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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1978-10-01 · No. 44 (Oktober 1978) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1978
Issue
No. 44 (Oktober 1978)
Date
1978-10-01
Page
Seite 12 (sequence 2381)
Language
German
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ERNST JOK1 Zum 80jährigen Jubiläum des Bar Kochba - Erinnerungen Für meine Generation von in Deutschland geborenen Juden hatte der Sport eine mehrschichtige Bedeutung. Zunächst eröffnete er uns die Tore zu einem neuen Kulturkreis, dem dritten, wenn man die Geistes- und Naturwissenschaften als den ersten und zweiten ansieht. Insofern als ich seit meiner frühen Kindheit mit der deutschen Turn- und Sportbewegung eng verbunden war, kam für mich durch den Kontakt mit dem Makkabi die erste persönliche Identifikation mit der jüdischen Welt zustande. Religiöse Tradition, bis dahin fast ausschliesslich gebunden an rituelle und scholastische Überlieferungsformen, hatte für viele junge Jüdische Menschen im deutschen Sprachbereich ihre Attraktion verloren, wie interessanterweise auch aus den autobiographischen Notizen von Theodor Herzl und Albert Einstein hervorgeht. Ein besonderes Verdienst der Makkabi Sport Bewegung bestand eben darin, dass sie einen in seiner Art neuen Appell an die assimilierte deutsch-jüdische Jugend richtete, gebunden an die zwei modernen Ideologien Sport und Zionismus. Wie mir erst später klar wurde, hatte der Sport in der vielgestaltigen Geschichte des jüdischen Volkes wiederholt eine wichtige Rolle gespielt. Professor Lämmer aus Köln hat vor kurzem eine wertvolle Arbeit über römische Sportspiele in Jerusalem unter Herodes veröffentlicht, an denen ein Teil der Jugend Palästinas mit mit Begeisterung teilnahm; und Professor Sandmel vom Hebrew Union College in Cincinnati schrieb ein Buch über den Apostel Paulus, das sich mit der Bedeutung der jüdischen Erziehung des Begründers der Kirche befasst, deren Grundkonzept Züge des griechischen Sports enthält, den Paulus in seiner Heimatstadt Tarsus kennen gelernt hatte. Beiden historischen Beispielen haften Züge an, die Parallelen zu der Situation aufweisen, mit der ich und viele andere vor 1933 konfrontiert waren. Mein erstes Zusammentreffen mit dem Makkabi Sport kam in meiner Schulzeit zustande, und zwar im Jahr 1925. Ich hatte soeben die Breslauer Juniormeisterschaft über 400 Meter gewonnen, was dazu führte, dass man mich einlud, am Jüdischen Welt-Sportfest teilzunehmen, das anlässlich des Wiener Zionistenkongresses auf der Hohen Warte veranstaltet wurde. Ich gewann dort drei Preise, von denen zu meiner Freude einer im Makkabi Museum in Tel Aviv seinen Platz gefunden hat. Ein anderes wichtiges Resultat meiner Wiener Reise war, dass ich Ernst Simon kennen lernte. Die Freundschaft, die dabei zustande kam, hat bis (Fortsetzung von Seite 11) Ende des Jahrtausends ihrer selbst viel sicherer gewesen sein als am Anfang, als sie noch eine gewisse Angst vor dem Judentume gehabt zu haben scheint. Wie gesagt wurde Spanien die Hochburg des katholischen Fanatismus: Aragonien wurde das Paradies der Inquisition. Nicht auffällig ist das Wort für Judenverbrennung ein spanisches Wort: auto da fe, eine Handlung des Glaubens. 1492—1942 die erste Hälfte des zweiten christlichen Jahrtausends endet mit der Vertreibung der Juden aus Spanien, die zweite mit dem Versuch der Ausrottung der europ.ischen Juden, der für Osteuropa leider ganz, für Westeuropa nur teilweise geglückt ist. Fürwahr: der Weg der Leidenskarawane Israels durch das zweite europäische Jahrtausend ist mit Entsetzen gepflastert. Walter B. Goldstein Jerusalem heute angehalten. Als ich 1960 zum Präsidenten des Forschungskomitees des Weltrats für Sport der UNESCO ernannt wurde, übernahm Ernst Simon auf mein Ersuchen das Amt des Sekretärs, das er. für viele Jahre mit Erfolg verwaltete. Während meiner Studentenzeit in Breslau und Berlin war ich Mitglied der Sportmannschaften meiner Universitäten, gewann zwei deutsche Hochschulmeisterschaften, wurde Olympia-Kandidat für die 1928er Spiele in Amsterdam, ging also voll und ganz im deutschen Sport auf. So nahm ich z.B. an den Empfängen für die Olympiamannschaft in Köln durch Oberbürgermeister Adenauer und in Berlin durch Reichspräsident Hindenburg teil, alles eindrucksvolle Ereignisse für einen jungen Menschen. Meinen ersten Flugunterricht erteilte mir am Gandauer Flugplatz in Breslau der nachmalige Nazigeneral Erhard Milch, damals in keiner Weise politisch engagiert. Prof. Ernst Jokl Nach meiner Rückkehr aus Amsterdam