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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2001-01-01 · No. 70 (2001) · p. Seite 11

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2001
Issue
No. 70 (2001)
Date
2001-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Den Opfern, die nie ein Grab fanden: Zum Theresienstädter Gedenkbuch Von Peter Steinbach Vor einigen Jahren wurde das Namensverzeichnis der unter nationalsozialistischer Herrschaft ermordeten Berliner Juden publiziert. In jahrelanger Arbeit hatte damals die junge Berliner Historikerin Rita Mayhöfer die unübersehbar vielen Daten zusammengetragen. Manch ein Leser war bei dem Erscheinen dieses "Gedenkbuches Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus" überwältigt, denn er hatte das Gefühl, einen großen, unergründlichen, räumlich nicht abgrenzbaren Friedhof zu besuchen. Eine merkwürdige Kluft tat sich in der öffentlichen Wahrnehmung auf: in den Feuilletons stritt man - nicht selten sehr steril - über "das Denkmal" nahe dem Brandenburger Tor, und am Schreibtisch war es in stiller und beharrlicher Arbeit in Buchform entstanden. Der Betrachter des jetzt vorgelegten Theresienstädter Gedenkbuches hat vielleicht wie damals das Empfinden, genau jenes Denkmal vor sich zu sehen, über das man erbittert öffentlich stritt, über Masse und Fläche jedoch mehr als über das Maß von Pietät und Trauer. Dieser nun schon weit zurückliegende und angesichts der realen denkmals- und erinnerungspolitischen Entwicklungen schon fast vergessene Eindruck wird durch ein neues Monument der Erinnerung in Buchform hervorgerufen. Es ist in Theresienstadt erarbeitet worden und sollte vor allem jene in Zweifel stürzen, welche die deutsch-tschechische Geschichte vor allem unter Gesichtspunkt der Deutsch-Böhmen, wie man früher die Sudetendeutschen nannte, wahrnehmen und deshalb vor allem die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei auf die politische Tagesordnung bringen wollen. Das Buch erscheint gleichzeitig in tschechischer und deutscher Sprache . Daß es in deutscher Sprache publiziert werden kann, verdanken wir neben dem Auswärtigen Amt auch der Bundeszentrale für politische Bildung mit der besonders engagierten Referentin Puvogel und dem rührigen und immer aufs Neue beeindruckenden Metropol-Verlag mit seinem Verleger Veitl. Theresienstadt ist bekannt als das Ziel vieler Deportationszüge aus dem "Altreich", aus der "Ostmark" und aus dem sogenannten "Protektorat". Die Verwandlung der durchaus beschaulichen Stadt an der Elbe in ein Ghetto war auch eine Konsequenz der Wannsee- Besprechung vom 20.1.1942. Heydrich hatte damals "Altersghettos" erwähnt, im Plural wohlgemerkt, aber ganz offensichtlich war die von den NS-Schergen geübte Deportationspraxis derart vernichtend, daß es bei der Verwandlung der berühmten und beschaulichen alten josephinischen Festungsstadt in der Nähe von Prag in ein Ghetto und Konzentrationslager blieb, das zugleich zu einem wichtigen Sammel- und Durchgangslager im Vernichtungsprozeß wurde. Innerhalb weniger Monate verfünffachte sich im Sommer und Herbst 1942 die Zahl der dort eingepferchten Juden, die Sterblichkeit nahm schlagartig sogar um mehr als um das Fünfzehnfache zu. In der Einleitung des Sammelbandes werden die einzelnen deutschen Deportationsgebiete untersucht. Wir erfahren die Daten der Transporte, die Zahl der Verschleppten. Insgesamt wurden mit fast 650 Transporten weit über 1 40.000 Menschen nach Theresienstadt deportiert. 