Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 4 (1913)
- Issue
- 12 (1.12.1913)
- Date
- 1913-12-01
- Page
- Seite 381 (sequence 7)
- Language
- German
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381 — wird doch — wenn inan nid)t an der gewiß manchmal recht unschönen Oberfläche der Sache bleiben will — zu dem Urteil kommen müssen, daß jeder Staat die Auswanderung! hat, die er verdient. Wer die geradezu trostlosen Ardeitsverhältnisse! in manchen Distrikten Rußlands und Oesterreichs kei nt, der weiß, Haß die Auswanderung für die Bewohner dieser Distrikte direkt eins Lebensfrage ist. Wenn die Schiffahrt, die durch die Befriedigung dieser Bedürfnisse, durch die Erleichterung der Auswanderung geradezu kulturelle Arbeit, leistet, in der Propaganda hier und da etwas d >s Guten zu viel tut, sp trägt daran der Staat zum mindesten einer» Teil der Schuld/ der solchen ihm bekannten Verstößen nicht nur jahrelang untätig zusieht, sondern noch dazu aus Gründen „nationaler Schiffahrtspolitik" einen Konkurrenzkampf unter den I> uswandererlinien mit Vorbedacht entfesselt. trotzdem er wissen muß daß dieser Kampf die Mißstände und Altswüchse der Auswanderer-Propaganda nur verstärken kann. Dieser Exkurs, der für die Leser einer jüdischen Zeitschrift an sich nicht ohne Interesse sein dürfte, wird auch im Rahmen emes Ballin- Porträts nicht überflüssig erscheinen. Tenn Albert Ballin ist von Hause aus Auswandeieragent gewesen, und diese Tätigkeit stellt gewissermaßen das Tor dar, durch das der Sprosse aus einfacher jüdischer Bürgerfamilie Eingang in die überseeische Reederei, bis dahin die Domäne des standesstolzesten und abgeschlossensten hanseatischen Patriziertums. gefunden hat. Man muß wissen, daß der Auswandereragent der Reederei gegenüber eine ziemlich selbständige Stellung einnimnt, daß er eine weitverzweigte, eigene. Organisation unterhalten mui;, um seine Funktionen erfüllen zu können. Tie dumpfen, verkle ideten Menschenmassen, die in den halbasiatischen Staaten nicht leben und nicht sterben können, diese, lebendigen Reservoirs für die übkriceische Auswanderung, wissen nichts von Hamburg-Amerika-Linie und Norddeutschem, Lloyd, geschweige denn' von Eanadian Pacific und Eunard Steamship. Die Namen Ballin und Heinecken sind ihnen volends Tabu, aber die Firmen Mitzler u. Eo. in Bremer», Falck in Hamburg mit ihren galizischen und polnischen llnteragenten kennen sie. Dii haben ihre Angehörigen und Bekannten im galizischen Torf angeworben, mit der Bahn an den Hafen und von da über das Meer geschafft. Wer sich Mißler anvertraut, der weiß, daß er sich um nichts Kr kümmern braucht, nicht um die Reiseroute, nicht um die Nahrung, nicht um Polizei- und Grenzbehördcn, er geht von einer Hand in die ländere, von der! Bahn aufs Schiff, vom Schiff in die Bahn, er zahlt feine Karte und ivird zur bcstinimten Zeit in seinem überseeiscl^n Bestimmungsort ajbgeliefert. Mißler oder Falck besorgen alles, an Mißler oder Falck hat sich der Auswanderer zu halten. Solch ein Auswondereragent wfrr auch Albert Ballilt zu einer Zeit, in der die Methoden noch nicht!so ausgebaut waren, das ganze System noch nicht mit! so automatischer Präzision funktionierte. ' Er. der schon als .Knabe in| seiner Vaterstc dt Hamburg der §amals noch recht priinitiven Einschiffung der Auswanderer zugesehen hatte,, und' dem bereits in frühester ^Jugend-die Reorgazisationsbedürftigkeit und Steigerungsfähigkeit dieses iMassengeschäfts .aufgegangen war, orga-