Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1995
- Issue
- No. 59 (1995)
- Date
- 1995-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Anfänge der Assimilation der Juden in Deutschland Wir hatten schon Gelegenheit über einige Forschungsarbeiten des Salomon Ludwig Stein heim Instituts für Deutsch-Jüdische 'Geschichte, wie über die Geschichte und Kultur der Juden in Glogau von Franz D. Lucas und Margret Heitmann und über die Jüdische Zeitung für Ostdeutschland von Joseph Walk, in unseren 'Mitteilungen zu berichten. Das jetzt vor uns liegende Buch des Moses Mend e I s s o hn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien und Salomon Ludwig Steinheim Institut für deutsch-jüdische Geschichte, ist keine Forschungsarbeit im eigentlichen Sinne des Wortes. Es sind autobiographische Aufzeichungen eines jüdischen Händlers, welcher im Jahre des Ausbruchs der französischen Revolution (1789) geboren wurde, und dessen Aufzeichnungen die Zeitspanne von 1789—1830 umfassen und dann plötzlich abgebrochen wurden, obwohl das Todesjahr des Verfassers (Jacob Adam) mit 1874 angegeben wird. Die Zeitspanne welche dieses Buch umfasst (1789—1830) fällt in die Zeit welche man in jüdisch-geistiger Beziehung als ein trauriges Kapitel des Judentums Deutschland bezeichnen kann. ■Das Judentum 'Deutschlands kann man in dieser Zeit in 3 Kategorien einteilen: 1) 'Die Wegbereiter der Assimilation, angefangen mit Moses Mendelssohn, seinen Schülern und Kompliezen wie David Friedländer (welcher selbst die Taufe in Betracht zog, aber durch die Weigerung des Oberkonsistorialrat Teller ihm die Taufe zu ermöglichen, in der jüdischen 'Gemeinde verblieb). in dieser Zeit entstanden die bekannten „Berliner Salons”, Orte der Assimilation und Mischehen, in deren Mittelpunkt 3 jüdische Frauen standen: Henriette Herz, Dorothea Schlegel (Tochter von Moses Mendelssohn) und Rahel Varnhagen-Lewin, welche sich taufen Messen oder wie sich der grosse jüdische Historiker Heinrich Grätz ausdrückte: „Diese geistesbegabten jüdischen Sünderinnen taten dem Judentum den Gefallen zum Christentum überzutreten”. Dorothea Schlegel wechselte sogal zweimal ihren Glauben (erst evangelisch dann katholnsch und die Spötter Jener Zeit sagten dass s'ie es deshalb tat, Im Falle man sie fragen sollte: „Was war ihre vormalige Religion", sie antworten konnte: „Ich war evangelisch"). Diese Kategorie war zwar nicht sehr gross, aber laut und machte viel Wesen von Sich. Erst die Gründung der Rabbinerseminare in Breslau und Berlin, zusammen mit der Entwicklung der Wissenschaft des Judentums und der von Rabbiner Samson Raphael Hirsch ins Leben gerufenen Bewegung „Tora mit Derech Erez”, konnten dieser, dem Judentum gefährlichen Strömung, In gewisser Beziehung Einhalt bieten. Die zweite Kategorie waren die Kreise um die in Preussen und Provinz Posen (Gebiete in welcher der Verfasser dieses Buches lebte) amtierenden Rabbiner, welche grosse Gelehrte waren: Rabbiner Aki'ba Eger in Posen und Märkisch-Friedland; Rabbiner Ja'akow Zwi Mecklenburg, der Verfasser des Buches „Ha'ktaw W'Hakabala" (Erklärung zur Tora) Rabbiner in Königsberg; Rabbiner Meir Mal'bim, Verfasser des Bibelkommentars (als Gegengewicht gegen den Biur von Mendelssohn und seiner Schüler). Er amtierte als Rabbiner in Kempen und Wreschen. Aber anscheinend war der Einfluss dieser rabbinischen Grössen nicht bedeutend. Oie Gemeinden setzten sich zum grössten Teil aus der dritten Kategorie zusammen. Jacob Adam, ZEIT ZUR ABREISE, Lebensbericht eines jüdischen Händlers aus der Emanzipationszeit; bearbeitet und herausgegeben von JÖRG H. FEHRS und MARGRET HEITMANN * (Georg Olms Verlag) Die Menschen dieser Kategorie standen zwar noch in 'ihrem Judentum und befolgten, mehr oder weniger, die Gebote der Tora, aber das war nicht mehr aus innerer Überzeugung, sondern aus Gewohnheit. Auch die Entwicklung des Verfassers führt Immer mehr aus der Tradition herous. Im ersten Kapitel wird über seine 'Kindheit in Westpreusserr und Posen berichtet. Oie Erziehung welche er dort erhielt war noch traditionell. Auch berichtet der Verfasser Einzelheiten über seine Familie und ihre wirtschaftliche Lage. Oas zweite Kapitel behandelt seine „Schulzeit in Berlin”. Seine Absicht war auf einer Jesohiwa zu lernen. Hier trifft er einen Verwandten, welcher kaufmännisch tätig ist. Von diesem Zeitpunkt an sehen Wir, wie er sich langsam von der strengen Befolgung der Gebote und Verbote des Judentums entfernt. Auf Seite 35 lesen wir noch dass er nicht ohne Kopfbedeckung essen wollte („Ou willst wohl nicht Bekalis Rausch essen?") und auf Seite 36: „Er (der Verwandte) gab mir acht Groschen. Ich solle ins Speisehaus gehen, dafür essen. Jch hätte Dir zwar bei mir können geben, nur 'Du wirst doch noch kein Tneif essen wollen, und hier ist alles so’.)” „Den Höhepunkt dieser Entfernung sehen Wir auf Seite 142. Als die Familie den Wohnort wechselte, berichtet er folgendes: („Wir reisten über Goldapp... Meine Frau und Kinder blieben über Schabbat da und ich mit meinem Gehilfen Aron Hirschberg... fuhren Freitags von Goldapp ab und kamen des Abends in unserem Wohnort an... Sonnabend brachte ich schon manches in Ordnung, machte die nötige Anzeige beim Magistrat und wegen der Waren beim Hauptzollamt...”). D. h. der Schabbat wurde schon nicht mehr streng beobachtet. 