Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1981
- Issue
- No. 48-49 (1981)
- Date
- 1981-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/7411685-7412805-7496889--0925-7412806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
GERMANIA. JUDAICA Gegründet von Dr. Wilhelm (Seev) Freyhan 1 “ ‘ 2 IN *7 PH >NXU HAHN 'tW niy»l» MITTEILUNGEN No. 48-49 DES VERBANDES EHEMALIGER BRESLAUER UND SCHLESIER IN ISRAEL E.V. VORSTAND: Dr. Richard Prager (Vorsitzender) Edith Benda, Mosche Goldstein, Arie Gradenwitz, Lotte Lewald, Erich Lewin, Max Lopatka, H. Sachs AKTIONS KOMITEE: Dr. Lilli Berg-Platau, R. Löwenberg, J. Sachs, M. Schmerel-Hofstein BRIEFADRESSE: Erich Lewin, 52235 Ramat-Gan (Ramat-Chen), Israel, Mazadastr. 27 Telefon 749754 Als ich , die Anregung bekam, aus Anlass dieser Feierstunde über Toleranz zu sprechen, und als ich diese Anregung auf nahm, war mir klar, dass ich mich auf ein Abenteuer einlasse: das Abenteuer wochenlangen Nachdenkens, ohne von vornherein zu wissen, worauf es am Ende hinauslaufen würde. Wir leben offensichtlich in einer Zeit, in der Toleranz nicht mehr allgemein als Tugend gilt. Obgleich noch keine vierzig Jahre vergangen sind, seit in unserem Land Intoleranz ihre grauenhaften politischen Früchte in Form von Millionen Toten getragen hat, wird heute bereits wieder Toleranz als Schwäche und Kompromissbereitschaft aus Furcht vor einem klaren Ja oder Nein, als Indifferenz, Apathie und Ultra-Liberalität oder als „Ausdruck der Hilflosigkeit unsicher gewordenen Bürgertums" abgetan. Aufgabe heute konnte unter diesen Umständen nur sein, darüber nachzudenken, ob es möglich ist, der Idee der Toleranz in der Gegenwart wieder einen Weg in die Zukunft zu öffnen, der einleuchtet, weil er sinnvoll erscheint. — Dreierlei schien dabei notwendig zu sein: 1. Mut und Optimismus, sich für etwas einzusetzen, auch wenn dieser Einsatz möglicherweise zur Zeit auf taube Ohren stösst, weil die Zeit nicht reif ist für solche Gedanken. Diesen Mut und diesen Optimismus kann man sich bei Moses Mendelssohn holen, denn seine grosse Leistung bestand unter anderem darin, dass er seine Gedanken in eine Mit- und Umwelt einbrachte, deren Bewusstseinslage weit von solchem Verständnis und „Toleranz“ entfernt war, wie Moses Mendelssohn sie verstanden wissen wollte. Vom reinen Verstand her und aus seiner geschichtlichen Situation betrachtet, hatte Mendelssohn nicht die geringste Chance, gehört oder gar verstanden zu werden. Und dennoch — mit den Worten von Cöcile Lowenthal-Hensel ausgedrückt — hat dieser Mann zusammen mit anderen mehr zur geistigen und politischen Entwicklung der Juden und der Deutschen beigetragen als viele Mächtige dieser Welt. 2. Schien es notwendig, den Begriff der Toleranz von vornherein so zu beschreiben und von Missverständnissen abzugrenzen, dass ein vernünftiger Gebrauch für den Alltag möglich wird; und 3. schien es mir wichtig, überhaupt einmal festzustellen, wie denn die Bewusstseinslage in bezug auf den Begriff „Toleranz“ heute hier bei uns im Lande eigentlich ist. Vielleicht, würde es Ja gar nicht des Mutes und des Optimismus eines A N BARBARA JUST-DAHLMANN Moses Mendelssohn bedürfen, um sich für Toleranz als einer Tugend einzusetzen? Vielleicht würde man gar nicht an die Vernunft bis zur Eigenerschöpfung appellieren müssen, um der Toleranz eine „Gasse zu bahnen"? Ich beschloss also, mich nach der „Bewusstseinslage 1980“ umzuhören — nicht bei politisch vorprogrammierten Gruppen und nicht bei professionellen Lenkern, sondern bei „Jedermann“. Befreundete Lehrer fragten ihre Schüler, mein Hausarzt seine Patienten, mein Lebensmittelhändler