Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1892)
- Issue
- 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Aller Sugen sind feit Anfang dieser Woche nach dem Schwurgerichtssaale in Eleve, i« westfälische» Sbetjt gn leide« Seilen des Rhein», gerichtet, die der > ntise miten mit Schadenfreude, daß es chneu gelungen, aa fin d« riöole der modernen Welt ein Schauspiel zu knetto. daß an die finsterste» Pro» zefse des Mittelalterrrinnert. lie der Philosemiten mit einem Gefühle der Bangigkeit, was event. daraus werben körnte, die der Juden selbst aber mit dem Gefühle der R u h e, welches das Bewußtsein der Unschuld einflüßt, vereint mit dem Gefühle des Dankes, in einem Rechtsstaat« zu leben, in welchem dergleichen Prozesse nicht in dunklen Foljerkammcrn wie ehedem, sondern in öffentlichem GerchtSverfahren vor den Augen der ganzen Welt verhandelt wird. Ja das Judenthum hat bezüglich der verruchtesten und frivolsten aller Lügen, der des sogen. ,RitualmordeS" — schon diese bloße Bezeichnung, d« .Ritus" und .Mord" miteinander verbindet, invollirt eine Blasphemie, ein« Lüste» rung der sinaitischen Religion — stets einre ine« Gewissen gehabt, nur weil im Mrttelalter mit der Lüge die rohe Ge» walk, die Gesetzlosigkeit, die Folter und die Brutalität des Pöbel« sich verband, sah csolchen Blutlügenprozesien mit Aengstlichkeit sorgenvoll entgegen., nicht etwa darum besorgt, daß auch nur der Sryatten eu»e» Beweises der Wahrheit er» bracht werden könnte, sondern darum, daß die Wihrheit durch Ränke und Gervalt verdunkelt werden und nicht an's Tageslicht kommen könnte. .Den gerechten unparteiischen Gerichtshof hat das Judenthum nicht zu fürchten, es sieht darum mit vollständiger Ruh« den Verhandlungen im Elever Schwurgerichtssaale entgegen, dort kann vor aller Welt nur das ^ügengewedr zerrissen und di« Wahrheit klar gelegt werden. Soviel steht heute, am zweiten Lage der Berho adlungen, schon fest: von einem söge׳.«. ,Ritualmorde" kcin«. wie niemals im Judenthum. so auch im .Falle Xante«" »ncht die Red« sein. Mögen die Antisemiten nur sehen, daß sich oer Spieß nicht Umkehr«, und sie mit dem Messer, das sie gtwetzt, um es dem Judenthum an den Hals zu legen, stch nicht in » eigene Fleisch schneiden k — Noch lebt der tSoll der Gerechtigkeit, der ba• unschuldig vergossen« Blut, ov jüdisches oder christliches, nicht vergeblich zum Himmel schrcirn läßt. <Lr wird, »vir ehemals zu BalakS unv Bileams Zeiten, auch jetzt wieder den beabsichtigten Fluch 0«״ Segen verwandeln. Aus ihn vertrauen wir! wir lassen nunmehr da- Westntlichste aus den Bei ho »d» lungen der zwei ersten Tage hier folgen Eleve, 4. Juli Erster Berhandlungstag. it>n« starke Polizeimachl war schon in früher Morgenstunde vor de« aus eine« hohem Berge delegenen Gerichtsgebäud« postier. Der Andrang des Publikum« ist ein gan» gewaltiger. Siegen 9'/( Uhr Bormittags wird der Angeklcgie, ei» kleiner Mann mir Vollbart, von zwei Gendarmen auf die Anklagebank geführt. Der Angeklagte macht den Eindruck eines gebrochenen Manne». Sein Haar ist fast vollständig ergraut, sein« Gesichtsfarbe dagegen eine sehr