Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Edith Hernnstadt-Oettingen: Auf Tournee
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ängstigt und lampenfiebrig in einem verborgenen Eckchen: Kinder sind ja so lieb, und Kinder sind ja so grausam! Schrecklich die Idee: ihnen nicht zu gefallen, vor ihnen „abzustinken", wie der wenig schöne, aber treffende Fachausdruck lautet. Der Direktor kommt auf einen zu, man muß ein Händeandiehosennahtgefühl unterdrücken, das Lampenfieber verbergen und schreitet zur Tat. — Da sitzen die kleinen Raubtiere mit gezückten Krallen, bereit einen zu zerfleischen. Vorläufig sind sie noch voll gespannter Erwartung und hören sich gnädig die einleitenden Worte an, die ich spreche. Nun beginnt das Märchen. Es spielt in China. Die Hauptfiguren sind der Kaiser und sein Hofherr. Ich beginne, es ist mäuschenstill, die beiden mit schwarzer Kreide auf einen großen Bogen Papier zu zeichnen: oben rechts in der Ecke ein wagerechter Strich, zwei senkrechte, verbunden durch eine sich schlängelnde Linie. Ich höre auf und frage: „Was ist das?" A tempo ertönt es im Chor: „Eine Krone." Ich äußere meine Bewunderung über soviel Klugheit und zeichne weiter. Zwei schräge Linien für die Augen: das erste Lachen steigt! Schnell einen Haken für die Nase, eine Linie für den Mund, der Umriß des Kopfes mit starken Backenknochen, rechts und links unter der Nase zwei nach unten geschwungene Linien als Chinesenschnurrbart. Erfreutes Staunen bei den Kindern, daß da schon so schnell und so ulkig ein Chinesenkopf fertig ist. Mit der Versicherung, daß die Chinesen natürlich a u ch Ohren haben, zeichne ich sie schnell. Großer Lacher! Nun rasch mit ein paar Strichen den Körper gezeichnet. Großes beifälliges Gemurmel. — Frage von mir, was nun noch fehlt. „Ein Zopf!!" schreien die kleinen Raubtiere, die nun bereits die Krallen eingezogen haben. Der Zopf wird nachgeholt und erregt viel Freude. Als ich nunmehr mit bunter Kreide den Kaiser und den inzwischen gezeichneten Hofherrn „koloriere", werden bewundernde „Ah's" laut. Die Stimmung ist gut; ich beginne zu erzählen, ganz frei von der Leber weg, nicht „nach Buch", sondern richtig Märchen. Zum Schluß zeichne ich, das ist der Clou, auf Wunsch der Kinder noch ein oder zwei ihrer Mitschüler. Stolz und verkrampft stehen die Beneideten mir Modell, die anderen geben ihre Kritik während ich zeichne, laut, aber nicht immer sehr schmeichelhaft für mich, von sich. Aber das „Mich auch! Mich auch!" am Schluß zeigt mir, daß man mit mir zufrieden war. Die Kinder betteln um die Zeichnungen, ich schenke sie ihnen gerne und hoffe, ihnen mehr Freude gemacht zu haben, als es mir seinerzeit in meiner Schule die dickbäuchigen Herren machten, die uns eine Stunde lang mit schmetternden Gedichten langweilten. * 66