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Das jüdische Literaturblatt · 1894-02-09 · N° 6. (9.2.1894) · p. Seite 23

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 6. (9.2.1894)
Date
1894-02-09
Page
Seite 23 (sequence 4)
Language
German
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— 23 herrliche Buch nach Form und Inhalt würdigte, drängte auf die Veröffentlichung des Werkes und ermöglichte die Herausgabe durch einenahmhafte pecuniäre Unterstützung. Dass wir es hier nicht mit einer literarischen Erscheinung vom Werthe und der Dauer der Eintagsfliegen zu thun haben, beweist der Umstand, dass das Buch zum dritten Male in demselben Gewände, in gänzlich unveränderter Gestalt vor uns erscheint. Wir haben hier ein Buch, welches sich eben so wenig zu häuten braucht, w^e das Judentum, wie das positive, historisch traditionelle Juden• tum, welches es im Lichte der modernen nnd modernsten Anschauungen mit günstigsten Erfolge auf den Schild zu erheben weiss. Das Problem, welches der Verfasser zu lösen sich erfolgreich bemüht, dreht sich um die bedeutsame Frage: Kann man ein Bekenner des Judentums, des positiven, historisch traditionellen Judentums sein, ohne auch nur ein Jota von seinen religiösen Satzungen, Sitten und Gepflogenheiten preiszugeben, und zugleich im besten Sinne des Wortes ein Sohn des 19. Jahrhunderts, ein Mensch der sich die hochbedeutsamen geistigen und sittlichen Errungenschaften der antiken und modernen Civilisation und Cultur, der gelehrten Bildung und streng modernen Anschauung voll und ganz zu eigen gemacht V Gewiss man kann es sein. Der alte Mischna- ,ehrer stellt ja bereits den unanfechtbaren Kanon auf: יפה תלמוד תורה עם דרך ארץ. Wie man aber sein kann, was man sein soll, das tief begründet und in einleuchtender Weise dar gestellt zu haben, ist das grosse Verdienst des Verfassers. Dafür haben wir ihm unsere volle Anerkennung zu zollen. Die bedeutsamen Gedankenreihen, welche in den ״Jttd. Familienpapieren“ zur Erörterung bisweilen sogar zum völlig befriedigenden Abschlüsse gebracht werden, sind nicht neu, beschäftigen mehr oder minder lebhaft jeden ernst denkenden, sittlich gereiften Israeliten, dem es Bedürfniss ist, mit der modernen Wissenschaft, Bildung und Weltanschauung sich ebenso gewissenhaft auseinanderzusetzeu, wie mit seinem Judentume, dem positiven historisch-traditionellen, ächten und unverfälchten Judentume, welchem er nach Geburt und Abstammung, Gesinnung und Ueberzeugung angehört. Ein gewaltiger Bahnbrecher auf diesem Gebiete ward uns der erste moderne deutsche Jude, der grosse Moses Mendelssohn in seinem unsterblichen Werke ״Jerusalem“ Unleugbar fiudeu sich im Inhalte manche wesentliche Berührungspunkte zwischen Mendelssohn’s ״Jerusalem.“ uud Herzberg’s ״Jüdischen Familienpapieren.“ Herzberg hat seine Aufgabe viel weiter gefasst und nicht auf das Judentum, wie es im sogenannten Ceremonialgesetze sich äussert, beschränkt im Gegensatze zur modernen Weltanschauung. Tendenz und Grundgedanken sind da wie dort dieselben. Die Form der Darstellung hat uns mehrfach an die sehr beachtenswerte Leistung von M. H e s s in seiner fesselnden Schrift : ״Rom und Jerusalem — die letzte Nationalitätsfrage“ erinnert. Beide Autoren kleiden ihre Gedanken in die Briefform. Auch ihrem inneren Gedankengehalte nach haben beide Schuften viele intime Anknüpfungspunkte aufzuweisen. Diesen Vergleich weitei auszuspinnen, müssen wir uns — so lohnend die Arbeit auch sein dürfte -- versagen, um von unserer Aufgäbe nicht abzuschweifen. In 29 Briefen und in einem Anhänge ״die Familienpapiere“ spricht der Verf. sich warm und schüttet sein Herz aus über alle Fragen von theoretischer Wichtigkeit und praktischer Tragweite, welche das Judentum der Vorzeit, das Judentum des Mittelalters und das Judentum der Gegenwart berühren. Judentum, Hellenismus, Christentum, Buddhismus, Islam, die