Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 13 (1882)
- Issue
- 13. Jahrgang Nᵒ 3.
- Date
- 1882-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. Verloren nnd gefnndea. Lin» 8t|W«n, «u< b«t Zeit M SOjitzrizev griffe*. Vom Mitlag«schlas auf taumelten die ehrbaren Raths» Herren und die verschlafenen Wachtposten de« Walle«. Vom vier aus taumelte der erschrockene Stadtbüttel und ritz an dem SturmglSctlein de« Rathhause«, daß e« schrillte. Au« ihren Häusern stürzten die grängfttgteu Bürger theil« mit wirtlichen Waffen, theil« mit Knütteln und Dreschflegeln versetz«, von den Spielplätzen hotten verzagte Mütter den hoffnungsvollen Rachwuch« heim in'« sichere Hau» und durch all' da» Gewühl und Getümmel peitschte Solm, der einfüßige Kuhhirte, da« stattlich« Ligenthum der wohlhabenden Ackerbürger an Ochsen, Kühen und Ziegen. Noch immer aber dlie« von seiner hohen Warte lärmend und schrecklich — da« Vaterland war in Gefahr — Ka«par vom Loch — naturalia non aunt turjiia — im Hemde. Pflichtgetreu, blauwangig und rothnäsig bl»e« Kaspar, aber der historischen Wahrheit getreu sei'» benchtet, da» Fähnlein Reiter welche« er gesehen, ließ sich durch Nicht» abhalten, immer näher heranznkommen und endlich dicht vor dem äußeren Walllhoc der Nordseite «bensall» Trompetenton erschallen zu lassen. Gottfried vlumer, der wachthabende Eorporal, wachte, wa» seine« Amte» war. Raffelnd fiel die Sperrkette eine» schmalen Seitenpförtchen» und gefolgt von zwei Reisigen schritt vlumer über die Zugbrücke den Ankömmlingen entgegen, während die allarnnrte Thorwache den Rückzug deckte. Mit dienstlicher Barschheit fragte der gestrenge Eorporal nach dem Begehr der Fremden. Wohlgemuth lächelnd übergab ein fremdländisch gekleideter Officier dem verdutzten Blumer »in riesige« wohlpetschirte» Schreiben und bevor noch die vorschrift-mäßigen Fragen gethan waren, hatten die fremden Reiter Kehrt gemacht und waren sehr bald den Blicken de» tapferen Vaterlandsoertheidiger« entschwanden. Unterdeß aber hatte Kaspar vom Loch, der inzwischen zu blasen ausgehört und sein primitive» mit einem angemessenen Standeskteive vertauscht hatte, einen schwierigen Stand. Bon d»r Höhe seine« gewöhnlichen Wirken» war er hinabgestiegen in die prosaische Tiefe vor die Väter der Stadt, die fich mittlerweile im Rath-saal versammelt und aus den curu» lischen Stühlen niedergelaffen hatten, war er beschieden, um Auskunft zu geben liker den Grund seinegrausamen Blasen» vom Thurme. Es stieg den Vätern de» Rathes gerechter — wir wissen, ein wie ungerechter — Zweifel aus, ob Ka-par überhaupt etwa» gesehen habe und selbst der heiligste Eid Kaspars, den er aus seine rothe Nase schielend leistete, daß er nüchtern sei, vermochte keinen unumstößlichen Glauben zu erwecken. Wer weiß, wie es der hochthronenden perfonificirten Vorsehung D.'s noch ergangen wäre, hätte Gottfried vlumer, der athemlo» herbeieilte, durch fein Erscheinen nicht bewiesen, daß Kaspars Unschuld so weiß wie da» Kleidungsstück sei, in welchem er Lärm geblasen hatte. Mit militärischer Reverenz übergab Blunier da» Schreiben, mit rathsherrlicher Würde la» der Vorsitzende die Aufschrift, mit devoter Eilfertigkeit löste der Schreiber die Siegel und mit offenen Mäulern vernahmen Nalhsversammlnng und Volt den Inhalt au» dem Mund« de» gestrengen Herrn Bürgermeister«: „Gustav Adolf, de» Schwedenkönig» Majestät, fordert un» aus, Stadt und Festung zu übergeben und kündigt uns nach Verlauf von drei Tagen seinen gnädigen Besuch an!" — Tiefe» Schweigen folgte diesen Worten. Nur au» der Mitte der versammelten Bürger vernahm man einen Schrei der Wuth. Gert der Wiesenbürger hatte ihn ausgestoßen. „Mit Verlaub hochansehnlicher Rath, keuchte er fort athem» lo«, diese vrfcheerung haben wir dem lutherischen Pastor zu verdanken. Der Berräther weiß seit länger denn acht Tagen um die Ankunst des