Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1872)
- Issue
- 3. Jahrgang Nᵒ 17-18.
- Article
- Beilage zu Nᵒ 17-18.
- Date
- 1872-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Israelitische "Koche«-ÄchM. Beilage zu >' 17-1«._Magdeburg,^. April 1872._3 Jahrgang. Inhalt. Vetterte Artikel r Israel in der Unrit «nb in bn fc«flnt»r.t. (Schlich.) Berieche Akte WOchltchsttgkett«a»ttälte,« Frankfurt. Bielefeld. Königsberg. Steilin. Pvsen Bien. iloprnhagen/ Ierujalein. tkorrrfpendenzen, Leipzig. Königöberg. Hannover. Frankfurt a. M. Hamburg. — ver«if«chte «>» neueste 9t«4ti4tnil Berlin. Breilau. vreilan. Franksun a. M. Bromberg. Neunarz- — Fentlletvnr Di« Danvin'ich« Theorie und bi» Religio». — Fincherniß. — Der erste Schulgang. ^Gedicht.» Inserat«. Briefkasten. Berichtig»»-. I 3fr«el in der Urzeit und in der Gegenwart. An« Beffachfeft» Uli. <«chlu».) Ueb« dir beiden anderen Elasten sinne» wir uns kürzer fassen. „Stürzen wir uni in daS Meer", rief die dritte. Da« waren damals dir verzweifelnden, heutzutage sind es die Zweifelnden, richtiger aber diejenigen, die sich nicht einmal die Mühe gebe» zu zweifeln, über religiöse Angelegenheiten zu denken, Sie stürzen sich jählings in das Meer des weltlichen Treibens; Geld erwerben, wie es auch geht, reich werden, wenn e« nur geht, das Leben genießen, so lange es geht. Es sind diejenigen, deren Glaubenslehre der Prophet mit den Worten ausspricht: „laßt unS essen nnd trinken, denn bald müssen wir sterben". AlS Israel aus Egypten zog, da heißt es, ging auch viel Gesindel mit ihnen; auch diese Elaste unserer Glaubensgenossen (wir brauchen sie eigentlich nicht so zu nennen) verdient jene Bezeichnung, gleichviel auf welcher Stufe des Besitzes, der äußerlichen Bildung sie stehen, in welchem Kleide sie einhergehen, in sofern sie nämlich Menschen ohne Grundsähe und sittlichen Charakter sind. Wie jenes „Gesindel" einst Kalbe» verschuld« hat, so ist auch dieser Nenschn^W^W Völl/ IfllB Gottes üb« Israel brachten, so bringen auch diese den Zorn unserer Widersacher über unS durch Geldgi«, Hochmuth, Vorwitz und noch Schlimm«»-. Zu der entsprechenden Elaste sprach Moses am rothen Meere: „bleibt stehen l" — aber wenn heut «n Moses riefe: „steht still halt« ein aus euren Wegen!" — es wäre umsonst; „bit diesen Weg beschritten haben, kehren nicht zurück;" wir wissen ja, daß von jeher nicht ganz Israel auf seine Lehr« und Propheten gehört hat. klm schwersten ist die vierte Elaste zu schildern, da sie das felbft nicht vermöchte, da sie selbst nicht weiß, was sie will und soll. Schreien und klagen, dawar am rothen M«re ihr Thun,*) sie waren irrt an sich, irre an ihrem Führer, rathlos wollten sie nicht vor» nicht rückwärts, konnten nichts als klagen und anklagen. Auch jetzt giebt es solcher schwachen Geister viele, die gewohnheitsmäßig das Ueberlieferte beobachten oft nur aus Gewistensserupel, Furcht, Aberglauben, aber ihre Kinder nicht in demselben «ziehen, w«l sie es nicht wirklich ehren, nicht aus Urberzeugung haltm und dann üb« ihre Kinder klagen. Wied«um andere, die das Gottesgesetz nicht beobachten, ab« über diejenigen schreien und schmähen, die sich dieselbe Fr«heit nehmen; die in d« Thal sich üb« das Gebot hinwegsetzen, aber «lt dem Munde