schrieb ich mich für das Wintersemester 1928/29 in Berlin ein und trat dem Bar Kochba bei. Dort fand ich nicht nur das erwartete Interesse am Sport, sondern auch Verständnis für mich damals schon interessierende Fragen der Sportmedizin, die ich während der Olympischen Spiele durch die Professoren Buytendijk und Isidor Snapper kennengelernt hatte. Diese führten in Amsterdam zum ersten Mal eingehende medizinische Studien an den Teilnehmern durch. Mehrere Bar Kochbaner stellten sich bei meinen Experimenten in Berlin freiwillig als “Versuchskaninchen” zur Verfügung, wofür ich ihnen besonders dankbar war. Die Leichtathletikmannschaft des Bar Kochba war überaus erfolgreich. Ich erinnere an Namen wie Kurt Lewin, die Brüder Kurz, Bergmann, Gerber, Treumann, Katz und andere. Für mehr als 10 Jahre hielt ich den Makkabi Weltrekord über 300 Meter Hürden. Zwei Episoden aus dieser Zeit will ich erwähnen: Die eine betrifft unsere Potsdam- Berlin Staffelmannschaft im Jahre 1931, in der ich auf der Glienicker Brücke den Stab an dritter Stelle erhielt und nach etwa 100 Metern die Führung übernahm. Mein Bild erschien am nächsten Tag in der BZ, worauf ich natürlich stolz war. Die andere Episode bezieht sich auf den Sieg unserer 10 mal 50 Meter Pendelstaffel im Berliner Sportpalast im November 1932, errungen gegen die besten deutschen Sportvereine, Ich lief als letzter Mann, erhielt den Stab von Kurt Lewln, der einen Vorsprung von mehr als 1 Meter herausholte, und den ich hielt. Wir bekamen vom Publikum eine Ovation, was angesichts der Dinge, die wenige Monate danach folgten, einer Erwähnung wert ist. überhaupt war das Verhältnis zwischen uns Bar Kochbanern und den deutschen Sportkameraden bis zur “Machtübernahme” gut. Die Makkabibewegung hat in ihren Anfängen in den Jahren um die Jahrhundertwende zweifellos alles vom deutschen Sport gelernt. Ich erinnere an das Auftreten einer Turnerriege beim ersten Zionistenkongress in Basel, über die Elias Auerbach in seinen Lebenserinnerungen berichtet, ganz und gar in Form und Inhalt übernommen vom traditionellen deutschen. Turnen. Sowohl Herzl als auch Nordau erkannten die Bedeutung der Einbeziehung körperlichen Trainings für die Zukunft der Zionisten-Arbeit. Ich will aber in diesem Zusammenhang auch darauf hinweisen, dass in den Jahren, ln denen ich dem Bar Kochba angehörte, das Auftreten jüdischer Sportler Sympathie und Bewunderung seitens vieler, sicherlich nicht aller, deutscher Sportkameraden hervorrief, Hochachtung vor dem moralischen Bekenntnis, das in unserer Identifizierung mit dem Judentum zum Ausdruck kam. Im letzten Jahr meines Medizinstudiums hörte ich Vorlesungen bei dem bekannten Berliner Psychologen Professor Kurt Lewin, dem Begründer der “Gruppendynamik”, der uns erklärte, dass jeder zivilisierte Mensch eine Vielzahl von Loyalitäten zu vertreten hat, Familie, Beruf, Sonderinteressen, bei uns also auch die deutsche und die jüdische. Es kommt darauf, an, so betonte er, wie man diese Bindungen anordnet und sich zu ihnen bekennt. Durch Professor Lewin wurde mir klar, dass ich meiner Zugehörigkeit zum-Bar Kochba nicht nur wertvolle persönliche Freundschaften verdankte, sondern auch Einblick in Aspekte jüdischer Kultur, die mir ohne seine Vermittlung unbekannt geblieben wären. Als ich im Jahr 1965, zusammen mit Professor Glueck, dem Präsidenten des Hebrew Union College in Cincinnati nach Tel Aviv flog und beim Wingate College das erste im . Auftrag des Weltrats in Israel veranstaltete Seminar für Sportgeschichte eröffnete, wies ich auf diese Zusammenhänge hin, deren Bedeutung über das mich persönlich Betreffende herausragte. Zum Schluss noch dies: Einigen Verbindungen, die durch die Begegnung von uns jüdischen Sportsleuten mit deutschen Kameraden zustande kamen, haftete ein Element des Besonderen, des “Elitären”, an. In den Jahren, in denen es schien, als ob alle Menschlichkeit aus der Welt verschwunden war, hielten sie den Stürmen der Zeit stand. Als wichtigstes Beispiel erwähne ich meine Sportkollegin am Breslauer Stadion, die mein jüdisches Schicksal teilte, als ich 1933 Deutschland verliess: Sie wurde meine Frau. BERICHTIGUNG In unserer letzten Nummer erschien ein Artikel unter der Überschrift: INNERJÜDISCHE VERHÄLTNISSE IN OBERSCHLESIEN Herr Dr. Hans Ch. Meyer (Haifa) legt wert auf folgende Feststellung: Der Artikel ist ein Teilabdruck aus dem Buche von HEINEMANN STERN, Warum hassen sie uns eigentlich? Jüdisches Leben zwischen den Kriegen. Erinnerungen herausgegeben und kommentiert von Hans Ch. Meyer. 12

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