Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 6/8 (Oktober/Dezember 1919)
- Date
- 1919-10-01
- Page
- Seite 180 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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180 dischen Jugend für ungeeignet, da der Jugend nur völlig einwandfreie Vorbilder voranleuchten sollen. In solcher Haltung erscheint mir weitgehende Toleranz mit jüdischer Selbstwehr und Selbstachtung geeint, und ihr entspricht auch der Wortlaut unseres Leitsatzes. Er zeigt die mildeste Fassung, die möglich ist, wenn anders unser Befassen mit diesem Problem nicht wie eitle Schaumschlägerei anmuten soll. Meine Damen und Herren I Klang schon aus dem Problem der Mischehe der schicksalsschwere Rus „Sein oder Nichtsein!", so dringt er noch wit lauter und düsterer aus den Fragen der S e x u a l e t h i k an unser Ohr. Hängt doch von der Haltung unserer Gesellschaft auf dem Gebiete der Geschlcchtssitten, von ihrer Bereitschaft zur Reform dieser Sitten nach der Einsicht immer weiterer Kreise der Fortbestand der ganzen Kulturmenschheit ab. Man mag daran zweifeln, ob sittliche Verwilderung Ursache oder Folge des Niederganges der gewaltigen Kulturvölker früherer Zeiten und des einstigen jüdischen Staates war; aber sicher ist. daß die Verrohung der Geschlechtssitten stets das bezeichnendste Merkmal und immer die trübe Begleiterscheinung des staatlich-völkischen Verfalls war. Und ging etwa diesem furchtbarsten aller Kriege, dem Sturze des mächtigen Deutschland von stolzer Höhe nicht sittliches Siechtum voraus, erlebten wir nicht in wenigen Jahrzehnten eine ungeahnt schnelle Ausbreitung des Zwcikindersystems. der planvollen Geburtenbeschränkung, erlebten wir nicht eine furchtbare Zunahme der geheimen Prostitution, der Geschlechts-Krankheiten, der unehelichen Kinder? Hatten wir Juden nicht in unseren eigenen Reihen eine höchst bedenkliche Häufung der Hirnerweichung, jener traurigsten Folge geschlechtlicher Verirrung zu verzeichnen? Da kam der schreckliche Aderlaß der Menschheit, kam-als ein weithin flammendes „Mene Tekel" des warnenden Schicksals am düsteren Horizonte. Und wie reagierten die Menschen in den am schwersten heinigesuchten Ländern auf diese Warnung? Sie führten die „soziale" Revolution herbei und werden ihr zweifelsohne eines Tages zum Siege über die Welt verhelfen. Und sie gaben dadurch zu erkennen, daß sie als wesentlichste Ursache am Niederbruch die Häufung von Unrecht und Schuld ansehen, die aus der maßlosen Entfaltung des einen weltgestattenden Triebes erwachsen war, des Selbsterhaltungs-Triebcs. Aber sah man nicht ein, daß das Leid, die Schmach, das Elend, die auf der Bahn der andern Grundkraft, des Fortpflanzungstriebs zu Häuf liegen, in Jahrhunderten ein noch weit höheres Maß von Schuld auftürmten? Sah man's nicht, wollte man's nicht sehen, oder sind der schuldlosen Männer und Frauen, die Führer zu dieser Serual-Reform oder -Revolution sein dürften, noch weniger, so daß man trotz der Einsicht den Umsturz nicht wagt? Kommen wird der gewaltsame Umschwung! Denn jedes Unrecht schreit nach Sühne und findet sie durch die ewige Gerechtigkeit; und keine Unbill widerfuhr häufiger als der Raub der Menschenwürde durch Abartung des als Fortpflanzungstrieb natürlicheb unh deiligen Geschlcchtstriebs. Aber wenn eines Tages.die auf sittlichem Gebiete Entrechteten zur Revolution schreiten, schreiten müssen, — dann werden die Geschehnisse inr