65 Transporte mit fast 90.000 Menschen nahmen überdies von hier ihren Ausgang, fast ausnahmslos in die Vernichtungslager. Mit diesem Buch handelt es sich nicht mehr um einen Vorgang, der durch seine Dimensionen erschüttert. Wir kennen nun sehr genau die Namen der Opfer und wissen, aus welchen Gegenden die Züge kamen, die Theresienstadt zum Ziel hatten, wie viele Menschen sie beförderten, wer dort starb, wer befreit wurde, wer nach Auschwitz verschickt wurde. Vor 1945 galt dieses "Altersghetto", sollte diese Stadt gar als ein Ort gelten, die Hitler den Juden “geschenkt" hätte. Auf eine perfide Weise wurden die Deportierten und das Rote Kreuz angelogem. Nach Litzmannstadt und seinem grossen Ghetto war Theresienstadt so rasch zum Synonym einer böswillig verklärten, mit allen Möglichkeiten der Propaganda verzeichneten Wirklichkeit des gewaltsamen Sterbens geworden. Bald wurde deutlich, daß es sich nicht nur um ein Ghetto handelte, das die in der nahegelegenen Festung begonnene Leidensgeschichte von Häftlingen des NS- Staates ebenso fortsetzte wie steigerte. Theresienstadt war vielmehr ein exemplarischer Ort der Verfolgung, der Entrechtung und der Vernichtung geworden, eine Herausforderung für eine Menschheit, die im 20. Jahrhundert immer wieder ihre eigenen Maßstäbe verraten und zumindest vergessen hatte. Unbekannt war die Geschichte des Lagers nicht, vor allem dank einer Darstellung von H.G. Adler, die seiner grundlegenden und exemplarischen Untersuchung überden "verwalteten Mensch" vorausging. In drei umfassenden Bänden hat man nun die Namen und Daten der ermordeten und nach Auschwitz verschleppten, aber auch der wenigen befreiten Juden verzeichnet. So entsteht wiederum ein Grabstein mit vielen Namen. Zwei der Bände betreffen die aus Böhmen und Mähren, dem angeblichen "Protektorat", verschleppten Juden. Sie wurden nicht übersetzt. Der dritte Band verzeichnet die aus dem Altreich nach Therezin Verschleppten. Niemals werden sie in Zukunft vergessen werden können, denn ihr Name ist festgehalten. Hinzu kommen Register und Auswertungen. Vorangestellt ist dem Werk, das sich nur als ein Dienst an den Ermordeten bezeichnen läßt, ein bewegendes Vorwort von Vaclav Havel, knapp und bündig, überwältigend und schmerzend. Havel, der ein Repräsentant der Selbstbehauptung im Europa der Diktaturen unseres Jahrhunderts geworden ist, klagt nicht an, sondern erinnert und lenkt den Blick auf alle, die mit Verfolgungen konfrontiert werden, bis heute. Er beschwört die "natürliche Ehrfurcht vor dem unendlichen Leiden unserer Nächsten" und bekennt sich zur "besonderen Gemeinschaft von Toten und Lebenden". Sein Geleitwort umfaßt eine Seite und vermeidet dennoch jedes Stereotyp. Der tschechische Staatspräsident weiß, das die Voraussetzungen der Vernichtung nach wie vor bestehen. "Es wäre töricht zu hoffen, alle Menschen hätten sich bereits innerlich die Ehrfurcht vor dem menschlichen Wesen, der menschlichen Würde, der bürgerlichen Gleichheit angeeignet". Er verlangt aber von uns als Nachlebenden, "auch in seinen scheinbar unschuldigen allerersten Äußerungen ... jedem Abscheu vor Menschen anderer Völker, Rassen und Religionen standzuhalten". Denn Havel weiß: "Tief in der letzten zufälligen antisemitischen Bemerkung oder unwillkürlich rassistischen Äußerung ist das Phänomen der Gaskammer oder des Pogroms verborgen." Im Sommer 2000, der dank der Beharrlichkeit des Bundestagspräsidenten Thierse ein wichtiges Thema durch die Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten und rassistischen Gewalttätern bekommen hat, zielen diese Sätze auf den Kern unserer Auseinandersetzung mit dem Phänomen rechtes ...Gewalttäter. So ist das Gedenkbuch ein Zugang zu einer gegenwärtigen Vergangenheit - und noch viel mehr. ★ Theresienstädter Gedenkbuch Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942-1945 Institut Theresienstädter Initiative Academia 2000 Prag 2000, Deutscher Vertrieb durch den Metropol-Verlag, 895 S., Ln., 89 DM "Die Mahnung", 1.11/1.12.2000;*:*:*:*:

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