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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 8. (1903) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 8. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 ״Ein Teil der Wahrheit ist überall, die ganze Wahrheit nirgend, als in ihm, in welchem alles gewesen, alles gewesen, alles ist, und seyn wird.“ Vom bekannten Dichter Ramler, der zur Zeit, als Hochheimer seine Bekanntschaft machte, Professor für Logik und schöne Wissenschaften in Berlin ge - wesen, finden wir das folgende Blatt: ״Wernikens Uebersohriften, I. 38. Wie selten lindet man, dass Glück und Reichtum grünet, Wo Ehr’ und Tugend wohnt. Es ist an Wunders Statt, Wenn Einer das erlangt, was er mit Recht verdienet, Und einer das verdient, was er erlanget hat. Berlin, 14. August 1785. — Karl Wilhelm Ramler.“ Ebenso bescheiden bedient sich des Geistes Anderer, der berühmte, wegen seiner Offenheit später verfolgte Theologe, Ober-Konsistorialrat Johann Joachim Spalding. Am 13. August desselben Jahres schrieb er in Hochheimers Stammbuch nach Haller den Satz nieder: ״Der Staaten schlechtester wär der von lauter Weisen.“ Basedow, der Reformator des deutschen Unterrichts- und Erziehungswesens, auf den als ״vordammungswürdigen Ketzer“ die ganze unduldsame Meute gehetzt wurde, lernte Hochheimer in Dessau kennen, wohin Fürst Franz Leopold Friedrich den so grausam verfolgten Verfasser der ״Praktischen Philosophie für alle Stände“ berufen hatte. Basedow wurde selbstverständlich von Hochheimer um eine ״Erinnerung“ angegangen und der damals 62 Jahre alte Gelehrte, dem das freie Wort verleidet worden war, schmückte dasStammbuch mit folgenden Worten: ״Haller. Wer frey darf denken, der denkt gut. Ein Anderer. Wer laut darf denken, der denkt frey. Dessau, am 27. August 1785. — Johann Bernhard Basedow.“ Wer dieser Andere war, ist nicht schwer zu ergründen, wenn man weiss, was Basedow von den Muckern gelitten, eben weil er sich unterfangen, laut zu denken. In althebräischen Schriftzeichen trägt eines der Stammbuchzeichen folgende Gedenkworte: ״Haemeth wehasc.halomehowu.‘)—Koszawti lichewod baal haszefer. Mosche ben rabbi Menachem sichronoh liwrochoh, Rosch Ohodesch Elul, h. t. k. in. h.“ Zu deutsch: ״Riebet die Wahrheit und den Frieden. Das schrieb ich zu Ehren des Eigenthümers dieses Buches. Mosche, Sohn des Rabbi Menachem, gesegneten Andenkens. Am 1. des Monats Elul 5546.“ Schreiber dieser Zeilen war niemand Anderer als der berühmte Berliner Philosoph Moses Mendelssohn. Mendelssohn, der bei seinem Volke die Pflege der hochdeutschen Sprache anregte, bediente sich gern des Hebräischen, das er, wie wenige Gelehrte seiner Zeit, in Schrift und Wort inne hatte. Sich ״Moses, Sohn des Rabbi Menachem“ zu unterfertigen, war ihm, wenn er hebräisch schrieb, gebräuchlich. Die jüdische Jahreszahl 5545 (seit Erschaffung der Welt) entspricht der Jahreszahl 1784 seit Christi Geburt. Gestorben ist Moses Mendelssohn im Jahre 1786, mithin erst 2 Jahre später. Der weitere Umstand, dass das Stammbuch auch Inschriften ent- ') Der Satz האמת והשלוב אהבו ist bekanntlich dem Pro• pheten Sacharja c. 8, 11) entnommen. R. hältvonBerenice V eit, der Lieblingstochter Mendelssohn’s, und von Josef Veit, seinem Schwiegersöhne, der mit Hochheimer innig befreundet gewesen sein musste — denn er duzte ihn — bestätigt die Annahme, hier die Handschrift des berühmten Weisen vor mir zu haben. Das Buch enthält ferner noch Worte der Erinnerung vonDr.Bloch, demberühmtenlchthyologen, der als praktischer Arzt in Berlin lebte, und wertvolle Bücher über die Naturgeschichte der Fische und der Eingeweidewürmer geschrieben; von Friedrich Gedike, einem hervorragenden Pädagogen, der eine grosse Anzahl trefflicher Lehrbücher und Chrestomathien herausgegeben, die Sophokles erklärt und Plato übersetzt hat; weiter von David Friedländer, einem jüdischen Gelehrten, der mit Lessing, Mendelssohn, Jerusalem, Nikolai, Herder, Spalding befreundet war, mit denselben Briefe wechselte und diese Briefe dann sowie ein Buch, geheissen: ״Moses Mendelssohn, von ihm und über ihn“, veröffentlicht hat; ferner von Ernst Ferdinand Klein, einem Mitgliede des geheimen Obertribunals von Berlin, der sich als juristischer Schriftsteller einen Namen gemacht und an der neuen Gesetzgebung Preussens mitgearbeitet; sodann von Christoph Ludwig Hofmann, einem ausgezeichneten, medizinischen Schriftsteller, von Professor Plenk, Professor an der Wiener Universität, der ebenfalls Verfasser bedeutender medizinischer Werke gewesen, und schliesslich von einer grossen Anzahl Professoren, hervorragender Militärs, Beamten, katholischer und protestantischer Priester, Damen aus den oberen Gesellschaftsschichten — so z. B. von einer Herzogin Juliana von Gioroli Giovene, geborene Baronin v. Mindersbach. (Würzbürg.) Unter den Städten sind zumeist vertreten Wien, Berlin, Frankfurt, Mainz, Strassburg, Freiburg. Sogar Hernals kommt im Stammbuche vor. Ein Herr Ernst F. v. Honigs Hostein (die Unterschrift ist durch den verschnörkelten Namenszug einigermassen unleserlich geworden) schreibt nämlich aus Hernals, dem bekannten Wiener Vororte, unter dem 23. Juni 1793: ״Fern vom tobenden Geräusche der Welt, im Dunklen Glückseligkeit zu verbreiten, ist nun Dein Zweck, o Freund! bleibe diesem getreu und nie wirst I)u aufhören Freunde zu haben, wie ist dein“ etc. etc. Wohin und zu welchem Zwecke Herr S. Hochheimer sich ins ״Dunkle“ zurückgezogen hat, darüber klärt uns das Buch nicht auf. Vielleicht hat er das tobende Geräusch der Welt satt bekommen und ist von seinen Reisen im Auslande nach Wien zurückgekehrt, um — wie ihn der Bankier Arnstein ermahnte — nicht nur der Hand, sondern auch der Seele den Puls zu fühlen .... Er mag es wohl verdient haben, dass ihm fast ein Jahrhundert später eine• vielgelesene Zeitung etliche Worte der Erinnerung widme und in einem Stammbuchblatte sein gedenke. (Die ״vielgelesene Zeitung“ war, wie wir nachträglich erfahren, der ״Pester Lloyd.“ — Red.)

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