Echwedentönig» . . . „Und seit einigen Stunden um die Nichtswürdigkeit eine» ehrvergeffenen Buben", tönte e« gewaltig von der Thüre her, in welcher jetzt die im« zwsante Gestalt Ehren Opltiu», umgeben von seinen Freunden, erschienen war. „Und nun mit Vergunst hochedler Rath, wol« len die Bürger an den Berathungen Theil nehmen, so wäre nohl schicklich, eine allgemeine Versammlung durch die Ausrufer anzuzeigen, fallaber nicht, dann möchte ich wohl gebeten haben, mich jetzt gleich über die Anklage de» Wiesen« türger« Gert nach Ordnung. Recht und Herkommen zu vernehmen." E» bedurfte nur eine» Winke« de» gestrengen Herrn Bürermeister« und sofort zog sich die unbetheiligte Menge zurück, reilich nicht ohne auf den Straßen Gruppen zu bllden und de» Pastoren seltsame Worte zu besprechen. Nur Ka»par vom Loch wandte diesem Treiben verachtungsvoll den Rücken, mit einem Füßchen Braunbier von der Ralhsbrauerei beschwert, erklomm er die wurmstichigen Stufen. In seinem hohen Wohnsitze, gehoben und getragen — er selbst, nicht da» Füßchen — von dem stolzen Gefühl, e» wieder einmal dem hochedlen Rath gezeigt zu haben, daß man seinen Augen da« Heil de» Vater« lande« anzuvertrauen, allen Grund habe. Wohl wogten in der Rathsoersammlung Rede und Gegenrede hin und her, wohl platzten da Geister und Meinungen hart auf einander: als aber Ehren-Opitiu« hochanfgerichtet mit erregtem Antlitz über den Rtarkl zu seiner Wohnung schritt, da konnte man wohl wiffe», baß die Befchlvffe nach seinem Wunsche ausgefallen waren. * * » Rüben hatte in stummer Verzweiflung wie geifte«abwesend der Bestattung der alten Debora beigewohnt. Er hatte, ol» Sara nirgendzu finden war, wie ein Wahnsinniger jeden Winkel de» Hanse», jedes Haus de« Etädchen» durchsucht, er hatte, al« er keine Spur der Verlorenen entdeckte, eine ganze Nacht hindurch gestöhnt, gejammert, gebetet und geweint, über die Leiche hatte.« sich geworfen und verzweifelnd au-gerufen: .Ich habe geschworen, sie zu schützen, ich l,abe geschworen!" dann hatte er theilnahm-lodageseffen al» die heilige Brüderschaft zur Beerdigung erschienen war, brütend und theil» nahmlo» hatte er am Grabe gestanden, und al« die Erdschollen c.uf den Sargdeckel kollerten, halte er wie uni den Tod einer leiblichen Mutter einen Riß in sein Oberkleid gemacht und dabei noch einmal das Wort wiederholt: Ich habe geschworen! Am anderen Tage erzählte ein Hausierer, er habe zwei Knechte Koniecpolrki's gefehen, wie sie zu Pferde ein sich sträubende« Mädchen Hinwegfahrten. Am zweiten Tage wollte Rüben in Wyszegrad bei Konircpolski vorgelaffen werden, die Kosaken im Hofe aber höhnten ihn, trieben Muthwillen mit dem Hebräer und al» er in sinnloser Wnth sich wehrte, mißhandelten sie ihn entsetzlich. Am dritten Tage nach Sara's Entführung war Rüben au» Byrlaw spurlos verschwunden. Koniecpolski war ein tapferer Soldat, ein siegreicher Mdherr, aber, der Familientravition folgend, ein Wüstling. Aus einem Ritt durch Byrlaw, das zu seinem Grund und Boden gehörte, hatte er einst Sara erblickt, die hilfreich ihrer Mutter in der Beschaffung des Lebensunterhalte» beistand. Trotz aller Au-schweifnngen, die ihm der Warschauer Hof gehrten hatte und trotz seiner vorgerückten Jahre, hatte der fenr gc Pole Sinn für unentweihete Schönheit bewahrt, und Sara kannte in der Thal selbst dem verwöhntesten Geschmack« Bennnderung abzwingen. Von hohem Wüchse war ihre Gestalt, d e feingeschnittenen Züge wurden durch große mandelförmig geschnittene Angen belebt, deren schwarze Glnth in feuchtem Glanze schimmerten. Trotz ihres ärmlichen Gewand:« trat sie stolz und würdig einher und selbst der Rabbi de» Orte», der höchst selten eine Frau seine» Blickes würdigte, hatte von Lära mit Bezug auf ihr« Abstammung von ein:r in J«rael berühmten Familie einmal gesagt: Die Tochter Debora'» ist wirklich eine Bath Melech (Königstochter.) (Fortsetzung folgt.)