Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 1.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Freilich war Ephraim damal» erst achtzehn, Mirjam noch nicht vierzehn Jahre alt. Beide fast noch Kinder, aber rein«, glücklich« Kinder. — Run sollte er fort, wer weiß wie weit, und auf wie lauge! Und nicht nur die Hmmath da» elterliche Hau», auch Mirjam sollte er verlasse», — vielleicht aus Nimmerwiedersehen! Der einzige Balsam für dies« Wunde war, daß er den Schmerz nicht allein fühl e. Mirjam lag an seinen» Halse und «einte heiße, glühende Thränen. »Wer weiß, wann ich wiederkomme! — Wirst Du meiner nicht vergessen, wirst Du aus mich warten?" Unter Thränen lächelnd blickte Mirjam zu ihm auf: »Ja, ich werde warten, so lange Dn willst. Ader wirst Du —? »Du weißt «» wie lieb ich Dich habe. — Stille, Mine nicht mehr! wir können e» nicht ander» machen." Aber Mirjam konnte diesmal nicht folgsam sein, leise schluchzend barg sie ihr Haupt an seiner Brust. — . . . . So zog denn Ephraim in die Fremde. Wäre e» möglich gtwesen, er wäre in den ersten Wochen schon zurückgekehr», um seine vrrhaßte Beschäftigung von Neuem zu beginnen und um bei seinem Vater und bei — Mirjam Milen zu können. Allmälig jedoch söhitte er sich mit den neuen Verhältnissen au». Strenge gegen sich selbst, wißbegierig und pfiichtgetreu im Dienste, erwarb er sich die Achtung und Liebe seiner Vort gesetzten, wurde Unteroffizier und Fahnenfahrer, und al» er!?: ' in einer Schlacht seine Fahne gegen Uebermacht vertheidigte fj£ und rettete, und in einer nächsten eine feindliche Standarte F' erobert«, wurde sein Kleid mit dem goldenen Sterne geschmückt. «Mch Beendigung de» Kriege» kam da» Regiment, in dem Ephraim diente, in die Residenz al» Garnison, In der Haupt- W.'tzadt de» Lande» hatte er Gelegenheit, da» Flickwerk seine» r&: Wissen» zu ergänzen, seine B-:griffe wurden weiter, seine Idem & klarer und nach Mnigen Jahren war er «in Mann. 3t* Aber die Hoffnungen, die Ephraim an seine anfangs glänyL- -ende» Erfolge knüpfte, gingen nicht in Erfüllung. Jahre vergingen und Lieutenant — blieb Lieutenant. Da» Htnderniß, - mit dem Ephraim bei seinem BorwärtSkommen zu kämpfen Chatte, — war der Jude in ihn«. Bekanntlich sind Toleranz und Gleichberechtigung in gewissen Kreisen theoretisch giftig, ahn« daß man sie jedoch zur praktischen Bedeutung gelangen /K ließe. Ephraim stand mit seine» Vorgesetzten und Kameraden emi gutem Fuße, aber nicht selten mußte er e« doch fühlen, -Ä'^daß «an ihn nicht ganz al« den Gleichen unter Gleichen be- »H »Handelte, und al» er sich zudem noch wiederholt übergangen Mk' sah, entschloß er sich die einegschlagene Laufbahn aufzugrben. fT. Er qutttirte. M Wohl that er die» mit schwerem Herzen; denn wa» sollte «r in seiner Heimath beginnen? Ein armer unwissender Jüngling hatte er diese verlassen, jetzt war er ein Mann, der mit Aufopferung seiner Rächte die mangelnde Schulbildung ersetzt, . Mensche«, fremde Länder und Sitten kennen gelernt, und man-; che» Lorurtheil abgelegt hatte. Würde er jm Stande sein, sich dem chemaligen beschränkten Kreist, mit dessen noch beschränkteren Anschauungen anzupassen? Kaum, aber dem Dienste entsagte er doch, weil er ei» freier, unabhängiger Mann sein wollte. So bettat er denn eine« Morgen«, »ach acht Jahren, tun ersten Mal« wieder da» väterliche Hau». Niemand, Mder Vater, noch Freunde, noch Nachbar» erkannten in dem elegan- ~lm jungen Herrn den ehemalige» Ephraim. Nur Mirjam, Mt ch» bei seinem Eintritt« einen Augenblick erstaum, fragend, ^fast erschrocken ans»!», lag im nächsten Momente in seinen Armen und lacht« und weinte, wie ein Kind. Ephraim erbleichte bei diesen Thränen, wie eine zentnerschwere Schuld legte e» sich auf sein Herz. In der ersten Mett hatte er in de« Briefe» an seinen Vater immer um Rachyoftt von Mirjam gebeten, dann wurd« diese