gesund«. — Der Präsident Landgerichts-Direktor lkluth, eräffnet dt« Sitzung und richtet an di« Gisch,«oeneu eine länaeie Ansprache, -.»dem er dieselben aus ihre Pflichte» »nur nach bestem Wissen und Wewiffe» zu urteilen», aufmerksam macht. ES wird alSdaan zur AuSloosung der Geschworenen geschritten- E» werde» ausgeioost: Goldarbeiier Wedershoveu (Geldern). Gras v. Lo« (Wisien), Ackerer v. d Loo (Psaizdors), Kaufmann Kauwery jr. (Laldenkirchrn, Oderfvtsrer Frommbolv (Wemb), «ausmann Brlling (Goch , «ausmann King iSüchteln),!Kaufmann Lpickschen (Bluyn), Lausmann Gerltng» g!ulten,!Kaufmann Win,er» ^Mccr», «rei- Moers) und Ackerer lnddergs (Hinsbeck), «ausmann rer Meer (Moers). Als Erfttz-G«- schmorrne -verden Mühlenbesitzer Holz (Süchteln) und Gutsbesitzer Courmeamann (Bonaighardr) ausgeloost. Bei derLercidung der Geschworenen erklärt ein Geschworener, das) er Mrnnonit sei. Derselbe wird vom Präsidenten von der Ableistung de» vorgeschriebe»«» Eide» entbunden und erklär« durch Handschlag, das er nach bestem Wissen und Gewissen sein Urteil abgeben w.rde. Der Angeklagte, d« «lwa» schwerbvrig ist, wird aus Beranlasjung de« Präsiden»«» vor dem Sitchrernsche placir». Er gftbt aus Befragen an, daß er 1840 in Laute« geboren, fetzt Metzger und Bieh» Händler fei, früher Schichter der kleinen, au» 12 Familie» bestehenden zamener jüdischen Gemeinde. 187.1 Hab« er gesriralhet nn»,hatte 8 NchtSewer f. E »k.-«-fel, frtzt men» befind« sich bei ftr Mittler in Mt» Nach Verlesung de» AnkftneSefchfttsii» richtet der Präsident a»' den .-. Augeklogten di« Krage: 0 ** ,/vuschhoff, Sie sied angrttagk den Ansjähetge» Johann Hegmaun der auch ,Joanchen" genannt wmde, txrsätzlich und mit Ueberleguug geridtet zu haben. V«n» Sie berLHStt! gewesen sind, dann rathe ich Ihne», es riuzugesteheil. Seme «in A» geklagter et» Berdreche», daslG er gethaa, ringesteht, dann ha« er am «hefte» ans ein« mild« Beur» »Heilung der Lhat und aus Berzeihung lei Gott zu rechne». Ich sor» de« Eie deshalb in?her« eigenen Juterrff« ans, oft Wahrheit z» sagen. Haben Ei« der kleinen Hegmanr gersdtet? vufchhoss: Reii«, ich Hab« es nickt gelham meqn ich es aethan hätte, dann würde ich es schon liagit eitgrfia»«» hauen — Prüf.: Sie stelle» als» di« mixt Sie erqodeue Anklage, wie Sie es bisher aethan, in Abrede? — >.7 Jawohl. — Präs.: E» wirb Ihnen ftc»~ M»Bt fein, daß an de n katholische» Feiertage Peter und Paul, a« 29. Juni 1891 Abends der klein« Joham» Hegmau» in der Küppersschen Scheune ermordet ausgesunden »r:de. Das «ind ist am >9. Juni gegen 10 Uhr Brrmittaas in der tzftlh« Ihres Hause» spielend gesehen worden, vondbftr Zett ab war ,9 verschmundrn. — B.: Das ist mir bekannt. — Pr : Wie lebten Ei« mit Ihrer Nachbarschaft? — v.: Ich lebt« mit «einer Nachbarschaft vtllstänma ln Frieden. — Pr.. Lebten Sie mit de» Shretaermeiftrr Hex mann in U^rftben? — B.: Durchaus «ich». — Pr.: Eie haadeltt» a» ch mit jüdischen Grabskinen? — Jawohl. — Pr.: E>> sollenJhae» nun Grabftei« beschädigt worbe» sein? — B.: Jawohl, der Scheden war aber gan» nnbedrnten». — Pr: Sie hoch mag sich der Schaden b!lause» bade»? — «.: