Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 8. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 8.—1903. Jüdisches Jahrg. XXVII. LiUeratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judentum und Jud^n betreffenden literarischen Er• acheinungen auf dem Gebiete der Philo• sophie, Geschichte. Ethnographie, Theo• logie, Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Verlag und Expedition: Arthur Kcholem, Berlin C., Rossstr. 3. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die Redaktion, Inserate u. Beilagen an die Expe• dition franco einzusenden. Raliasr’s ״Jüdische« Litteratur Blatt“ erscheint MOaatlleh zwei Mal und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Arthur Scholem. Berlin, Rossstr. 3) vierteljährlich ela• Mark. — Die Abonnenten der in domseiben Verlage erscheinenden ״Israelitlsohea Wooheasokrlft4*. welche bei allen Postanstalten und Buchhaifdlungen vierteljährlich 3.— M. kostet, erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ als Brätle- Beilage. — lasartt• werden mit 20 Plidie viergeapaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Abdruck einzelner Artikel nur mit der Angabe! ״Aue Rahmer's JUd. Litteratur-Blatt“ gestattet. Das Stammbuch Simon Hochheimers. (Schluss.) Nicht immer ist das Leben ernst und die Kunst beiter,denn Johann Jakob Engel (geh. 1741,+1802), der einstige Erzieher Friedrich Wilhelms III. und nachmalige Oberdirektor des Berliner National- Theaters, schreibt nämlich in seinem bekanntermassen trefflichen Deutsch: ״Gefesselt führt der Schmerz uns alle durch das Laben; Sanft, wenn wir willig gehn; rauh, wenn wir widerstreben.“ Berlin, den 21. August 1785. — Zur Empfehlung seines Andenkens J. J. Engel.“ Josef Utzschneider, ״Pfalzbajerlicher Hofkammerrat“, der das zu europäischer Berühmtheit gelangte optische Institut errichtet hatte, schrieb am 1. April 1786 dem Sammler die untenstehende Bemerkung ins Buch: ״Die Wahrheit ist die Gottheit edler Seelen, ihr hat der Tugendhafte nie die Revolutionen der Kirche und die Unglücksfälle der Menschen beygemessen. Laster sind keineswogs die bittern Früchte, die man von ihrem Stamme bricht. Der Mann, der ihr Anhänger ist, hat meistens Gegner, was thut er? — er widersteht ihnen ohne Hass. München, den 1. April 1786. — Josef Utzschneider, Pfalzbajerlischer Hofkammerrath.“ Seine Gattin, die eine unerklärliche Abneigung gegen die grossen Anfangsbuchstaben zu haben schien, widmete Herrn Hochheimer das folgende, viel einfachere Sprüchlein: ״die männer sollen, jung und alt, gut vaterländisch und tüchtig und bieder sevu und kühn und kalt, die weibor keusch und züchtig. ' münchen, den 1. april 1788. — zum andenken von amalie utzschneider.“ Markus Herz, Gälte der berühmten Henriette Herz, bereichert die Fülle der im Stammbuch enthaltenen Gedanken mit dem Grundsätze: ״Suchst du die Ehre, so fliehet sie dich: fliehe sie, so sucht sie dich.1) — Berlin, den 8. August 1785.“ Henriette Herz, seine Gattin, war, wie bekannt, die Tochter des in Berlin sesshaft gewesenen portu¬ 1I Der Spruch ist dom Talmud entnommen. (R.1 giesischen Arztes Benjamin des Zemos, von dem sich ebenfalls ein leider unleserliches Gedenkwort im Stammbuche befindet. Henriette war eine geradezu blendende Schönheit, verbunden mit echter Geistes- und Herzensbildung. Ihre Salons sind viele Jahre hindurch ein Mittelpunkt der vornehmen Gesellschaft Berlins gewesen, und was die Hauptstadt Preussens damals an Grössen besass, beide Humboldt, Fr. Schlegel, Spalding, Schadow, Gentz, Varnhagen van Ense, Schleiermacher, Ramler u. s. w., scharte sich um die treffliche Frau, die sich die Achtung der Welt bis zum Tode zu erhalten wusste. Folgende ihrer Worte, in klarer, fester Handschrift, zieren das Buch: ״Un9ern wahren Wert, den nur der Wei9e schätzt, macht unser Herz, nicht unger Stand. — Berlin, den 17. Augu9t 1786. — Zum Andenken von Ihrer Freundin Henriette Herz.“ Einige fürstlich Wallerstein’sche Hofbeamten gestatten sich, in diesem Büchlein sehr freisinnige Anschauungen zu bekunden. So schreibt der eine nach Haller: ״Wer frev darf denken, denket wohl! — Zum Angedenken von Johann Christian Preu, fürstlich Oetting- Wall erst. Hof- und Regierungsrath. Wallerstein, am 8. April 1786.“ Ein Anderer, der ״fürstlich Oetting-Wallerst. Advocat, F. Fugge“, ist gar so kühn zu behaupten: ״Wo ein Esel am Steuerruder sitzt, werden die Gescheuten über Bord geworfen, damit Niemand verrate, wie das Schiff auf die Sandbank getrieben worden.“ Wer würde glauben, dass ein klein staatlicher deutscher Beamter des vorigen Jahrhunderts den alten, auch noch heute geltenden Grundsatz: ״Wem Gott ein Amt gegeben, dem gibt er auch den Verstand dazu“ so rücksichtslos über den Haufen werfen konnte? Und doch trägt das betreffende Stammbuchblatt die Jahreszahl 1786! In Freiburg im Breisgrau, wohin sich Hochheiiner begeben, schreibt ihm unterm 27. Feber 1791 der Dichter Johann Georg Jacobi, der, ob seines Freisinns in Preussen verpönt, von .Josef II. nach Freiburg als Professor der schönen Wissenschaften berufen worden war: