Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- 16 auf das Jahr 5618 (1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 111)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4085237-9641004--113-7392778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
111 nen, und daß er, wann und wo er gefehlt haben sollte, immer einer ernsten und warmen Neberzeugung folgte. Die Zeiten, wo Deutschlands Schicksal sich durch die Beschlüsse seiner freigewählten Vertreter zu entscheiden schienen, liegen hinter uns, wie ein Jugendtraum im Greisenalter. Enttäuscht und ernüchtert blicken wir zurück und sagen mit dem Dichter: Die Ideale sind zeronnen, Die einst das trunk'ne Herz geschwellt. Mit den bedenklichen und gefährlichen sind auch die schönen und edlen Hoffnungen weit zurückgctrcten, und jede Partei will die Schuld auf die andere schieben. Doch wirkte, wie sich das leider durch die ganze deutsche Geschichte zieht, das Ausland vielleicht am meisten auf den Gang und die Entwicklung der deutschen Bewegung ein. Die Februarrevolution in Frankreich hatte sie in's Leben gerufen; die Juniinsurrection öffnete dort den gähnenden Abgrund, vor welchem das Land zu stehn schien, trieb die Mittelklassen bis auf den kleinsten Besitzer in das entgegengesetzte Lager und machte daselbst eine Rcaction unvermeidlich, von welcher Partei sie auch ausgehn mochte. Indem sich die heftige Bewegung dort, durch ihr eignes llebermaß, selbst den Todesstoß gab, verwickelte sie die freisinnigen Männer, welche weder mit der Revolution noch mit der Rcaction shmpathisirten, auch in Deutschland in ihren Fall. Für den Augenblick sank Frankreichs, stieg Rußlands Einfluß auf Europa, und den dynastischen Interessen gelang nunmehr, was den revolutionären in den verhängnisvollen Septembertagen mißlungen war: das deutsche Parlament zu stürzen, welches diesen wie jenen Schranken zu setzen versucht hatte. Wohl dem, der, wie unser Messer, die Beruhigung davon trägt, nie seine sittliche Neberzeugung seiner politischen Ueberzcugung geopfert zu haben. Nicht der Erfolg, nur die Würdigkeit der Bestrebungen ist das Maß des Menschwerthcs. Nachdem der Gang der Weltbcgebenheiten seiner politischen Thätigkeit ein Ende gemacht, ist er in das Privatleben zurückgetreten, der Vicepräsident der deutschen Nationalversammlung als Notar in der freien Stadt Hamburg, um nichts bereichert als um große Erfahrungen, ärmer an schönen Hoffnungen und Idealen, aber derselbe im Kleinen wie im Großen, eine lebendige Widerlegung derer, welche den Israeliten keiner Vater-