Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1980
- Issue
- No. 46-47 (Mai 1980)
- Date
- 1980-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Moses Mendelssohn—Gotthold Efraim Lessing: Nathan der Weise ZUR 250. WIEDERKEHR IHRES GEBURTSTAGES. GEWIDMET DER LESSING-LOGE, BRESLAU — EINER DER SCHATTENBILDER MEINER KINDHEIT Am 1. Oktober 1933 wurde ln Berlin lm „Jüdischen Kulturbund“ Nathan der Welse aufgeführt. Damit wurde der Schlusspunkt für eine Epoche gesetzt, von der der Religionsphilosoph Julius Guttmann sagte, dass in ihr in Deutschland modernes Judentum geboren wurde. Auch der amerikanische Rabbi Simon Noveck unterstreicht, dass Deutschland der Geburtsplatz des modernen Judentums ist. (Great Jewish Personalities in modern times, S. 7).' Einen Tag vor der Aufführung des „Nathan der Weise“ war Jom Kippur. Während der Seelenfeier sagte in seiner Ansprache Dr. B. Gottschalk in Köln: „Der morgige Tag ist für die Geschichte der deutschen Juden von besonderer Bedeutung. Beginnt doch der viel genannte „Kulturbund“ an ihm seine Arbeit. In der Reichshauptstadt soll vor nur Jüdischen Menscheii, gespielt von nur Jüdischen Menschen, „Nathan der Weise“ über die Bühne gehen. Wir wollen nicht verschweigen, dass wir diesem Ereignis mit geteilten Gefühlen gegenüberstehen... Wir wollen an das Stück und seinen Verfasser denken. War doch Lessing für seine Zeit der Mensch, nach dem wir heute immer wieder ausschauen und den wir immer wieder freudig begrüssen, wenn wir ihm auf unserem Wege begegnen, der Nichtjude voll Weitherzigkeit und edlem Sinn. ...Er hat Mendelssohn, der Ja für „Nathan“ das Vorbild abgab, in die deutsche Literatur eingeführt“. Als diese Worte gesprochen wurden, brach für die Mehrheit der Juden in Deutschland ihre geistige Welt zusammen. Unter den Ruinen lagen die Trümmer des Zwischenspiels der Jüdischen Geschichte: Moses Mendelssohn und das Ende einer Emanzipation. Es ist schwer heute — 46 Jahre später — und noch dazu als Bürger eines souveränen Staates der Juden — nachzuempfinden, was damals zerbrach. Als am 1. Oktober der Vorhang zur Aufführung des „Nathan“ hochging, ahnte niemand, dass am Ende auch wir gleich Nathan, nachdem ihm das Weib und sieben hoffnungsvolle Söhne genommen worden, „unversöhnlichen Hass schwören". Aber allmählich kam seine Frömmigkeit wieder. Er überwand sein grosses Leid und entschloss sich — wie auch wir — zu dem Bekenntnis: „Ich will, willst Du nur, dass ich will“. DU — das war Gott. Mit der Aufführung schliesst die Epoche ab, die mit der Freundschaft zwischen Lessing und Mendelssohn begann. 150 Jahre, in denen Juden in Deutschland sich bemühten, den begonnenen Dialog fortzusetzen. Der „Nathan“ wurde zu einer Symbolfigur. Noch im Jahre 1935 sagte der Grosspräsident des deutschen Distrikts der B’ne Brith-Logen Dr. Leo Baeck in seiner Festrede zum 50. Stiftungsfest der Lessing-Loge in Breslau: „Es ist für uns eine Bedeutung Lessings geworden, dass er das Wort Jude zu einem Ehrennamen, zu einem Adelsprädikat gemacht hat. Er hat eines seiner ersten Stücke „Die Juden“ genannt, und wer es damals las, für den musste dies ein ganz Neues sein. Und in Lessings „Nathan“ ist es dasselbe. Jude, das ist auch hier das Wort von der Ehre und Würde“. Der Vorhang war heruntergegangen, Israel E. Loefwenstein, Jerusalem. aber Lessing und sein „Nathan“ gaben Mut zum geistigen Widerstand. Hatte Lessing ein Vorbild für seinen „Nathan“? Hier unternahm er den kühnen Versuch, eine Verständigung zwischen den Anhängern verschiedener Konfessionen anzubahnen — auf der Grundlage der Menschenliebe. Juden wie Nichtjuden haben oft den Nathan mit Moses Mendelssohn identifiziert. Der Literaturhistoriker Gustav Karpeles schreibt in seiner Geschichte der Jüdischen Literatur: „Indem Lessing die Idee, dass das rein Menschliche über alle Satzungen und religiösen Vorurteile siegen müsse, zu erhabenem Ausdruck brachte, hat er einen unberechenbaren Einfluss auf das deutsche Geistesleben ausgeübt; indem er aber zum Träger dieser Idee einen Juden machte und in diesem unverkennbar seinen Freund Mendelssohn zeichnete, hat er selbst seine von Vorurteilen unbestochene Liebe, seine echte humane Gesinnung und Beinen Wahrheitseifer bekundet“ Auch in einem im Rahmen der Kantstudien im Jahre 1919 erschienenen Heft: „Moses Mendelssohn im Urteil seiner Zeitgenossen“ von Beathe Berwin kommt zum Ausdruck, dass Lessing seinem Freunde Mendelssohn kurz vor seinem Tode ein unvergängliches Denmal im „Nathan“ gesetzt und er als das Urbild uns immer gegenwärtig ist. Konnte Moses Mendelssohn das Urbild des „Nathan der Weise“ sein? Steht Nathan noch im Judentum? Hat sein Dichter uns Juden von innen gesehen. Ein