seine Kunden; und ich wandte mich an meine Mitarbeiter beim Amtsgericht Schwetzingen. Und ich stellte ihnen die Frage: Was ist Toleranz, und was fällt Ihnen bei dem Wort Toleranz ein? Ich dachte mir, hier arbeiten Männer und Frauen, Alte und Junge, „Studierte“ und „Nichtstudierte“, Einheimische und Zugereiste... Das könnte noch eine interessante Vielfalt ergeben. Natürlich dachten mein Mann und ich auch nach, und wir fragten Freunde. Die Frage nach Inhalt von und Assoziationen zu „Toleranz" wurde wochenlang fast zu einem Familien-Gesellschaftsspiel in zahlreichen Häusern Mannheims. Alles machte mit, alles dachte nach, man überlegte gern und willig, offenbar lohnte es, sich über Toleranz Gedanken zu machen. Die Unterschiedlichkeit der Ebenen, auf denen gedacht wurde, die Vielschichtigkeit, die der Begriff in den letzten 150 Jahren offensichtlich angenommen hat und die Schwergewichtigkeit der unerwartet grossen Menge von Assoziationen, die allein das Wort auslöste, war äusserst hoffnungsvoll und rechtfertigt es, wenn ich Ihnen einen Teil dieser meiner „Sammlung“ einfach einmal — un- «reordent, in Form von aneinandergereihten „Gedankensplittern" — berichte. Toleranz ist: ein Minimum zwischenmenschlicher Beziehungen, ein „erster Schritt“ in Richtung zu: dem Wunsch danach, den anderen besser verstehen zu wollen, sich für ihn und sein „Anderssein" zu interessieren, ihn beser kennenzulerrien, das „Andere" („Fremde") durchschaubar zu machen und ihm dadurch das Furchterregende zu nehmen, Dolmetscher des „Tolerierten“ zu werden, auch wenn man anderer Meinung Ist als er. Toleranz ist: eine Haltung, eine gute Eigenschaft, ein Wesenszug, eine Sache des Charakters, des Temperaments, der Emotion, ein Zustand, eine Tugend, eine soziale Tugend. T O L E R Z Toleranz gehört nicht ohne weiteres zur „Natur des Menschen", aber Toleranz kann man üben, einüben, ausüben, praktizieren, wünschen, predigen, erwarten, bewusst machen, lernen, wieder verlieren, erneut lernen — täglich neu einüben und lehren! Toleranz kann wirksam werden gegenüber: Farbigen, Frauen, Andersdenkenden, Ausländern, Gastarbeitern, Zigeunern, Kriminellen, Langhaarigen, Pennern, Jugendlichen, alten Menschen, querulatorischen Kranken, Psychopathen, politischen Gruppen, Religionen, Konfessionen, anderen Völkern, Asylanten, Kriegsdienstverweigerern, Drogenabhängigen, Rauchern, Nichtrauchern, Eltern, Kindern, Lehrern, Schülern, Generationen, Homosexuellen, Ehepartnern, Berufskollegen usw., usw., zusammengefasst: Toleranz kann wirksam werden zwischen Menschen, zwischen Gruppen, zwischen Völkern. Angebliche Toleranz kann auch Heuchelei sein: Toleranz ist Heuchelei, wenn sie nicht gegenüber Jedem Menschen gilt. Sie wird zur Heuchelei, wenn man sie mir einer Seite zuwendet, wo es zwei Seiten gibt: Nur dem Opfer einer Straftat — nicht auch dem Täter; nur dem Täter — nicht auch dem Opfer; nur den Kranken — nicht auch denen, die sie pflegen; nur den Alten — nicht auch den Jungen; nur den Jungen — nicht auch den Alten... Toleranz hat ihre Grenzen: „Ihre Meinung ist das genaue Gegenteil der meinigen, aber ich werde mein Leben daran setzen, dass Sie sie sagen dürfen“, lautet ein Ausspruch von Voltaire. Aber der Einsatz für die Meinungsfreiheit des Andersdenkenden und Verständnis für den anderen bedeutet nicht: alles billigen, alles laufen lassen, ales hinnehmen, alles verzeihen, keine eigene (auch ganz S Dr. HUR WITZ LTD. j 1 TRAVEL & TOURS AGENCY | 2 TEL-AVIV ALLENBY Sfr. 113 (Passage) | I 614025 j | 621351 | J Individuelle Beratung I I für Ihre Reise ins | | Ausland 2 t! »mm mm mm mm mm mm um mm «kar Amsr mm mm mm m