'Unmittelbar nach der Machtübernahme begann im Dritten Reich die allgemeine Verdrängung der deutschen Juden aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens, der Kultur, Wissenschaft usw. Die Möglichkeiten eines sozialen Aufstiegs wurden ihnen versperrt. Unter diesen Umständen entschlossen sich viele der Schikanierten zur Emigration aus Deutschland. Ausser Hochschullehrern wählten diesen Weg auch zahlreiche Ärzte, Juristen und verschiedene Geschäftsleute, die an deutschen Hochschulen den Doktortitel erworben hatten. Dieser Schritt führte demnächst in der Regel zur Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit gemäss dem Gesetz vom 14. 7. 1933 über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit. Über den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit entschied der Reichsminister des Innern, der die entsprechenden Ausbürgerungslisten seit dem 25. 8. 1933 im „Deutschen Reichsanzeiger Der Verfasser wechselte bald von der Jeschiwa ‘in die, von David Friedländer und Daniel Itzig gegründete, jüdische Freischule hinüber. In dieser wurde mehr Wert auf den Unterricht der allgemeinen Fächer, auf Kosten der jüdischen, gelegt. Die darauf folgenden Kapitel behandeln die verschiedenen Stationen seines Lebens. Alle diese Kapitel konzentrieren sich um seine wirtschaftliche Lage, seinen Handel — angefangen als Handlungsdiener in Glogau, dann als Händler in Ostpreussen, als Marketender bei den Armeen bis zu seiner Heirat und Etablierung als selbständiger Kaufmann. Wir lesen viel über die Beziehung des Verfassers zu seiner Familie, welche anscheinend sehr verzweigt war und an verschiedenen Orten in Preussen, Provinz Posen und in Schlesien lebte. Aber wir erfahren nichts über die jüdischen Gemeinden in den Orten wo sich der Verfasser aufhielt (ausser in Berlin). Es werden keine Institutionen, Synagogen odei Rabbiner, auch in den grösseren Gemeinden wie Glogau und Königsberg, erwähnt. Auf Seite 151 behauptet Jörg H. Fehrs, der Verfasser des Nachwortes: „Er bleibt dem Milieu verhaftet, das ihn hervorgebracht hat". Das ist nur in sozio-ökonomischer und gesellschaftlicher Weise richtig. In geistig-jüdischer Beziehung sieht man schon die Lockerung der traditionellen Bindung. Fehrs schl'iesst sein Nachwort mit dem Satz: „Was bleibt ist eine auch für die Geschichtswissenschaft einzigartige bescheidene Bilanz des mühevollen Lebens eines einfachen jüdischen Händlers, als Zeugnis für die Schwierigkeiten jüdischer Existenz 'in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts”. Für die jüdische Geschichtswissenschaft sind diese autobiographischen Aufzeichnungen auch Zeugnis für den geistigen Niedergang des Judentums Deutschlands in dieser Emanzipationsepoche. Nur die neue Rabbinergeneration Absolventen der Seminare von Breslau und Berlin, welche in den verschiedenen Gemeinden Deutschlands amtierten und eine gemeinsame Sprache mit ihren Gemeindemitgliedern hatten, konnte diesem Niedergang in gewisser Beziehung Einhalt gebieten. M. E. Awi-Achfja. und Preussischen Staatsanzeiger" veröffentlichte. Die Einleitung des Aberkennungsverfahrens erfolgte auf Antrag der örtlich zuständigen Staatspolizeistelle, der im Judenreferat des Geheimen Staatspolizeiamtes in Berlin, ab Oktober 1939 des Reichssicherheitshauptamtes eingereicht wurde. Als Begründung wurde allgemein die „durch Rassezugehörigkeit bedingte Gegnerschaft zum Nationalsozialismus" sowie die Annahme einer Tätigkeit im Auslande „zum Schaden des Deutschen Reiches" angegeben. Nach rein formeller Prüfung dieser Voraussetzungen für die Aberkennung wurden die Ausbürgerungsanträge an das Reichsinnenministerium weitergeleitet. Falls es sich dabei um Personen mit akademischen Graden handelte, wurde beim Reichsinnenminister für Wissenschafft, Erziehung und nach Veröffentlichung der Ausbürgerungsliste Volksbildung die Entziehung der Doktortitel veranlasst. Diese zusätzliche Massnahme wurde (Fortsetzung auf Seite 19) DIE DOKTORTITELENTZIEHUNGEN JÜDISCHER EMIGRANTEN AN DER UNIVERSITÄT BRESLAU (1 938- 1 942) Von Alfred Konieczny 13