Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1891)
- Issue
- 42/43 (17.10.1891)
- Date
- 1891-10-17
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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S«r tttflUtea FaG«afrMge. ®rft Jahresfrist hatRußklwd nun Mon die gespannteste *” . ‘ in Anspruch genommen. ■f denen di« ״und Rnfrnthalt »«irrliegen sotten. Bald"ixMus gingen -Klagen!sr über Vergnvalttgungen durch die Zeitungen. Endlich erfolgte die Ausweisung von Hunderttausend«« jüdischer UntertHanen de« großen Reiche«. Man muß sich augesicht« eine« solchen aller Menschlichkeit hohnsprechenden emsamen Aktes doch fragen: Sind es lediglich äußere otwe, politische und sociale, die den thatsächlichen Bang der Ereignisse bestimmt haben? Wir sind keine Politiker »nd Staatssocialistrn. aber iai Hinblick auf die herannahenden ernsten Tage, di« zur Einkehr und Selbsterkenntniß mahnen, ist «ine Gelbstprüfung nicht blo« gestattet, sondern geboten. Und da drängt sich uns ans Allem, wa« geschehen, die ebenso - traurige, wie unumstößliche?Sahrheit auf daß di« russischen Juden — durch welche Umstände bleibe heute ununtersucht — es leider nicht verstauten haben, sich dem russischen Volke so innig, so völlig anzuschließen, daß ein« Verletzung der Menschheitsrechte schon moralisch unmöglich wäre. Eine große, scheinbar unüberbrückbare Kluft hat sich zwischen chnen grvffnet. Die edleren Regungen de« menschlichen Heqen« sind erstickt, die Stimme de« Gewissen« ist unbeachtet ge» «lieben über der rücksichtslosen Hervorkehriing de« Rattonal- «fühl«, über dem krassen Egotsmu« des roher werdenden Gemüth«. Kein Zwiespalt ist so groß, den nicht die wiederkehrende Lieb« beil«en konnte. Sind die Ruffen wirklich jene Barbaren, für die sie so oft ausgegeben werden? Beruhen «me Type» de« russischen Lharakttrs, welche ein Goaol, Dostojewskis, Siemienski «. a. uns in so anschaulicher Ge» stakt vorführen, auf Fälschungen oder Jrrthümern optimisttscher ^Autoren? Gewiß nicht. Da« russische Volk, so hart ««auch da« Leben auffaßh hat doch unverkennbar Sinn für menschliche« Wohl und Wehe.*) Aber e« ist jammerschade, daß e« »och immer nicht jüdischen Männern gelungen ist, diese Satte seine« seelischen Bewußtsein« zu treffen und anurschlagen. .Möglich, daß di« Ueberwucherung der radikalen Wortführer die besseren Elemente zum freiwilligen oder unfreiwilligen Schweigen verurtheilt. Immer noch ist e« Zeit, auf da« Gemüth eine« dtmhau« nicht ideen- und empfindungslosen Volsis zu wirken, ihm die Gleichheit so vieler sittlicher Grundsätze de« christlichen und jüdischen Religionssystem» dnrch Wort und That zum Bewußtsein »u bringen und da« Gemeinsame der Staatsreligion und de« Judelkthum« deutlich ta machen. Rur dadurch ist die Einfügung der deutschen Juden in da« deutsche Staatslebe« ermöglicht worden, daß eia Mitte« Mendeläichu u. A. theilnahmea an dem Denken »nd Fühle», de« geistigen Leben der deutschen Welt. Vielleicht wird auch unter de, befähigten jüdischen Schriftsteller» Ruß» b land« der eine oder der andere erkoren sein, Bahnbrecher und K . Vermittler dieses kulturellen Fortschritt« zu werden. Wenn L da« Berhältniß der Jude« zu dem Staate erst reinere, selbstlosere Grundlagen gewinnt, wenn Gehorsam im Gemüthe ist und die Liebe, die van» nicht fern bleibt, alsdann wird et gewiß nicht mehr Vorkommen, daß ein Uka« d« Ausweisung von Unterthanen verfügt, die keinen Haß enveckea und leinen Haß verdienen. Sagt doch ein ungenannter Rabbi in den Sprüchen der Väter: .Jede Liebt, Ine nicht von irgend einer Sache