Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2010
- Issue
- No. 85 (2010)
- Date
- 2010-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die jüdische Gemeinde in Potsdam Von Dr. H.J. Schulze-Eggert Ende 1944 meldete der Potsdamer Polizeipräsident, dass Potsdam nun «für immer judenfrei» sei. Er irrte. Einige wenige waren noch da, unter ihnen Theodor Goldstein, der sich bis zu seinem Tod 1996 für die Pflege des jüdischen Friedhofs und für den Neuanfang der jüdischen Gemeinde eingesetzt hat. Er war lange Jahre der einzige Jude in Potsdam, bis 1990 nach der Wende die ersten jüdischen Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion vor der Tür standen. Am 21. März 1991 erfolgte die Gründung der jüdischen Gemeinde. Inzwischen leben ca. 3500 Juden in Brandenburg, davon 1200 in Potsdam. Mitglied in der jüdischen Gemeinde sind aber nur knapp 400. Aufgenommen wird nur, wer nach jüdischem Gesetz, der Halacha, Jude ist, d.h. eine jüdische Mutter hat, oder konvertiert ist. Viele Familienangehörige erfüllen diese Voraussetzungen nicht, haben «nur» einen jüdischen Vater oder sind als Ehepartner russisch-orthodoxe Christen oder sind zwar Juden, aber nicht religiös. So ist es auch in anderen Gemeinden normal, dass nur ein Teil der jüdisch geprägten Gemeinschaft Mitgiied der (religiösen) Gemeinde ist. Die Gemeinde wird seit 1996 von einem orthodoxen Rabbiner betreut. Nachum Presman kommt aus Israel und gehört der Bewegung Chabad Lubawitsch an, einer chassidischen Bewegung, die auch heute noch als Oberhaupt den 1994 in New York verstorbenen Rebbe Menachem Schnerson anerkennt. 1999 spaltete sich ein kleiner Teil der Gemeinde ab und gründete die «Gesetzestreue jüdische Landesgemeinde Brandenburg» mit streng orthodoxer Glaubensrichtung. Sie beruft sich auf die Tradition der Halberstädter Synagoge. Eine Zusammenarbeit beider Gemeinden gibt es leider nicht. Im Vorstand der jüdischen Gemeinde (und vermutlich auch in den Familien) wird auch achtzehn Jahre nach ihrer Gründung noch russisch gesprochen. Das Durchschnittsalterist hoch und die älteren tun sich schwer mit der deutschen Sprache, wohl auch deswegen, weil sie zu wenig Gelegenheit haben oder suchen, deutsch zu sprechen. Sie finden ihre Kontakte innerhalb der Gemeinde, in der sich inzwischen ein reges kulturelles Leben entwickelt hat. Es gibt das Kultur-, Integrations- und Beratungszentrum (KIBuZ), das vielfältige kulturelle Veranstaltungen organisiert und als überregionale Beratungsstelle die Integration der Zugewanderten fördert. Mit Konzerten (Kammermusikensemble «Arpeggiato») und Ausstellungen seiner zahlreichen Künstler leistet die jüdische Gemeinde inzwischen einen deutlichen Beitrag zum Potsdamer Kulturbetrieb. Auch wenn die Gottesdienste nur wenige Besucher zählen - wie mir gesagt wird -, so werden die religiösen Feste doch stets mit großer Beteiligung auch der Familienangehörigen begangen und gefeiert. Das Jahr 2005 brachte zwei wichtige Veränderungen: Den Staatsvertrag mit dem Land Brandenburg und das neue Zuwanderungsgesetz. Der Staatsvertrag gewährt den acht jüdischen Gemeinden u.a. das Recht auf Schulen und Kitas, darauf, jüdische Friedhöfe zu unterhalten und auf jährliche Zuwendungen in Höhe von 200.000 Euro, die vom Landesverband an alle Gemeinden verteilt werden sollen, auch an die Gesetzestreue Gemeinde, die aber nicht Mitglied im Landesverband ist. Auf ihre Klage hin hat kürzlich das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Gesetzestreuen einen eigenen Anspruch auf Förderung durch das Land haben. Der Staatsvertrag sei insoweit nichtig. Die Auswirkungen dieser Entscheidung weit über Potsdam hinaus sind noch nicht absehbar. Das neue Zuwanderungsgesetz hat bekanntlich dazu geführt, dass seit 2005 kaum noch jüdische Zuwanderer kommen. Für die jüdischen Gemeinden führt das längerfristig dazu, dass sie kleiner werden, denn sie sind überaltert und werden lange brauchen, um sich zu regenerieren. Potsdam kann vielleicht hoffen, als besonders attraktiver Standort nicht so stark betroffen zu sein, insbesondere, wenn die Gemeinde eine eigene, neue Synagoge erhält. Seit 2005 gibt es einen Bauverein für eine neue Synagoge, die in Verbindung mit einem Gemeindezentrum an zentraler Stelle in der Schloßstraße gebaut werden soll. Stadt und Land haben sich dafür engagiert, stellen das Grundstück zur Verfügung und haben bisher schon den Architekten Wettbewerb zu einem guten Ergebnis geführt. Mit Hilfe der Landesregierung wird die Synagoge voraussichtlich sogar bis Ende 2012 gebaut sein, nahezu zeitgleich mit dem benachbarten neuen Landtag in der Hülle des früheren Schlosses. Die jüdische Gemeinde wird auch von den anderen jüdischen Institutionen profitieren, die in Potsdam ihren Sitz haben: Das Moses Mendelssohn Zentrum, das Einsteinforum und das Abraham-Geiger-Kolleg als An-Institut der Universität Potsdam mit europaweiter Bedeutung für die Ausbildung liberaler Rabbiner. Die Integration der jüdischen Zuwanderer und ihrer Familienangehörigen verläuft sehr unterschiedlich. Je jünger sie sind, desto schneller lernen sie die deutsche Sprache und finden ihren Platz in der Gesellschaft. Finden sie keine Ausbildung oder Arbeit in Potsdam, wandern sie ab. Die mittlere Generation, zu einem hohen Anteil Akademiker mit Berufserfahrung, hat es schwer. Oftmals werden ihre beruflichen Abschlüsse nicht anerkannt und trotz verschiedener Qualifizierungsangebote gelingt ihre Vermittlung selbst in den zweiten Arbeitsmarkt nur teilweise. Die Seniorinnen und Senioren integrieren sich kaum noch in die deutsche Gesellschaft, fühlen sich aber nach meinem Eindruck in der jüdischen Gemeinschaft gut aufgehoben und sind dankbar für einen gesicherten Lebensabend. «Die Mahnung» 1.10.2008