Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 33.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Smrli lieber de» verstorbeuen Prof. Caval. Guiseppc Levi bringt „3fn>. World" folgend« Notizen Derselbe erreichte et» Alter von 60 Jahren. 816 die Juden in Piemont tn> I. 1848 da« Recht erhielten, öffentliche Schulen zu besuchen und da» Universität«diplom zu erlangen, war er der erste italienische Judt, welcher eine Prüfung in der klassischen Literatur bestand und den Titel eine« Professor« der Literatur erhielt. 1888 gründete er den Lckuoutoro lornelitioo, «in treffliche« jüdische« Platt. Er veröffentlicht« mehrere Werke: „Parabeln und Legenden au« dem Talmud" (Deutschen Lesern in der Uebersetzung von Seligmann bekannt) „Dir mosaische Theokratie", „Christen und Juden im Rittelaitrr" sind die wichtigsten. Er war zweimal von der italienischen Regierung decornt worden Lö»ß«»ti»«pel, 28. Juli. Am 11. v Rt«. verschwand in Magnesia (Kleinasien) ein türkische« Mädchen von fleben Jahre»; am 13. ward der Leichnam desielben in einer Entsernuna vou 1'/, Stunde gesunden. Der Oberarzt der Polizei, Tonstantino«, erklärte nach flüchtiger Besichtigung da« Kind für barbarisch ermordet, und daß ihn, „da« Blut au«- gesogen" worden. Darauf fand sofort die Beerdigung statt. Der „Vampyr" mutzte aber natürlich wie immer ein Jude sein. Die 300 i»raelinschen Familien in Magnesia waren auf« äutzerste bedroht und riefen den Schutz der Regierung an, der ihnen durch eine Kawassen-Abtheilung gewährt wurde. Der General-Gouverneur Hand, Pascha in Smyrna hat auch die Poltzeimannschaft verstärkt, damit e« nicht zu einem Gemetzel komnie. Den vr Constantino« aber hat man leider nicht oerhaflet._ A-utlletomIftifehe« zur A»«tritt«frage. Austritt au« der Synagogen-Gemeinde au« „konfessionellen Bedenk«»" ist durchau« nicht« Reue«, und die fraglichen Bedenken sind scho» oft orthodoxe gewesen und zwar auch mitunter Marotten. Bon solchen zu reden und zu erzählen, Kht im ernsten Leitartikel nicht an, im „Feuilleton" aber kann« on ein Plätzchen finden. „Jewijh Ehronicle" veröffentlicht seit einem halben Jahre „Skizzen au« der englisch-iüdischen Beschichte", welche sehr viel Wichtige» und Jntereffante« bieten und hoffentlich in einem Band« zusammengestellt erscheinen werden. Nr. 26 derselben erzählt: „ES war einst unter den Juden Sitte, datz ungezogene Knaben und närrische Männer am Purim ihren Abscheu gegen tzaman'« Betragen durch starte« Klopfen aus die Synagoaendänke während der Berlesuug der Megilla laut werden ließe«. Diesem abgesch-nuckten und respeclwidrigen Brauche halten die Gemeinden immer (?) zu steuern gesucht, und im März >783, unmittelbar vor Purim, erlietzen sie strenge Befehle, welche die kindischen Manifestationen untersagten. Nichtsdestoweniger brachten einige Mitglieder au« Lust an Unge- «ogeahetr oder aut OppositionSgersi am Abend die alte Observanz wieder in Ausführung. Darauf sorgten dir regierende» Vorsteher dafür, datz am andern Morgen ein paar Eonstabler anwesend waren, welche bei abermal« versuchter Wiederholung de« nichtSwürdigen Klopfen« die Uebellhäter rasch vor di« Thür brachten. Der Ma'amad (porrug. Benielndevorstand) forderte dieselben sodanri vor, alle erschienen oder sendeten «nügende Entschuldigung und Abbitte — bi« auf Einen. Einige wurden dann in geringe Belddutze genommen. Anderen wurde Verzeihung zu Theil, und so war die Sache, so weit ft« da« Publikum anging, zu Ende, nur datz der Purim-Lärm »och einige Zeit ein LieblingSthema der Gemeinde-Plaudereien bildete. Der Einzige, der sich gegen die Gemeindebehörde» »ffe» auflehule, war Jsaac MeNde« Furtado. Dieser Mann war tziemlich reich geworden und hielt sich demzufolge für berechtigt, de» Gemeinde-Aeltesteu geringschätzig zu begegnen. Er tzittt« schon bet mehr alt) einer Gelegenheit sich roh arge« sie betrage» Im gegenwtirtige» Falle war er offenoar au« ] purem Muthwillen einer der Haupi-LLtmtnucher «ewesen, oi>- l gleich er selbst ein Ehrenamt tn der Synagoge bekleidete. Furtado