Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 3 (7.1915)
- Date
- 1915-07-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6467833-6467833-9641066-9641071--0056-6468109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 Karl Ochsenmann-Frankfurt, Krieg und Religion. Leids geführt werden. In dem Feuer schmelzen die Schlacken, und das Edle wird von dem Unedlen geschieden. '22^ niiA „Nöten haben mein Herz geweitet". In „der äußeren Beschränkung wird das Herz weit, erst durch Bedrängnis und äußere Enge wird das Herz geweitet für große Gedanken und Gesinnungen". Darum bittet der königliche Sänger: 'N1'°?2 NS12 '2*71 „Läutere meine Nieren und mein Herz". Das ist eben die jüdische Auffassung von der Bedeutung des Unglücks, daß das Leid ein Prüfen und Erproben ist. Erst wenn unser Lebensweg enger und beschwerlicher, wenn der Ausblick nebelhafter und dunkler wird, dann zeigt sich, ob innig der Glaube an Gott, ob tief das Vertrauen auf seine Liebe und Gerechtigkeit in uns verankert ist. Es ist leicht, in guten Tagen, wenn alles glatt sich abwickelt, slNO2 zu haben. Doch erst in der harten Schule der Mühsale, unter dem Drucke des prüfenden Geschickes erweist es sich, ob unser Gottvertrauen echt ist. Dem wahren Juden ist das Bekenntnis von der immerdar waltenden Liebe Gottes durch nichts zu erschüttern. NON '2 21O »2 'n^ 1N1N ist der „bleibende jüdische Nativnalrefrain". Gott ist mir gut, auch wenn das Trübste er uns schickt. Darum sollen wir gerade in unserer tiefernsten Zeit mit Festigkeit und Ergebung in allem Unglück die Fassung nicht verlieren, das stärkende Bewußtsein in uns haben, daß „Gott alles, was er tut, zum Guten tut". So wenig' der Soldat in feinem Schützengraben, wo er vielleicht einige hundert Meter überblicken, sich ein Urteil über die Gesamtlage der Kriegsoperationen bilden kann, so wenig können, wir Menschen in unserer räumlichen und zeitlichen Beschränkung über die Wallung Gottes urteilen. An uns ist es, Gottes Schickung als zu unserem Heile hinzunehmen und zu bekennen, daß auch in unseren Leidenstagen sich seine Liebe bewährt. NO's? NM-, NIL „Aus der Bedrängnis erwächst die Erweiterung, aus dem Falle die Erhebung. Die Ganzheit unserer Hingebung an Gott ist die Grundlage unserer jüdischen Bestimmung. Diese Bestimmung aber bleibt sich immer gleich in Friedenswie in Kriegszeiten. Sie ändert sich nicht nach der Zeit, die Menschen müssen sich nach ihr wandeln. Die jüdische Bestimmung erfährt deshalb auch durch den Völkerkrieg