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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 12 (1889) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
12 (1889)
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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^sir. Iüvtfches 1889. utüifi«#/*// &*rau«flcgeb«n von Dr. M. »ahmer ln Magdeburg. _Jar N«terhM«s«. Kelehrullg flr iit israelitische Famlie. und RLchsellSsungen. (ttnkfvitcr Richdruck mtrrtaffi ) Herze«»adeU Eine kujawlsche ikkzählaug au« dem Tnsang« unsere« Jahrhunden« von Johauna - («echt ruck xiurlagtj lK»rtsr»vn-.) Valentin war einer jener tausend Unglücklichen, die in russisch-polnischen Ghetto« verkümmern, wo zu den allgemeinen Letdm de« Llinde« noch die Entziehung de« ersten Menschenrechte«, freie Luft zu athmen in diese« Brutstätten dr« Elend«, versagt ist. Aber wunderbar I Wie ftch auf Fiedersümpfen farbenprächtige Blumen entfalten, so auch in diesen Ghetto« Geistespflauzeii, welche al« Seltenheiten unter den günstigsten Verhältnissen Ausfallen würden. Baleotrn'« unschöne« Aeußere war durch den Auadluck einer ungewöhnlichen Weisheit und Mild«, so anziehend und bedeutend, bafc man ihn mit Sokrates hätte vergleichen mögen. Nur wagte man dies kaum in Gedanken, denn der Gegensatz dieses schönheitstrunkeren Griechen neben dem farbenblinden ehemaligen Ghettobewohner vernichtete triinnphirend jedes Auflaucheu einer Uehnlichkeit. »Ich kenne nur zwei Karben/ sagte Balrntin oft scherzend. »Weiß und Schwarz, Papier und Schrift, diese hatte ich von meinem fünfte« Tage ab vor Augen. — Man sagt der Himiael ist blau, die Erde grün; ich unterscheide es nicht!" — Der Zusammenhang des Meuschendaseiu» mit dem Naturlebeu rr-ar ihm fremd, schon im Kenne erstickt. — Die begeisterten Naturschilderungen der Psalmen verstand er nur al» einen Thril der Offenbarungen der heiligen Schrift. Waren doch dem Greise, wie dem Kinde» Spaziergänge in'« Freie verleidet. — Mit dem Schritt aus dem Ghetto, waren sie Demitthiguugen und Mißhandlungen de« Pöbel« prrisgegeden. Valentin war in der düster« Klause einer Talmudschule anfgewachseu, in deren l^yrintischen Wegen er die Feuerprob« des Scharsfinnr« und der Spitzfindigkeit glücklich üderwnndr» hatte. SÄrr eine so gesunde, nach Wahrheit ringend« Seele, wie Valentin«, findet an« jenem, von verschiedenen Stimmen erfüllten »Sprechsaale" die welterhaltende ewige Wahrheit her aus. Er halt« an« jener Schnle Weisheit, Menschenliebe, Gerechtigkeit gegen Freund und Feind gelernt. Aber mit der wachsenden lsirkenntniß strebte sei» freier Geist hinan« zu einem nicht gekannten, nnr geahnte» Geistesleben. Ein alte«, z» Düte» bestimmte« Apothekerbnch, auf dem Ladentisch« seine« Schwiegervater«, zog chu mächtig au, er riß »er. Pohlen einige Blätter heran«, und ei» deutscher Schuster, gesell, der chm bekannt war, lehrtt ihn da« Abe. Im Ali« von vierzehn Jahren »nrde er von seine» Elter», der Sitte gemäß, mit einem dreizehnjährige» Mädchen verHerrath et. Er hau« de» einzige» vortheil diese« nnmttürltcheit Verhältnisse«, ein besouder» für ih» allein destimmte« Stndtrziarmer, wo »an ihn tm talmndische» Stndium wähnte, während er die Zeit zur Erlernung der deutschen Sprache benutzte. Er wußte vielleicht damals mehr technische Ausdrücke der Pharmacie als mancher Lehrling in der Apotheke, denn mit der Zeit war er in den Besttz vieler Blätter jene« Boche« gelangt, die er fast auswendig wnßte. al« er ste lesen konnte. Brodsorge kannte der Strebsame nicht, da jene unnatürliche Verbindung die Nothwendigkeit geschaffen hatte, die oerheiralheten Linder im Elterohause de« Mädchen« zu versorgen. Nach vierjährige Ehe starb da« junge Weib, da« für Valentin nur ein Lind war und deffen Tod er aufrichtig betrauerte. Er hatte da« Taschengeld gespart, welche« sein Schwiegervater ihm von seinem Hochzeit-tage an gegeben mit den Worten: Ein Mensch ist ohne Geld wir rin Körper ohne Seele. Valentin verließ heimlich da« Hau« seine« Schwieger« vater« und floh nach Deutschland; nur so war e« möglich zu entkommen, da er sicher war, nie die Erloubniß seine« Schwiegervater« für diesen Schritt zu erlangen. Er ließ ih« einen Brief voll Danke« für seine ihm gespendete Güte zurück, mit der Bitte ihm zu verzeihen. Er erreichte ohne besondere Hiaderniffe da« Städtchen I. an einem Freitage. Abend« ging er io den Tempel, Gott für da« Gelingen seiner Flucht zu danken. Dort fiel er al« Fremder auf und nach der Sitte Israel« lud ihn Gersou zum Sabbathtische eia, nach dem Gebote: »Nimm dich de« Fremdling« aal" Valentin theitte seinem ftenndlicheu Wirthe die de» kannten Thatsachea mit. Die Hoffnung, sich in einer deutschen Schule auszudilden, war bald zerstört, al« Gerson dem Armen berichtete, wie erschwert selbst dem deutsche» Juden der Schulunterricht sei. »Ihre Leuntuisfe find gewiß schätzenswerth, aber Sie würden ein sehr alter Student iverdeu. da Sie nicht unr keine deutsche Schulbildung haben, aber auch der deutschen Sprach« nicht mächtig stad. Und schließlich, wenn Sie auch Alle» überwinden könnte», e» ist keine verwerthung in Deutschland für da« Wiffeu der Juden vorhaaden, nur die ärzttiche Larriäre steht ihm offen, und auch dariu unterstützt ihn der Staat nicht, nnr die Taufe öffnet ih« de» Weg." »Schmerzlich enttäuscht mich, wa« Sie sage», Herr Gersou, — was hatte ich mir von dem Deutschland gedacht, wo ei» Moses Mendelssohn lebt! Also auch hier die Qual, keine» «aum zu finden ftir die Eatwickeluag de« geistige» Leben«? Da« habe ich nicht gedacht!" »Nicht mrr die«, lieber Freund; aber selbst da« Hand, werk und der Landba» find uns unmöglich gemacht. Mein Neffe erlernte hier die Klempnerei, er wänderte nach Berlin um sei» Handwerk gründlich kennen z» lerne»; aber dir Ge» selten erklärtem tdrern Meister, sie würde» nicht mit ei»«»» Jude» zusammen arbeiten; der Meister fand die« selbst verständlich und schickte ihn fort. Land darf kein Jude besitzen, folglich ist Alle« auf de» Handel angewiesen. Nehme» Sie also «einen Nath an, jnnger Mann, bleiben Sie in meinem Geschäfte, ich will Ihr Lehrer sei»; arbeiten

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