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Das jüdische Literaturblatt · 1881-07-20 · No. 29. (20.7.1881) · p. Seite 114

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 29. (20.7.1881)
Date
1881-07-20
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 — dem guten Rock, den er trug, schlug allem Anschein nach ein gesundes, biederes Herz. Die fluche, welche aus seinem Munde kamen, waren offenbar der Ausdruck einer Ueberzeugung gewesen, seine Zornaufwallungen hatten den Stempel der Wahrheit getragen- Und solche Beschuldigungen waren gegen ihn erhoben worden, den Lehrer der Jugend! Diese Betrachtungen mussten geeignet sein, in dem Angegriffenen die bittersten Empfindungen wach zu rufen und ihn, handelte es sich hier auch nur um den Ausbruch einer blinden Leidenschaft, mit Reuegefühlen zu foltern. Mit dem Vorwurf der antichristlichen Gesinnung aber hatte es folgende Bcwandtniss. Damm hatte in den Jahren 1764 und 65 eine Uebersetzung des Neuen Testaments erscheinen lassen, welche durch die ihr beigegebenen rationalisircnden Erklärungen eia ungeheures Aufsehen in Deutschland erregte. Der freie Gebrauch, welchen der Herausgeber der Person Christi gegenüber von den Waffen seiner Vernunft gemacht hatte, erschien den Meisten geradezn .wie ein Gottesfrevel und in dem Lager der Gläubigen nannte man seinen Namen nur als den eines Ketzers. Auch in Berlin hatte ihm seine That viele Feinde erworben und es fehlte nicht an Solchen, welche es als etwas Unerhörtes bezeichneten, dass ein solcher Mann im Amte bleibe. Dass sich dieser Groll, keineswegs auf die höheren Gesellschaftskreise beschränkte, dafür war der Beweis geliefert Dies Alles hatte sich ja voraussehen lassen. War es doch noch in guter Erinnerung, welchen Staub einige zwanzig Jahre früher das Wertheimer Bibelwerk aufgewirbelt hatte! Alles war dem guten Rector vorgestellt worden, aber er hatte es so gewollt und er erntete nun, was er gesäet. Mit dem Plane zu seinem Unternehmen scheint er sich sehr lange getragen zu haben. Schon im Jahre 1758 hatte er seinen Freunden, Moses Mendelssohn und Nicolai im Vertrauen davon Mittheilung gemacht, und aus seinen Aeusserungen ging hervor, dass die baldige Veröffentlichung des Werkes bevorstehe Aber was hierbei über den Geist verlautete, in welchem seine Erklärungen gehalten waren, war nur geeignet, die schwersten Bedenken hervorzurufen. Mendelssohn rieth daher entschieden ab. Bei der damaligen Stimmung der wortführenden Theologen Hess sich mit Sicherheit annehmen, dass die Wirkung für den Verfasser keine angenehme sein würde. Damm entschloss eich in Folge dessen auch, die Herausgabe zu verschieben. Er wollte nur das Evangelium Johannis in fünfzig Exemplaren für eben 80 viele Subseribenten abdrucken lassen, die in dem Kreise seiner Bekannten zu suchen wären und die Sache noch als ein Geheimniss betrachten. Diese sollten Richter sein. Erst dann, wenn ihr Urtheil zuslimmeud ausfiel, wollte er zur Herausgabe der ganzen Uebersetzung schreiten. So hatte es ihm der Oherconsistorialrath Baumgavten gerathen, und dieser Weg erschien ihm als derjenige, auf welchem er keine Gefahren begegnete. (Fortsetzung folgt.) Ara-haarez. Ein erklärender Versuch von Dr. J. Caro. Es giebt in der snblunarischen Welt so ziemlich kein Uebel. an welchem nach der Lehre der Antisemiten die Juden nicht Schuld wären: Freihandel und Kartoffelkrankheit, Steuerdruck und Ueberschwemmungen, uberhandnehmende Trunksucht und verunglückte Wahlcandidaturen, Alles, Alles belastet das Conto des armen Semiten und berechtigt den unitarischen Geschichtsprofessor zu seinem bekannten Unkenrufe: Die Juden sind unser Unglück! Wunderbar aber ist es, dass den Bekenne™ der jüdischen Religion die wesent* lictiste und gelährlichste Krankheit unserer Zeit, die Socialdemokratie, verhältnissmässig am wenigsten auf das Kerbholz geschrieben wird, trotzdem, dass mit dieser Bewegung der Geister jüdische Namen in hervorragendster Weis« verknüpft sind. Hätten wir nicht den traurigen Beweis in Händen, dass unsere Feinde auch das hellste Licht durch finstere Verläumdung zu trüben keinen Anstand nehmen, man hätte sagen könn!n: so durften sie der Geschichte und der Erfahrung nicht in das Gesicht schlagen, die Juden einer Riehtung anzuklagen, welche sie zu jeder Zeit verabscheueteil und gegen welche sie mit allen Mitteln ankämpflen. Der essäische Cotnmunisrnus war ein fremder Blutsiropfen im Körper des Judenthums, er wurde ausgeschieden, wenn auch ein Glied des ■tanzen darüber verloren ging. Die Essäer bildeten den Grundstock des jungen Christenthums. Nichts auch ist natürlicher, als dass die Juden jede an Communismus streifende Idee scheuen wie Gebrannte das Feuer, denn wo und wann auch immer in der Geschichte die socialdemokratische Idee in die That übersetzt werde, da war es das Vermögen der Juden, welches zum ersten Thcilungsohjekte ausersehen, da war es jüdisches Blut, in / welches zuerst die Fahne der Volksbeglücker getaucht wurde. Schon lange nachdem jede Spur nationaler Selbstständigkeit erlo-chen war, schon lange nachdem sie gewohnt waren, jedes Leid und jede Schmach geduldig über sich ergehen zu lassen, griffen Juden in wilder Verzweiflung zu den Waffen, als die Commu•• nisten im Perserreich unter ihrem Propheten Mazdak und unter dem zum Communismus bekehrten König Kobad 501 n. Chr. es versuchten, auch ihnen das Gitt jener Lehren aufzudrängen und mundgerecht zu inachen. (Graetz V. C 1.) Auf geistigem Gebiete aber scheint ein solcher Kampf schon viel früher und vielleicht grade gegen die obengenannten commiinistischen Essäer mit ailer Energie und Erbitterung geführt worden zu sein. Wir wollen nämlich behaupten und un- 8ere Behauptung zu beweisen versuchen, dass die im Talmud bis zur Grausamkeit sich steigernde feindliche Gesinnung gegen den Aui-haarez zum grössten Theil gegen Commu nisten und Socialdemokraten jener Zeit gerichtet gewesen sei. In gewohnter Meisterschaft hat Graetz (!V. S. 85) Jeu Oiueu der Chaberim Gegensatz stehend zu dem Am־hnarez, dem Landvolke, geschildert, doch unmöglich konnte unter letzterem eine so gewaltige moralische und sittliche Verkommenheit Platz gegriffen haben, dass man hieraus die Erbitterung der Talmudiehrer hätte erklären können. Wie der Chaberim-Orden, so auch hatte das Am-haarezthutn einen social-politischen Hintergrund. Die Chaberim waren die Doktrinäre des Eigen thumrechtes, der Atn haarez war Anhänger essäisch - communisti&eher Lehren So heisst es in Pirke Abot 5,13. Vier Denkungsarten giebt es unter den Menschen: 1) Wer da sagt, was mein ist mein, was dein ist dein, der gehört zum Miitelscnlage der Menschen, manche sagen, der gehört zu der sodomitischen, selbstsüchtigen Art. 2)

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