Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2008
- Issue
- No. 83 (2008)
- Date
- 2008-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Leitz II - Unternehmer und "Gerechter unter den Völkern" Es geht um einen deutschen Christen, Unternehmer,' Kapitalisten und Retter deutscher Juden. Es waren nicht so viele, wie Oskar Schindler beschützt hat, aber doch genug, um Anfang des Jahres in Palm Beach, Florida, posthum geehrt zu werden. Es geht um Ernst Leitz, den Chef der berühmten Firma Leica in Wetzlar. Er erhielt von der weltweit operierenden Organisation "Anti Defamation League” (ADL) den Preis "Courage to Care" (Mut, sich zu kümmern), weil er bis Anfang der 40er Jahre Juden in seinen Betrieben beschäftigt und ihnen später die Flucht nach Übersee ermöglicht hat. Der Anstoß für diese späte Ehrung kam von einem amerikanischen Rabbiner: Frank Dabba Smith, ein leidenschaftlicher Photograph, erfuhr aus einer Fachzeitschrift für Photographie von deutschen jüdischen Flüchtlingen, die zwischen 1938 und 1940 Woche für Woche vor einer Leica-Fabrik in New York darauf warteten, untergebracht zu werden. Der Augenzeuge hieß Norman Lipton. Er arbeitete damals in der Leica- Lehrlingsausbildungsabteilung und berichtete: "Ich sah um die 20 bis 30 müde Frauen und Männer an der Wand unseres großen offenen Büros aufgereiht. Sie hatten alle Gepäck in der Hand und eine Leica um den Hals. Langsam und der Reihe nach betraten sie das Büro. Alle paar Wochen, wenn die (deutschen Passagierdampfer) ’SS-Bremen1 oder die ’SS-Europa’ an den Hudson River Piers in unserer Nähe angelegt hatten, ging die Prozedur von neuem los." Lipton erinnerte sich auch an die Bemühungen des New Yorker Leica Chefs, die Flüchtlinge in der Photobranche unterzubringen. "Tag für Tag telefonierte der Leica-Geschäftsführer herum auf der Suche nach Stellen, die zur Ausbildung seiner Schützlinge passten. Das konnte bei Kodak, Wollenstack, Itex, Univis oder anderen Optikerunternehmen im Staat New York sein, in Photogeschäften oder-labors, in der Produktion oder Verwaltung." Wie Mark Honigsbaum im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) Mitte Februar in einer langen Reportage berichtete, machte sich Lipton auf die Suche nach seinen ehemaligen Leica-Kollegen und besuchte für ein US-Magazin auch den jüngsten Sohn von Ernst Leitz in der Nähe von Wetzlar. Der sagte nun, sein Vater habe mit dieser Geschichte nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen. Lipton suchte nach weiteren Augenzeugen und so entstand langsam ein Mosaik von dem Ehrenmann und Nazigegner Ernst Leitz. Zu den Informationen, die Lipton nach und nach erhielt, gehörte auch die Nachricht, dass Leitz Mitglied der NSDAP war, was nicht ins Bild dieses Mannes passte. Doch bald stellte es sich heraus, warum Leitz das getan hatte - tun musste. Seine Tochter Elsie hatte einer rassisch gefährdeten jungen Frau, die sich in der Schweiz in Sicherheit bringen musste, Schweizer Franken und eine Landkarte geschenkt. Elsie wurde von der Gestapo festgenommen und eingesperrt. Es dauerte drei Monate, bis Ernst Leitz als Chef eines für die Kriegführung besonders wichtigen Unternehmens seine Tochter frei bekam. Die Preise dafür waren das Parteibuch der Nazis und 1947 ein kurzes Entnazifizierungsverfahren in Wetzlar. Einige seiner Schützlinge, wie z.B. Nathan Rosenthal, bescheinigten der Entnazifizierungsbehörde, was Ernst Leitz für viele Juden getan hat - mindestens 41 verdankten ihm ihr Leben. Rosenthal zitierte aus einem Brief, den er an Leitz geschrieben