bedingt ist, hört niemals auf. Mögen sich nur erst die russisch« Jude« ebenso ans den Standpunkt diese« Spruche« der Pirkr Aboth stellen, wie die russischen Christen auf den der gleichartig« Aeußerung de« neuen Testament« k t־r f tvbWUGVir« nicht vom Sott au«» wegen seine« ethischen Gehalt« am tiefften eindringen muß und darum vielleicht auch prakttsch am wirkungsvollsten und entscheideMten werden kann. w. Die A>4»eis»«Ue« «11 Ra&Uaft. Von Lehrer g. Speyer i» Eydttuhae«. («chluß.) E« möge hier nun ein Bild von dem Leben und Treiben!nt, welche« sich aus den Bahnhöfe» der Grenzorte in!e de« «aflenhaften Zuzuges dieser Lente alltäglich «ntwickelt. Bei ihrer Ankunft müffen sie zunächst den Reviston«saal betreten, woselbst di« Abfertigung bei der große« Menge der täglich Ankommende« in der Regel eine geraume Zeit in Anspruch nimmt. Ist dieselbe endlich erfolgt, so lagern sie sich auf dem Perron bunt durcheinander. Kisten und Bretter. Männer. Fraue», Säuglinge, alle« rm bunte« Gemisch, ohne jede Spur von Ordnung, und wer am späte« Abend oder um di« Rachtzeit den Bahnhof betritt, könnte sich fast einbilden, in ein Zigeunerlager hineiugerathen zu sein, jedenfalls muß der Uneingeweihte glauben, ein obdachlose« Gesindel vor sich zu sehen, und der Jargon, in de« Jung «nd Alt verworren und dem Zuhörer meist uuverstäadlich durcheinander schreit, ist nur zu sehr geeignet, den widerwärtigen Eindruck zu erhöhen. Die Verkommenste» unter den Leuten sind meisten« Polen; ihre Kleidung ist wenn auch nicht immer zerlumpt oder zerrissen. so doch meisten« sehr mitgenommen und für ein« so weite Reise auch nicht notbdürftig ausreichend. Bon ihnen stehen vortdeilhaft ab di« Bewohner der größeren russischen Städte. Nicht allein in ihrem Aeußern, sondern sie zeigen auch in ihrem Auftreten und Benehmen weit mehr Lebensart. E« befinden sich unter ihnen vielfach kräfttge Männer, di« bei passender Beschäftigung Tüchtige« leisten können n«d von denen sich erwarten läßt, daß st« tüchtige Ackerbauer werden und so zur Verwirklichung der Pläne de« Baron Hirsch chr Schärflein beitragen können. Anderseits begegnen nnr wiederum hinfälligen »nd lebensmüde» Greisin, di« sich abmührn und abschlepprn und bei denen sich jeder unwillkürlich frage» muß, ob sie auch nur den Strapaze« der Reisi gewachsen sein werden, ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten und Mühsalen, di« in der neuen Heimath ihrer «arten. Allen sieht man aber da« Bestreben an, nur »«glichst schnell fortzukommen, «ab mit der Vergangenheit zu brechen, rin Beweis, wie traurig das Leben gewesen sein muß» das sie bisher geführt haben. Endlich «och ein kurze« Wort über die Thätiakeit der Hilfscomitee«, welche sich in verschiedene» Städten Deulschland«, namenüich aber in allen Greazorteu bald nach Beginn der Aurweisunaen gebildet haben. Sobald der Zag mit Auswanderern (russischer Zug) einläuft, stehen eiaigeHerrrn de« Lomitee« bereit; um den Leuten Plätze auf de« Perron zu einstweiligen Lagern anzuweisen. Desgleichen stehen ihnen diesi Herren beim Wechseln des Geldes, sowie beim Äsen der Fahrkarte« hilfreich zur Seite, da dir meisten der Au«- Wanderer hinsichtlich de« fremden Geldes völlig unwissend sind. Allmählich kommen dann die unterstützungsbedürftigen Auswanderer — und diesi bilden die überwiegende Mehrheit — zu den Vorstandsmitgliedern des Lomitee« und allen an- Heünach Reisikosi sie» etwa fehlende Summ« au« den Mitteln des Lomitee'» in ihnr vollen Höhe zugelegt, »ährend de« Nichtaasgewiesen«» in bet Regel tan kleine Unterstützungen von