Der Sämde» mar noch »ich» so viel wie «in« iStmknadel wert. — Pr.: Sie solle» den kleinen Heguann i« verdacht «heb« heben, die Grabdent- »äier beschädigt und Um auch mit de«!Sorw» aebroht habe«: »Na. wart«. Du kammst in xu Thurm!" ״ tt.: Da» ist nicht wahr, i». klebrigen war nur «t n «tzra-kri» in ganz-»ns beinbarer Seif» krschsdftt Wochen. — Pr.: DU Btschädigeng soll Ihr Sohn Siegmund gemach« laten? — B: Das ift mir nicht dekan«, ich hatte de» dei mir befckftstigtt» Sttinmetz Seftndrnv im verdacht. — Pr: Veseabrnp s«ll häufig betrunken gewesen sein? — B: Jnwohl. Sesendrup hatte am Fn itao vor de« Mord! da» letzt, Mal Ui mir gearbeitet. Er mar an diese« Lage wUder total betrunken »ad ftafti »Mergen habe» die Juden wieder Schal»«», ich, neerp« «Pp? bafsir f»»«««, baß »U Anpem keinen Mitwl nab«»." v, n mi« derurttae»Neden». ar»m auch »iederholl «inekkinder deUlftisw, so »erbe« ich domSeseu» »rup da« ferner» «elrenn «ein«» Hauses. — Pr.: E-zähftn SU ein» mal, was Sie am Zant de» Mordes, »m Mvumg, de» 29. Juut vufchhoss erzähl« uunmohr: Ich >i» de« Morgen» gtft« ft(/t llhr ausgestauden, Hab« mich ang«Neidet «ad bin in di« Synagoge ge» gar ge». Gegen 7 Uhr bin ich au» der Synagoge »ach Haus« gekommen und g«9tn B Uhr in di« Klug'fch, Gaftwiitdschaft gegangen. Dar« Hab« ich «ine» Manu Namens Kraut getroffen und diu mit diesem in meine Wohnung gegangen, um eine geschäftlich« AngeUgenhrU zu besprechen. Ich ging etwa gegen 10»/4 Uhr mi« Frank nt), begegne!« alsdann meine« Na hbar, de« Klempner Ullenbo« Gegen i 2>/, Uhr kam ich nach Häuft «»!> Hab« zunächst gebet«« und rlm Taff« Kaffee getrunken. Ich hatte an diese« Tage, de« Todes«ge meine» Batte«, dis 12׳/, Uhr gesaftet. Gegen IV* Uhr habe ich mit «einer KamUft zu Mittag gespeist und alsdann »ine» kleine» Mittagsschias geholte». Gegen S Uh, Nachmittag« hat «ich mein« Lmhttr mit den Worte» geweckt: »Bat«, {UV aus, di« Leute toei•' ft»!«ein sich schon an der Pumpe". Am Pettr-Paulustag« verftmmel» sich gemShnltch dft Bürger in Laute», sepen sich um dft Pumpe» herum, trinken Bier und besprechen txr'chftbene Altgelegen Helten. Man neu»« da» ״Pumpen-Kirmes". Ich stand auf, ging zur Pu«pen»Kirm«S und kehrte gegen ö Uhr Nachmittags in mein« Wohnung zurück. Mehrere Betannt« baten mich, zu Schaut n!tt kegel» zu komme». Nach riuigem Wi )erstreben lrtftet« ich dieser Aufforderung Folg« Etwa gegen 8'/, UH-: bracht« ein Man» die Nachricht in be Schaut'sche Wirtschaft: in der Lnüppers'sche» Scheune sei der Nein« Johann Hrgman» ermordet auszefunden worden. Ich begab mich fofoit nach Hanse und ging mit «einer Krau und meinem Sohn« Sirgmurd zu de» Eltern des ttefte» Hermann. Dies« wohatt» in meiner nächsten Rachbarschast unb wen» Jemand selbst Kinder »rloren Hai, dann kann er den Schmerz der Sltiru ermessen, wen» ihm ein Kind in d eser Weift ermordet wirb? Wi.-ttvftett» die unglückliche» Elttr». Der Ar« »Hegman», dft vor Schmerz fast ohnmächttg wurde, lies» ich fchleuuigst ei» Beauftpulvrr holen 7»ft Uh» Abend« begab sitz mich in dft Sytzlgog» znm leh-i« au« drrftlben gegm 8»/, Abend» in.Metu« 1 ■A A ( i hnd a