hat: "Ich werde Ihnen ewig dankbar sein, dass Sie, als ich Ihnen 14 Tage nach Hitlers Machtübernahme mein Anliegen vortrug, meinen Sohn Paul, der sich in der Schule zunehmend dem Antisemitismus der Lehrer ausgesetzt sah, sofort in Ihr Unternehmen aufnahmen, ohne auf die möglichen politischen Konsequenzen zu achten. Die Ausbildung, die er dann bei Ihnen erhielt, und die spätere Anstellung in Ihrem Unternehmen hier in New York ermöglichten uns die Auswanderung, die anderenfalls völlig ausgeschlossen gewesen wäre." Das Entnazifizierungsverfahren wurde nach diesem Brief beendet, doch auch das blieb in der Familie. Ernst Leitz wollte kein Held sein - und war doch einer. I Zln&er&Xe&er &cfireikeyv: ....Ich freue mich sehr, dass die "Mitteilungen" weiter erscheinen. Massel & Broche! Sie fragen in Ihrem Brief, welcher Art meine Beziehung zu Breslau ist. Die einfache Antwort wäre: vielschichtig! Die etwas ausführlichere ist die folgende. Zum einen: Ich wuchs örtlich fern von Breslau, aber mit einer Fülle von Geschichten aus und über "Brassei" auf, immer wieder erzählt von meinen Eltern. Meine Mutter war in den turbulenten Endjahren der Weimarer Republik aus dem kleinen Friedland | in Oberschlesien kommend auf Internat und j Schule der Breslauer Ursulinen am Ritterplatz ij gegangen - in ihrer Erinnerung eine nie versiegende Quelle von Breslau-Schnooken. Meine Eltern lernten sich 1942 durch einen recht komischen und, wie sich dann zeigte, auch glücklichen Zufall im Wartesaal II. Klasse des Breslauer Hauptbahnhofs kennen. Sie heirateten, wurden durch die Kriegsereignisse getrennt, fanden sich auf der Flucht im Glatzer Bergland wieder, verloren dort ihre am 9. Juni 1945 geborene Tochter Christine, kamen via Breslau mit einem „Aussiedler"-Transport in die Britische Besatzungszone, und wurden in ein Dorf an der holländischen Grenze eingewiesen, wo ich am 9. Juni 1950 (sic) geboren wurde. "Breslau": für mich seit früher Kindheit ein geheimnisvolles Etwas aus Erzählungen und Phantasie, ein eigentlich unbekannter, und doch bekannter, ein faszinierender Ort, an den es mich dann seit Beginn der 70er Jahre immer wieder zog, um die spannungsreiche Geschichte und die weitere Entwicklung dieser "Blume Europas" zu verstehen. Zum anderen: Vor etwa 10 Jahren fand ich bei einem Londoner Antiquar ein Konvolut von Familienbriefen und Dokumenten aus dem Nachlass einer Hilde Glaser, einer, wie sich herausstellte, jüdischen Ärztin aus Breslau, die Ende der 30er Jahre nach England emigriert war. Ihr betagter Vater, der Breslauer Medizinalrat Dr. Max Glaser, und ihr Bruder Gerhard, der am jüdischen Krankenhaus in Berlin tätig war, verblieben in Deutschland. Sie wurden später deportiert und kamen in Theresienstadt bzw. in Auschwitz um. Durch Hinweise in Briefen des Nachlasses kam ich in Kontakt mit dem Sohn eines Verwandten von Hilde Glaser, eines Dr. Bressler, der in den 30 Jahren aus Schlesien in die Schweiz emigriert war. Mit dem heute in Zürich lebenden Sohn verbindet mich seit inzwischen vielen Jahren eine Freundschaft - gewachsen durch unser gemeinsames Interesse an dieser sonderbaren Stadt Vratislavia und dem Schicksal ihrer so vielfach in weltweite Diaspora zerstreuten Menschen. Auf solcherart Spurensuche bin ich schliesslich durch einen Hinweis von Ignatz Bubis sei. auf den "Verein ehemaliger Breslauer in Israel" gestossen, dessen Tätigkeit ich seither mit grosser Sympathie und Freude verfolge! Dr. Christian H. Freitag Muehlweg 15 78355 Hohenfels Deutschland Heinrich Lichtenstein Die Mahnung", 8/9. 2007