Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1973
- Issue
- No. 33 (April 1973)
- Date
- 1973-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zum 100. Geburtstag von Dr. Ephraim Pinczower Von TELEX DANIEL PINCZOWER, Tel-Aviv Die jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts verzeichnet eine Reihe von Persönlichkeiten die von ihren Zeitgenossen wenig beachtet wurden und erst nach ihren Tode die notwendige Würdigung fanden. Die Gründe hierfür sind darin zu sehen, dass diese Menschen ihre Arbeit ohne Aufsehen zu erregen, getan haben oder in ihren Leistungen die Grundlage oder die Vorarbeiten schufen, die dann nach ihrem Tode von Anderen fortgesetzt und zu Ende geführt wurden. Zu diesen Persönlichkeiten gehört zweifellos Dr. Ephraim Pinczower. Er wurde am 27. April 1873 in Nicolai, einer kleinen Stadt in Oberschlesien geboren. Sein Vater Elieser P., ein jüdischer Religionslehrer in Nicolai, entstammte einer alten Rabbiner - Familie, die bereits zur Zeit Friedrich des Grossen in Schlesien ansässig war. 1879 übersiedelte der Vater mit 5 Kindern nach Kempen (Provinz Posen), wo er Leiter der dortigen R eligionsschule wurde. Ephraim P. besuchte vormittags die dortige Volksschule und nachmittags die von seinem Vater geleitete Religionsschule und kam dadurch schon in frühester Jugend mit dem altjüdischen Schrifttum in Verbindung. Zehn Jahre später verlegte die Familie P. ihren Wohnsitz nach Breslau, aber es war dem Vater von Ephraim nicht möglich, seinem Sohn eine gymnasiale Ausbildung zu geben. Die Gehälter eines Lehrers waren so klein, dass jedes Kind nach Abschluss der Volksschule Geld verdienen musste. VOM KAUFMANNS-LEHRLING ZUM MEDIZINER Ephraim P. trat als kaufmännischer Lehrling in die Firma Joseph Kober — eine bedeutende Metallgrosshandlung — ein, doch schien ihm die kaufmännische Tätigkeit nicht zuzusagen. In den Abendstunden bereitete er sich auf das Abitur selbst vor, das er mit Leichtigkeit bestand. Doch fehlten ihm die Mittel für die Universität. Sein älterer Bruder, der im Jahre 1897 in Berlin eine Metallhandlung gründete, nahm ihn als Teilhaber auf und so wurde er Mitinhaber der Firma Gebrüder Pinczower, Berlin. Nach einem Jahr trat er aus der Firma aus. Sein Drang zur akademischen Laufbahn liess ihn alle finanziellen Schwierigkeiten überwinden. So fing er an Chemie zu studieren, und machte seinen Doktor an der Universität in Freiburg i. Br. In seiner Studienzeit schrieb er unter dem Pseudonym Haase ein “Kompendium der Chemie”, das mehrere Auflagen erreichte. Er arbeitete dann in verschiedenen Fabriken als Chemiker, doch auch diese Tätigkeit befriedigte ihn nicht. Das Medizinstudium schien ihm die ideale Form seiner Laufbahn zu sein. Zuwendungen wohlhabender Verwandter ermöglichten ihm das Studium an der Sorbonne in Paris und an der Universität in Heidelberg und im Jahre 1907 liess er sich als praktischer Arzt in Berlin — Tempelhof, Berliner Strasse 53, nieder. Bereits in seiner Studentenzeit kam er mit der zionistischen Bewegung in Berührung, für die er sich begeistert einsetzte und auch aktiv tätig war. Er stand in direktem Briefwechsel mit Dr. Theodor Herzl und der Verfasser dieser Zeilen hat selbst eine Reihe von Herzl - Briefen aus den Jahren 1903 und 1904 gesehen, in denen sich Herzl bei ihm für verschiedene Vorschläge bedankte. In diesen Jahren begann auch sein Interesse für Bücher und er fing an, soweit es seine Mittel erlaubten, Bücher auf dem Gebiete der Judaica und Hebraica zu kaufen und sich eine eigene Bibliothek aufzubauen. 1908 heiratete er Frl. Paula Kuno. Die Ehe blieb kinderlos. Seine Arztpraxis in Tempelhof entwickelte sich schnell. Bald war er als ein guter Diagnostiker bekannt. Aber seine Tätigkeit blieb nicht allein auf seine Praxis beschränkt. Als im Jahre 1912 die “Gesellschaft jüdischer Ärzte und Naturwissenschaftler für sanitäre Interessen in Palästina” gegründet wurde, gehörte er dem geschäftsführenden Ausschuss dieser Gesellschaft an, die später ihren Namen, wie nachstehend, abänderte. Am 15. März 1912 erschien in der Zionistischen Zeitung “Jüdische Rundschau” folgender Aufruf: AUFRUF der Gesellschaft jüd. Ärzte und Naturwissenschaftler für medizinisch-biologische Interessen in Palästina Vor einigen Monaten wurden die ersten Schritte zur Gründung einer Gesellschaft von Ärzten und Naturwissenschaftlern getan, die ohne irgendwelche politischen Zwecke zu verfolgen, sich lediglich mit der Erforschung und Hebung der sanitären Verhältnisse in Palästina befassen will. Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, in wie kläglichem Zustande die hygienischen Verhältnisse im Orient im allgemeinen und auch in Palästina sich befinden, und bei der stetigen Entwicklung des Landes und Zunahme der jüdischen Bevölkerung ist es die Pflicht der jüdischen Ärzte, sich mit dem Studium der Gesundheitsverhältnisse zu befassen und zu ihrer Besserung beizutragen. Die Gesellschaft plant im Verein mit den palästinensischen Ärzten die Durchführung von Sanierungsarbeiten (wie die Bekämpfung der Malaria, Schaffung von Einrichtungen von Säuglingsfürsorge und zur Bekämpfung des Trachoms, Ausbildung von Krankenschwestern und Apothekern für Palästina usw.) sowie die Schaffung, Erweiterung und Erhaltung von medizinisch-hygienischen Institutionen aller Art. So wird die Gründung einer grösseren medizinischen Bibliothek, Sammlung von medizinisch-naturwissenschaftlichen Publikationen über Palästina, die Mitarbeit an dem von anderer Seite geplanten hygienischen Institut, die Veranstaltung von Fortbildungskursen für die palästinensischen Ärzte usw. geplant, und schliesslich die Errichtung einer jüdischen medizinischen Akademie in Palästina in Aussicht genommen, die. nicht nur für das Land selbst und die jüdische Bevölkerung, sondern für den ganzen Orient von hoher Bedeutung werden kann. Ordentliches Mitglied der Gesellschaft kann jeder jüdische Arzt oder akademisch gebildete Naturwissenschaftler, der an den Zielen der Gesellschaft Interesse nimmt und einen Mitgliedsbeitrag von jährlich 6 Mk. mindestens (Studierende 3 Mk.) entrichtet, werden... Bei dem regen Interesse, welches schon den Vorarbeiten für das hygienische Institut in Palästina von namhaften jüdischen Ärzten (es haben darunter folgende Herren ihre Mitwirkung zugesichert: Prof, von Ehrlich, Landau, Warburg, v. Wassermann, Proskauer) entgegengebracht worden ist, darf man als sicher annehmen, dass unsere weiteren Arbeiten Früchte tragen und zur körperlichen und geistigen Gesundung der jüdischen Bevölkerung im Orient führen werden. Für den geschäftsführenden Ausschuss: Dr. phil. et med. E. Pinczower, Berlin-Tempelhof EIN AUFTRAG VON PROFESSOR WEIZMANN In seiner Wohnung befand sich das Büro des Verbandes, das bald einen grossen Schriftverkehr zu bearbeiten hatte. Die Arbeit dieser Gesellschaft brachte Ephraim P. mit Professor Weizmann in Verbindung, der damals Dozent an der Universität in Manchester war. Aus den Jahren 1913 und 1914 liegt ein grosser Schriftwechsel mit Professor Weizmann vor, der restlos erhalten geblieben ist und im Weizmann-Archiv in Israel aufbewahrt wird. Dieser Briefwechsel wird in dem etwa 30 Bände umfassenden Werk “Letters and Papers of Chaim Weizmann” in den nächsten Jahren veröffentlicht werden. Aus diesen Briefen geht hervor, dass Dr. P. eine Art Vertrauensmann von Prof. Weizmann in Deutschland war und dass er für ihn Besprechungen mit führenden Persönlichkeiten, Ärzten und Naturwissenschaftlern vornahm und Konferenzen mit diesen vorbereitete. Für das Projekt, ein Forschungsinstitut in Palästina zu bauen, sollte er die Vorarbeiten machen und Prof. Weizmann detaillierte Pläne und Kostenanschläge einreichen, wobei ihm freie Hand gelassen wurde, soviel Fachleute hinzuziehen, wie er es für notwendig hielt. Baron Rothschild hatte für den Bau dieses Forschungsinstitutes den Betrag von 500.000 Franken zugesagt. Interessant ist die persönliche Note, die die Briefe von Prof. Weizmann an Dr. P. tragen. Die Briefe beginnen alle mit den Worten “Lieber Herr Dr.” und schliesst mit “Ihr treuer Ch. Weizmann”. In der gleichen Periode wurde Dr. P. in die Leitung des von der Preussischen Regierung ins Leben gerufene “Internationale Gesundheitamt” berufen, das seinen Sitz in Jerusalem hatte. In diesem Amte befanden sich neben 3 nicht jüdischen Aerzten auch Dr. A.Bahem, der in Jerusalem lebte. Es waren wohl kaum nur humane Gründe, der preussischen Regierung, dieses neue Amt zu schaffen. Es lag vielmehr im Rahmen der deutschen Vorkriegspolitik dadurch in Palästina und im Nahen Osten Fuss zu fassen. Die Arbeit, die Dr. P. im Rahmen beider Organisationen leistete, muss sehr segensreich gewesen sein. Der bereits oben erwähnte Dr. A. Bahem Jerusalem, der erstmalig in Hebräisch eine Abhandlung zur Bekämpfung der Tollwut schrieb, sandte ein Exemplar mit einer besonders herzlichen Widmung an Dr. P„ das durch Zufall in die Hände des Schreibers dieser Zeilen gelangte. Nebenbei gesagt ist es, das einzige Exemplar aus der grossen Bibliothek, das in seinen Besitz ist. fU 9> '(ßjO Die Widmung lautet folgendermassen. Dem Vorsitzenden der “Gesellschaft der Ärzte und Naturforscher... in Eretz Israel”, Herrn Dr. Pinczower überreiche ich mit Freude die Frucht meiner ersten Arbeit in unserer Sprache. Arjeh Bahem. Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges riss die Verbindung mit Professor Weizmann und Jerusalem ab. 9