Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 3/5 (Juli/September 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 139 (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4926451-6352298-6352429--1886-4927974- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 13S vergessen, wer inrner bisher das Wort „Vaterland" im Munde ge- ' fyabt tyiti Und wie haben sich die Leute gestellt? Wer ist es denn jetzt, der in der Pfalz die großen Komplotte anzettelt, um zu Frank, reich herüberzukommen? Gerade di« Herren, die das Wort „Vaterland" im Munde geführt haben. Im Erfurter Programm steht kein Wort vom deutschen Vaterland, von vaterländisch. Und trotzdem bin ich überzeugt, daß jeder Sozialdemokrat ebenso patriotisch denkt wie irgend ekn Schlot!aron oder Krautjunker aus Ostelbien oder wo her. (Lebhafter Beifall.) Die Sozialdemokraten halten es für überflüssig und würden es als Beleidigung empfinden, wenn man ihnen sagte, Ihr müßt die na tonale Begeisterung betonen. Das halten sie für so selbstverständliki > — und da komme ich aus Herrn Kommerzienrat Stein zurück —, drß jede Betonung nur eine Abschwächung ist. (Zu- ,ruf: Und Scheiden mnn sagt: Reventlevil) — Sehen Sie, da kommen wir auf positive 3ünge; das ist eine Frage, über die wir zu sprechen haben, die Abwehr des Antisemitismus. Aber nicht aus dem Grunde ist die Partei ant semitisch, sondern aus anderem Grunde. Der um sich greifende Antisemitisums gibt Veranlassung, daß wir unsere Front geschlossen jalten wollen und sie nicht trennen wollen, damit wir nicht noch leiihter unterliegen werden als bisher. Also ich möchte kurz zusammenfassen: Neutralität, die richtig verstandene Neutralität ist nie nicht nur etwas Ideales, sie ist taktisch glänzend, sie. ist das beste Propagandamittel, sie ist die einzige Möglichkeit, die gesamte jüdische Jugend objektiv und einwandsfrei zu Lenkenden Juden, die nicht von vornherein auf ein Parteiprogramm gedrillt svnd, zu erziehen. Sie ist die einzige Möglichkeit, und diese Angewohnheit zu nehmen, den anderen für einen Spitzbuben oder für einen Idioten zu halten, wenn er etwas anderes denkt als man selbst. Sie hat sich glänzend bewährt, und sie wird und sie muß aufrecht erhalten werden. Die Neutralität ist bedroht durch diesen Antrag. Ist der Antrag in gegenwärtiger Zeit opportun? Nein, er ist nichts opportun. Ist er notwendig? Nein, er ist nicht notwendig. (Sehv richtig!) Irgend welche Einflüsse — ich will das jetzt nicht näher aasführen — haben eben ein Interesse daran, daß dieser Antrag jetzt und in dieser Form gestellt wird. Aber diese Einflüsse dürfen bei uns nicht durchdringen. Ich darf Ihnen vielleicht ■ in diesem Zusammenhang erzählen, daß Herr Justizrat Fuchs in . Mannheim in einm öffentlichen Versammlung erklärt hat: wir verlangen jetzt von der jüdischen Jugend offen das Bekenntnis zu unserem Programm, Neutralität gibt es jetzt nicht mehr, entweder rechts oder links. Und ich erkläre namens der süddeutschen Jugend: wir lassen uns vom Centralverein keine Gesetze vorschreiben (Sehr richtig!), wir waren vor dem Centralverein auf dem Plan, und wir leisten unsere Arbeit im Sinne des Centralvereins sehr gern, aber der Centralverein muß rechnen, mit uns anders umzugehen, als er es bisher getan hat. (Stürmischer Beifall.) Die jüdische Jugend — der Begriff Jugend geht beim Juden bis zum 45. Lebensjahre. In den Gemeindeverwaltungen sitzen nur Leute, die Arterienverkalkung haben. (Heiterkeit, Beifall und Unruhe.) Das muß ganz anders