenschaftlichen Beschäftigungen wird mit dem Beginn der gewerblichen Lehrjahre erlöschen und, im günstigsten Falle, eine sehr oft schädliche, von der Leihbibliothek gelieferte, Lectüre und sinnlicher Genuß die Mußezeit ausfüllen. Da wir nun die Erfahrung gemacht haben, daß bei einem allzuraschen Vorrücken in die obersten Klassen die Schüler dieser