für dasselbe eintt«en; die heute das AUe anklagen und morgm das Neue, heut das -«gebrachte loben um Neuentstandrnes zu tadeln, morgen das früh« Bestandene verwerfen um — doch *) Da» rrmu der Mechilia — vergl. Targum I. b. ll. — läßt freilich ein« andere, Wahrscheinlich auch richtiger«, ttullrgung zu. Bit stützen un» jedoch aus dt« Freiheit de« VTVT bei ihm stehen zu bleiben oder daS Umgestaltete — auch nicht zu billigen. Moses rief dies« Elaste am rothen M«re zu: „ihr schweigt stillet" — man kann auch heute nicht avders sagen als: „schweigt, ihr wißt selber nicht, was ihr wollt!" Dasind die vi« Elasten in der Urzeit, am rothen M«re; sie entsprechen vier Parteien in unser« Gegenwart. Nun denkt wohl mancher Les«, das allesei doch nur Bild und tvillkürliche Deutung, ein Midrasch über einen Midrasch. Aber dem ist in der Thal, dem Kern der Sache nach, nicht so. V«gleichung und Deutung allerdings, ab« darin liegt die Wahrheit dieser Gleichnisse, daß sie sich noch der Gegenwart anpassrn und auf sie anwenden lasten. Ja, Israel ist sich gleich geblieben, hat von je dieselben Fehler besessen, Gott ab« hat es dennoch nicht verworfen und nicht »«lasten, nach seiner v«heißung. Israel hat sich oft schwach und schwankend gezeigt, war oft s«nes Berufes uneingedenk und unwürdig, am rothen M«re, in Palästina, in d« Zerstörung; aber Gott hat es nicht aufgegeben und hat es geleit« auf ebenen und rauhen Wegen, geweid« bald mit dem Stabe „Milde", bald mit dem Stabe „v«d«ben", denn Israel sollte bestehen, und die ihm geoffenbarte Gotteslehre sollte nicht in jyifr M Zene vi« Elasten die sich im heuttgen Israel so leicht urwoeustlch «kkNllkst lAsten» sie beim schon vor Jahrhunderten bestanden, und wer sie am rothen Meere nur im Bild« und gedrulttem Gleichniß bezeichnet finden will, dem können wir sie in Wirklichkeit geschildert zeigen in den Worten d« Propheten. Die erste Elaste, die ohne volle Umkehr zu allem Alte» nur Untergang de- Iudenthumsteht und üb«haupt überall nur verfall d« Religion «blickt, an d« Zukunft v«zw«felt — d« Prophet Ezechiel bezeichn« sie schon; es sind die Leute, denen er da- Wo« in den Mund legt: „Unser Gebein ist ve«rockn« und unsre Hoffnung ist o«loren, es ist au« mit uns". Er hat sie widerlegt, und die Iahrtausendt haben sie widerlegt, ihr« Furcht hat sich eitel gez«gt. Die zw«te Elaste — ihr Losungswort lautete schon bei demselben Propheten: „wir wollen sein wir die völk«, wie die Familien der Erde". — Ezechiel ruft ihnen zu; „was auch da in dn, Ginn kommt, da« wird nicht geschehen!" Die Iah«aufende haben s«n Wo«, s«n „sowahr Gott lebt, es wird nicht geschehen!" bestättgt — es wird nicht aufkommrn und nicht sein. Die d«tte (Haffe schildert un« ein noch filteren Prophet, Moses selbst, in ihrer Gesinnung; ihr Spruch laut«: ,,e« wird mir wohl«gehen, wenn ich in der Willkühr meines Herzens wandle" — und d« vierten Elaste hat Elia« am B«ge Karmel zug«ufen: „wie lange wollt ihr auf den zwei Zweigen hüpfen?" So haben diese Ansichten bestanden, haben «nander be kämpft, haben lm Grunde alle an dem Bestände de« IudenthumS g«üttelt, ab« es nicht «schütte«, es steht auf festem Felsengrund, nicht sein« eigenen Bekenn« Thorheit, nicht Fremder Feindseligkeit bringt es zum Wanken.