Bitte seltener, , hörte sie ganz auf. Sett Jahren hatte er kaum an tzchacht, nie »ach chr gefragt. — Und jetzt lag sie an fei* t Halit, stanz wie die kleine Mirjam. Glaubte sie noch ein R «ns smi Herz zu haben? — Konnte er chr diese» Recht lde» veränderten Berhältnissen zugestehe»? — Aber dich [ auch er da» Vergangene nicht ganz vergessen hatte, da« ftchlte er an dem Pochen seine» Herzen», al» da» blühende Mätchen in seinen Armen lag. Und schon ncch den ersten Tagen de» engeren Zusaminenleben» erwachte dir alte Lieb« Ephraim» z« ihrer vollen einstigen Größe. Er mußte sich auch gestehen, daß Mirjam e» verdiente, so geliel't zu werden. Der ungeschliffene Diamant hat immer noch mehr Werth, al» der glitzernde falsche Stein. Da» angenellme Gefühl de» Zuhauseseinwurde iadeß schon nach kmzer Zeit vergällt. Der alte Abraham erttcmkte plötzlich sehr und schwer, und nur Mnige Tage später gab ihm Ephraim da» Geleite nach dem „guten Orte." Aldie Truuertage vorüber waren, begann Ephraim ernstlich an die Act und Weise zu denken, wie er sich eine Existenz gründen «olle. Wa» sollte er beginnen? Ein Amt annehmen, da hätte er wohl Militär bleiben können; die Verhältnisse sind ja ziemlich gleich. — Ein Handwerk hatte er nicht gelernt, damit war e» also auch nicht». Zum Kausmnnne hatte er keine Reizung, ver,.and auch nicht» von „Geschäften". — Wa» denn? Mit dem Gevanken daran ging er eine» Tage» über'» Feld. Sinnend und in sich gekehrt war er stundenlang hnumgewandert; plötzlich blieb er stehen, sein Blick hing unverwandt an einem — ackernden Bauer. — „Gefunden!" jubelte er in ihm. Thor der ich war, so lange zu suchen! Ist nicht die erste natürliche Beschäftigung de» Menschen Ackerbau und Biehzucht? Hatten nicht unsere Patriarchen, die wir noch heute al« die besten unt reinsten Menschen vrrehren, die gleich« Beschäftigung? habeit nicht unsere Vorfahrt'» in Palästina den Boden gepflügt? — Warum thun e« ihr« Nachkommen nicht? Ja. dachte er Mitrr, warum thun »vir da« nicht? warum mußte ich mich Lochen lang martern, bi» ich auf die natürlichste Beschäftigmg de« Menschen verfiel? Die Vernachlässigung dieser Beschäftigung war erklärlich, so lange fanatisch« Unduldsamkeit e» un» verwehrte, den?stetß auf eigenem Bode» zu verMnden, so lange un» nur die stjahl zwischen Betteln und Handeln blieb; hentt aber, wo da« tZoch gefallen ist, viele meiner Glaubensgenossen au» Spekulation Großgrundbesitzer gcworden, warum gibt «» heut« keinen jttbi* sch:n Bauer? Ist e» di« Piacht der Gewohnheit, die den Juden Kitte« noch tragen läßt, da er schon längst frei ist? Ist e» vorurtdeil, durch da« de Arbeit mit dem Arbeitenden verwechselt wird? Dbn ist un» der Schacher »»trklich so sehr in» Fleisch und Blut übergangen, daß wir diesen Dämon gar nicht n»ehr lo» «»erden könne»? Wie dem auch sei, mögen die Ursachen in oder anßer un» liege«, ich mag e» nicht wissen; aber da» weiß ich, daß ich ein Bauer weide. Mögen Andere in betrügerischer Sktfe sich «in Vermögen erwerben, mir genügt schwarze» Brod, so ich e» nur in redsicher ArdrU von der Mutter Erde borge und nicht von menen Nebenmenschen erschwindle ..." Mit diesem «Sntschlusse ging er nach Hause. Spä: in der Nacht saß er noch bei der Lampe und rechnete Sein eigene» Kapital und da« mm seinem Vater ercrbte Vermögen, reichten eben hin, um einen Fleck Erd« zu er Verben. dessen Erirägniß bei guter Bewirthung «inen Men« che» mit dem Nöthtgsten versehen konnte — vielleicht auch zwci. Ephraim hofft« und wünschte die« wenigsten», den» sein Entschluß, Mirjam al« Weib heimzusühren, war fester, albte Hoffnung auf die Möglichkeit der Ausführung de-frl be«. Daß Mirjam auch dem Bauer die Hand reiche« tmtbe, bezweifelte er nicht. Allein ihr Vater? — Da war der Haken! Dem gefaßten Entschlüsse wollte er jedoch unter «Hat Umständen treu b eide». . . . (Forts, folgt.) v