Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 11. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 11. -1901. Jüdisches1 Jahrg. XXV. Litteratnr-Blätt. Zur UcUMtchtunK nller Juüenthiini mul JimVii lM*tr(“l)»*1Kl011 HtterArisohen Kr• 8rhe1m1nK«11 imf dein Gohieta der Philo* S0|>hi<v Geschichte, KthnoKraphie, Theo* logle, Orientalin, Kxegese, Homiletik, Liturgik und PHilagogik. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner I)r. M. Rahmer in Magdeburg. Verlag und Expedition: Siegfried Cronbaeh in Berlin W. 07. Bücher der einschlftgigeti Litter&tur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird,- sowie Briefe und )iHuu.skiiptesind aii die Redaction, Inserate u. Beilagen an die Expe* d i 11 o n franco eitmisender. Rahmer't ,jüdisches Litteratur-Blatt“ erscheint monatlich im l'infange eines ganzen Bogens u. kostet tn3i allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Siegfried ('ronhach hi Berlin W. 57) vlerteljUhrlich ein• Mark. — I>io Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ״laraelltleohen WoehonaokrlfP4 (Rodnctcur M. A. Klausner), welche hei allen PostanstaHcn und Buchhandlungen vierteljährlich 3.— kostet, erhalten das ,,Jüdische Litteratur-Blatt0 als Qratls-KeÜHge — Inserate werden mit 30 die viergespaltene Zeile t>erechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Abdruck einzelner Artikel nur mit der Angabe! ״Aue Rahmtr’1 JOd. Litteratur-Blatt'1 gestattet. Poesie und Religion. Wenn man den Dichter das Herz der Welt nennt, so hat man ihm eine Stelle in der Welt angewiesen, durch die er von allen übrigen Menschen unterschieden und ausgezeichnet ist. Die Produkte der Dichtkunst bezeichnen stets die Höhe der Bildungsstufe der Völker und Menschheit. Zwar hatte sich auch ein Einwand dagegen geltend gemacht: dass nämlich die dichtende Kunst mehr ein Leben des Scheins, als Ernst und Wahrheit sei. Diese Ansicht ist jedoch so falsch, dass sie unter Gebildeten gar nicht mehr vorausgesetzt werden darf. Die wahre Poesie erfasst gerade das bleibend Wirkliche. Das Leben der Natur ist ein poetisches, insofern die Natur immer Neues hervorbringt. Die Natur aber bringt ihre Produkte nicht mit Freiheit hervor, ihr fehlt der Ansdruck des geistigen Bewusstseins. Die Macht des Wortes ist. nur dein Menschen gegeben, der es denkend und dichtend ausspricht, weil er frei ist. Nicht jedem Menschen ist es aber in gleicher Weise verliehen. WTenn wir nun aber fragen, warum der Dichter allein diese Macht hat, so scheint die Antwort leicht, denn Jedermann giebt den Bescheid: weil der Dichter gottbegeistert ist. I Und so hat sich von jeher das Gefühl der Menschheit darin kundgegeben, dass die Dichter stets mit den Propheten zusammen gestellt und selbst für eine Art Seher oder Propheten erklärt wurden. Auch ist in der That zwischen beiden eine enge Verwandtschaft. Wenn der Prophet in jenen Gesichten, in denen Gott ihn die Zukunft erkennen lässt, den Menschen zuvor Unbekanntes und Neues erschaut, 80 muss er dieses Neue nothwendig auch in entsprechenden neuen Bildern und Worten ausdrücken, muss also dichtend für seine Vision erst den entsprechenden neuen Ausdruck finden. Der Prophet muss noth wendig Dichter sein, weil erNeues auf neue Weise auszudrücken hat. Aber auch der Dichter muss einen neuen, den Menschen zuvor unbekannten Gedankeninhalt aussprecheu. Was schon zuvor allen bekannt und in Worten ausgesprochen war, eignet sich nicht mehr zum Gegenstand der Poesie. Der Dichter 8011 nicht Altes wiederholen, er muss Neues offenbaren, den Menschen den Einblick in zuvor noch unbekannte Tiefen des Geistes eröffnen.*) Sein Wort muss von solcher Tiefe sein, dass erst die Zukunft seinen Inhalt vollkommen erfüllen kann. Nur ist das, was der Dichter ansspricht, eine in dein geschichtlichem Organisnms des Lebens schon vorbereitete und keineswegs eine durch eine freie übernatürliche Offenbarungsthat bedingte Zukunft, wie die Propheten sie verkündeten. Das Verhältnis der Dichter zu den Propheten ist ähnlich dem Verhältnis der Naturreligion zur geoffenbarten. Zwar ist jede Religion in einem gewissen Sinn Naturreligion, da auch die geoffenbarte sich an die Natur des Menschen halten nnd den Anforderungen der menschlichen Natur an die Religion überhaupt entsprechen muss, und ebenso ist auch jede Religion wieder genöthigt, wenn sie nicht den religiösen Charakter aufgeben will, sich für eine geoffenbarte zu erklären. Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen geoffenbarter und Naturreligion, und wenn die neuere Philosophie sich berechtigt glaubte, diesen Unterschied gänzlich aufzuheben und jede Religion für eine Entfaltung und Offenbarung des göttlichen Lebens in der Natur zu erklären, so beruht diese Erklärung lediglich auf einem Missverstehen des Begriffs der Religion. Wo bloss das Gesetz der Natur herrscht, da ist kein Unterschied zwischen Gott und Natur; wo aber kein wesentlicher, von der Natur verschiedener Gott ist, da ist auch keine Religion. Nur wer Gott und Natur für dasselbe hält, kann auch die Religion für eine Entfaltung des natürlichen Lebens halten, muss aber damit die Freiheit und mit der Freiheit auch das Wesen der Religion auf geben. Die Frage, in welchem Verhältniss die Poesie zur Religion stehe, muss demnach in verschiedener Weise beantwortet werden, je nachdem von einer blossen Naturreligion oder von der geoffenbarten die Rede ist. Der Naturreligion gegenüber ist die Poesie die Mutter der Religion; der geoffenbarten gegenüber ist sie höchstens die Tochter. Anders gestaltet sich die Poesie unter dem Einfluss einer geoffenbarten positiven Religion, und anders, wenn sie vom alten, positiven Glauben verlassen, sich selbst überlassen unter dem *) Das bezeichnet uueh das Wort ״Poet“ vom griechischen 7t01elvmachen, schaffen.