weigerte sich nicht nur vor dem -Mahamad zu «rscheinen, sondern er richtete an »»»selben einen beleidigend«» Brief, voll Spott und Flegeleien. Er sei durch den Eintritt der Tonstabler in die Synagoge i» seiner Andacht gestört nwc* den, einen guten alten Brauch abzuschaffen, stehe dem Mahnmed nicht zu: nicht der Lärm habe seine Gefühle verlch^ sondern die Eonstabler. Sr wolle sich von einer so irreligwsen Gemeinde separiren. Rach einer Ttrad« von malitiöse» Anklagen gegen di« Gemeindebehörden schlotz Furtado di«« köstliche Schriftstück, welche« von ihm und seiner Frau unter, zeichnet war, mit der Erklärung ihre« festen Willen«, mit den Gliedern der Gemeinde fernerhin nicht« zu thun habe» zu wolle». Furtado lieft daraus seine Kinder taufen unv erbaute in Mile End einige Häuser, welche er, zum Gedächtnitz der ruhmreichen Geschichte Purim-Platz nannte. Earcch Furtado, seine Frau, wurde noch auf dem portugiesisch«» Friedhöfe begraben, er selbst jedoch auf einem Kirchhof." Die Geschichte beginnt komisch und endet sehr ernst. Dost aber Furtado seinen Austritt mit eonfeisioaeüen Bedenken, mit orthodoxen Scrupeln beschönige. konnte und durfte - in« Herz hinein und in die Zukunft hinau« kann man ja nicht sehen — da» dürfeu unsere heutigen Au«rritt-B« :- sechter nimmer in Abrede strüen. Hamanklopsen ist ein Minhag, den man nach der ausdrücklichen Erklärung dt« Schuicha, Aruch nicht abschaffen und nicht bespötteln darf. Sofern Furtado lediglich au« der Gemeinde au«gerreten war, weil man va« Hamanklopsen wahren „und di« GewiffenSfreiheit durch rohe Polizeigewait unterdrücken wollte", müffen die Herren Hirsch u. s. w ihn sür einen höchst ehrenhaften Mar.a erklären, der ganz so gethan hat, wie sie e« empfehlen, rühmen uitd preisen. Wa« er nachher weiter gethan hat, gehört ja nicht zu dieser Sache. Etwa« sehr Aehnliche« hat sich übrige»« vor etwa 20 Jahren in einer Gemeinde zugetragen, der wir so nahe nie mögltch stehen. Da lebte ein gewisser E, ein schlichter Mann, rin frommer Jude, wa« man so wohl nennt, ein fleitziger Besucher der Synagoge. Au» seiner Heimalh, von sein-:» Jugend Tagen her hatte er die ibm gewiß ganz berechtigt «rschelnende Eigenthümlichkeit milgrbracht, laut, vor- und überlaut zu beten Al« nun eine neue Eu!tu«orvnung eingrsühtt und vor Allein da» laute Beten untersagt wurde, da fügten sich — ganz wie oben au« London erzählt — alle Mitgteder gern und willig oder doch ruhig, bi« auf Einen. Unser E. betete weiter laut, wurde verwarnt, betete dann erst reiht laut, er wurde gestraft, dann wurde er grob, wurde obrigkeitlich gestr-ift und nun — sagte er sich lo«. Er wollte mit einer Gemeinde nicht« mehr zu thun haben, die „seine heiligslen Gefühle verletzte, seine heiße Andacht untersaate, durch rohen Majorität-beschlutz und Polizeigewait sein« Gewiffen«- freiheit knechtete und ihm verbot, vor Gott zu schreien, wie sie e« in der Heimalh Kehillah gethan hauen. Und weit» er, er allein dem alten Schreigedrauche treu bleibe» wollie, so war e« sein Recht und sei»« heftige Pflicht, anSzutreten, au«zulrelen au« der StaatS-Polizei-Büttel-Gemeinde. Ob E. wörtlich so gesprochen hat, ist un« nicht bekannt, aber er würde so gesprochen haben, wenn er die Broschüren der Herren G. u. s. w. gelesen hätte. Die waren nun damal« noch nicht geschrieben, da« Gesetz von 1847 war nach ganz neu, die Kämpfer für Au«tritt«- und Gewissensfreiheit halten ihre Lorbeeren noch nicht errungen. Unser E. konnte nicht etnsach au-lreien, aber er trennte sich von der Gemeind«, er ging in keine Synagoge mehr, er trat zur freie» Gemeinde über, dann „dawenre" oder „orte" er gar nicht mehr, „nicht laut uad nicht leise in keinerlei Weife", dann wuid« Sadbalb and Feiertag abgeschafft, dann machte e« ihm eia Bergnügen, z. B. am Kolnidre Abend den au« der Synagoge Kommenden auf der Stratze zu begegne» und au» seiner TäbatSpfeis« einige kräftige Züge zu Ihne«, »nd so lebt« und starb er al« — unbesoldeter Ehreulüster der f r«te u Gemein)«. 1 .'nifiri'iiiitlrti i 'rift,'-*. ■ 1 . ..I