Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 10 (1919)
- Issue
- 2 (5.1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 174 (sequence 150)
- Language
- German
- Belongs to
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gefehlt? Religion ist nicht ein System von Wahrheiten, religiös ist nichi der, der nur das jüdische Schrifttum sich einigermaßen zu eigen gemacht hat, der mit kühlwägendem Verstände in jüdische Wissenschaft und Religionsphilosophie sich vertiefte; religiös ist auch nicht der, dessen Lippen religiöse Gebets sprechen, von denen sein Herz nichts weiß. Religion ist vielmehr ein großes, inniges Erleben, ist. wenn ich Worte Abraham Geigers gebrauchen darf: „Der Schwung des Geistee zum Allgeiste, der Jubel der Seele, die sich ihrer Hphe bewußt, und zugleich wieder das demütige Bekenntnis der Endlichkeit und Begrenztheit". — Religiös sein heißt, in jedem Augenblick unseres Leben? das Bewußtsein in uns tragen, daß das Edelste in uns, unser eigentliches Menschsein, ein Teil des Göttlichen ist, das in uns ruht, Aeuße rung unserer Seele, — heißt: erschauern und ein unnennbares Glücksgefühl empfinden beim Erleben großer künstlerischer Offenbarungen und aller Aeußerungen von Genialität als der höchsten, unseren Sin nen wahrnehmbaren Form, in der das Göttliche in der Welt de? Sinnlichen in Erscheinung tritt. Jüdisch-religiös sein bedeutet, jeder zeit von dem Bewußtsein erfüllt sein, daß wir Nachkommen und Erben jenes Jisrosl, jenes Gotteskämpfers sind, der im schweren Ringen mit sich selbst und der Welt sich eine Weltanschauung der steten Gottergebenheit, der höchsten Sittlichkeit, der. Heiligung des Alltagslebens erkämpfte. Leäuu8cdim tdijbu! Jede Eurer Handlungen trage den Stempel religiöser Weihe, Euer ganzes Leben sei ein einziges großes frohes, religiöses Erleben. Dies ist die kurze Formel des Inhalts jüdischer Religiosität. Wie aber verhelfen wir unserer Jugend zu vertieftem religiösen: Erleben, welches sind die Pfade zur jüdischen Religion als beglückendem Erlebnis? Dies, meine Freunde, war auch die Frage, die vor wenigen Wochen einen kleinen, aber nachdenklichen Kreis von jüdischen Männern und Frauen unterschiedlicher parteireligiöser Richtung, beruflicher Stellung und Vorbildung in unserem Frankfurt zufammenführte. Soweit wir der national-jüdisch-zionistischen Ideologie fernstanden, trieb uns noch der besondere Wunsch zusammen, einander zu helfen, unserem religiösen Fühlen die gleiche Befchwingtheit, den gleichen Schwung der Begeisterung zu verleihen, die der Nationaljude seiner nationalen Idee vom Judentum dankt. Es waren Stunden starker innerer Lösung und Befriedigung, die dem Einzelnen aus diesem rückhaltlosen Gedankenaustausch erwuchsen. Sie erbrachten zunächst einmal die auch für unseren großen Kreis wichtige Gewißheit, daß der religiöse Drang gleich heiß sein kann bei Menschen, deren religiöse Betätigung sich vorläufig noch in recht verschiedenen Lebensformen kund gibt, und sie brachten weiter den Beweis, daß bei reiferen Menschen mit dem Willen, den guten Glauben des religiös anders sich Auslebenden anzuerkennen, nicht nur ein Zusammenarbeiten auf weiten Strecken des Religiösen, sondern auch wechselseitige Anregung und Bereicherung möglich ist. Was das gedankliche Erlebnis dieser Zusammenkünfte angeht, so wird es wohl in Bälde einem weiteren Kreis dafür Interessierter durch eine Veröffentlichung meines darum besonders verdienten, hochverehrten Freundes Dr. Jsak Heine-