Christenmädchen, Recha, wurde im Hause Nathans „nicht sowohl in seinem als vielmehr in keinem Glauben auferzogen und sie von Gott nicht mehr nicht weniger gelehrt, als der Vernunft genügt“. Der geistige Habitus, Ausdrucksformen Charakterzüge mögen Jüdisch sein. Auch die antichristlich gemeinte Äusserung: „Begreifst Du aber, wie viel andächtig schwärmen leichter, als gut handeln ist“, konnte von einem Juden gesprochen werden. In einem Aufsatz an die Herrenhuter hat es Lessing noch deutlicher gesagt: „Was hilft es recht zu glauben, wenn man unrecht lebt“. Moses Mendelssohn hat diesem Gedanken einen wesentlichen Teil seines „Jerusalem oder über die religiöse Macht im Judentum“ gewidmet. Hier treffen sich der Ghettojude aus Dessau und Vater der Haskala mit dem Pastorensohn, der zum Vorkämpfer der Aufklärung und des Deismus wurde. Dabei waren sie doch sehr verschieden. Lessing ist der Kämpfer mit seiner Freude am Geisteskampf. Mendelssohn wird zum Kampf herausgefordert, weil er unter dem Druck frederizianischer Judengezetze sich „im moralischen so wenig wie im physischen Sinne zum Kämpfer geschaffen fühlte“. Aber beide verkehren mit Menschen ausserhalb ihrer Religion. Sie sind Bekenner des Humanitätsideals. Und doch religiöse Menschen. Man kann also — so lehrt der Pastorensohn Lessing — ohne Vermittlung des „Sohnes“ zum „Vater“ kommen. Die Tür steht Jedem — auch den Juden — offen. Ende des 18. Jahrhunderts gehörte Mut dazu, dies der Welt zu sagen. Kein Wunder, dass der Nathan — nach dem Tode von Lessing — 1783 in Berlin durchfiel. Mendelssohn hat sich in zäher Arbeit zu einem der wirksamsten Denker und beliebtesten Schriftsteller seiner Zeit entwickelt. Und er war ein Jude, ein frommer Jude. So konnte er das Muster abgeben für Lessings Nathan den Weisen. Aber es gibt zwei Moses Mendelssohn-gestalten. Den geschichtlichen Moses und den Moses wie er in der Gestalt des Nathan in die Geschichte der Juden hineingewirkt hat. Wer war der geschichtliche Moses Mendelssohn? Ein Zeitgenosse der „Herrn Moses“ kann uns eine Antwort geben. Salomon Maimon, der 1779 aus Polen nach Berlin kam. Er schrieb die „Geschichte des eigenen Lebens“. Im 24. Kapitel beschreibt er, wie gütig Mendelssohn für den unbekannten Jüngling, der gerade aus dem Ghetto kam, sorgte. Maimon, der selbst die traditionelle Jüdische Erziehung erhalten hatte, rühmt an Mendelssohn nicht nur die hohen moralischen und intellektuellen Qualitäten, sondern auch, dass er ein guter Talmudist war. In den Schriften, in denen Mendelssohn zu jüdischen Fragen Stellung nimmt, unterstreicht er die Verbindlichkeit der am Sinai geoffenfcarten Gesetze des Judentums. Das Judentum kenne keine geoffenbarten Lehrmeinungen, aber fordere die Erfüllung seiner theokratischen Verfassung soweit es die Umstände erlauben. Nach diesen Prinzipien hat er gelebt. Gegen Ende seines Lebens kommt er in seinem Werk „Jerusalem“ zu dem erstaunlichen Schluss: „Wenn die bürgerliche Vereinigung unter keiner anderen Bedingung zu erhalten ist, als dass wir vom Gesetz weichen, so tut es uns herzlich leid. Von dem Gesetz können wir mit gutem Gewissen nicht weichen — und was nützen Euch Mitbürger ohne Gewissen“. So schrieb ein „konservativer Reformator“ noch vor der so heiss ersehnten Emanzipation. Er verzichtet auf die Emanzipation, auf die bürgerliche Gleichheit, wenn diese mit dem Preis der Untreue gegenüber der Religion der Väter bezahlt werden muss. Der Lessingsche Nathan spricht anders. Das Ziel der Humanität ist — nach der Ringparabel — für jeden erreichbar. Nicht die Religionen führen zum Ziel. Lessing findet reine Menschlichkeit nur ausserhalb der überlieferten Bekenntnisse. Sein Anliegen ist der Kampf gegen die Intoleranz der Religionen. Alle stehen auf einer Ebene. Keine so tief, um den Weg zur Menschlichkeit zu versperren. Keine hoch genug, um ihn zu öffnen. Für Nathan ist die Quelle der Humanität die Vernunft, nicht der Glaube und nicht das Gefühl. Die Vertreter der positiven Religionen werden im „Nathan" nicht sympathisch dargestellt. Der Jude Nathan hat gegen den Vorwurf des auserwählten Volkes und der Menschenmäkelei seitens der Juden nichts anders zu antworten als: „Verachtet mein Volk so sehr ihr wollt, wir beide haben uns unser Volk nicht auserlesen“. Mendelssohn trank bei Lessing nicht einmal eine Tasse Tee. Der „Jude” Nathan ist ein Vertreter des aufklärerischen Deismus. Gibt es einen Judentyp, der dem des Nathan entspricht. Keinesfalls gab es diesen Juden in der Zeit Saladins, Ende des 12. Jahrhunderts, noch finden wir ihn im 18. Jahrhundert. Nicht einmal die Ringparabel hätte Mendelssohn von sich aus angewandt. Allerdings liess, er sie im Munde eines Nichtjuden gern gelten. 2