jüdische Familie in ihrer ganzen Gemütstiefe und sittlich makellosen Eigenart, christlich-germanischen Temperament und jüdisch-humane Weltanschauung, die- Schriftbeweise des neuen Testamentes, der christliche Messiasglaube, die Wunder des Stifters der christlichen Kirche, die Bergpredigt, christliche und jüdische Ethik, Wert des Christentums und seine Abhängigkeit vom Judentume, das Judentum im Vergleiche und Gegensatze zu den Theorien der alten und neuen Philosophie, die kulturhistorische Mission der Juden, und der europäischen Kulturuölker, der Griechen und Römer, der Romanen und Germanen, alle diese Fragen werden mit liebevoller Hingebung, mit grosser Belesenheit, mit philosophischer Gründlichkeit, mit vollständiger Durchdringung und selbstständiger Beherrschung des oft ebenso spröden wie subtilen, ebenso schwierigen wie abstrakten Stoffes erörtert Glücklich ist der Verf. in der Form der Darstellung. Die Briefe muthen uns, wie traute Freunde, wie liebe Bekannte an. Es gelingt oft dem Verf., wenn auch nicht immer, den gebildeten Laien unter seinen Lesern über die bedenklichsten Schwierigkeiten spielend hinwegzuhelfen. Die Form des Dialoges, welche die Briefe getreulich festhalten, verleiheu der Darstellung plastische Anschaulichkeit, bewegliche Lebhaftigkeit, zündendes Feuer, fesselnden Reiz. Wir haben hier eine Tendenzschrift vor uns. Form, Einkleidung und Darstellung sind nur Mittel zum Zwecke. In dem Rahmen einer jüdischen Familie, im Hause des Rabbiners einer Provinzstadt heben sich die Personen handelnd ab, die eigentlich berufen sind, leidend und lehrend sich zu verhalten, Wir dürfen daher an die Personen der Fabel, den Renegaten Samuel, den Missionar, der im Dienste seines Berufes nichts Geringeres vorhat, als seinen alten Oheim,dengelehrten,insichgefeste ten in seinem Wissen gereiften, in seinem Denken abgeklärten, in seiner Gesinnung mild gegen Andere streng gegen sich, zu bekehren, an die zartsinnige, einfach־ edle, liebevoll fromme, gefühlskeusche Rachel, die Tochter des Rabbi, an seinen jüngeren, temperamentvollen, lieberfüllten, lebenslustigen Sohn Benjamin, welcher im Netze einer gefeierten Schauspielerin gefangen ist, nicht einen streng kritischen, ästhetisch künstlerischen Massstab anlegen. Und doch führt uns der Verf., der Dichter, Menschen von Fleisch und Blut, sicht Schemen und Schablonen vor. Glaubten wir doch selbst lange Zeit, der berühmte, gelehrte, geistvolle Hamburger Chacham Bernays s. A. habe dem Helden des Buches, der herzerquickenden Prachtgestalt des weisen Rabbi, zur Folie gedient. Die Personen des Stückes haben jedoch keine historische Realität, sie sind schöpferische Gebilde der freien Phantasie des Autors. Von der Gestaltungskraft, von der lebhaft und doch discret beherrschten dichterischen Fähigkeit unseres Verf.’s, legt die Episode auf S. 140—172 seines Buches, die herrlich schöne, ergreifend und packend geschriebene Novelle von der tragischen Heldin Esther, Tochter des Hajim Haclmel und seiner Frau Simcha zu Tange r, glänzendes Zeugeis ab. Diese Erzählung von erschütterder Tragik darf man mit Fug und Recht eine Perle in unserer Novellenliteratur nenneu. — Dieses Buch, eine glückliche und glänzende Apologie des Judentums, sollte eine Hauspostille, ein Bücherschmuck in der Bibliothek jedes gebildeten Juden sein. Es sollte in keidem wahrhaft jüdischen Hause fehlen. Es sollte häufig gekauft und noch häufiger und eifriger mit stetig sich steigender Vertiefung von gebildeten, ernst denkenden Juden gelesen werden. Gebildete und ernst denkende Leser und Leserinnen werden uns gewiss für unsere Anregung dankbar sein und mit uns geistig erfrischt und seelisch erquickt rufen: Sta miles! Hic optime manebimus. Verautwortl. Redacteur: Dr. Rah me r, Magdeburg, Druck Friedrich Rasche & Co .,Magdeburg. Verlag Rob. Friese, Leipzig.

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