Pult und Bühne
- Journal
- Pult und Bühne
- Volume
- 1938
- Article
- Edith Hernnstadt-Oettingen: Auf Tournee
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Essen denkt man, meist todmüde, bei jeder Ankunft an die Besichtigung des Saales. Es gibt tatsächlich Fälle, wo alles wie vereinbart am Platze steht: Podium, Tisch, Sessel — aber wenn nicht „Nimm alle Kraft zusammen!" Hammer, Nägel, Bretter her! Wozu ist man schließlich vom Bau! Wirds in einer Stunde nicht geschafft, dann eben in zweien nur keine Müdigkeit vorschützen, weder vor noch nach dem Auftreten. Halte durch; auch kurz darauf bei der Nachfeier, inmitten von hundert Menschen auf einem Sessel thronend, dessen Sitz einer der kleinsten Kunstenthusiasten liebevoll mit Nadeln gespickt hat („knorke, dufte, was wird sie sagen?"). „Durchhalten", sagt sie selbst dann noch, als ein Herr, den sie einmal zehn Minuten flüchtig gesprochen, sie wie eine alte Bekannte begrüßt, und hierauf sofort — mit diskretem Lächeln — eine Dame fragt, ob besagter Herr auf allen Tourneen mitreist . . .? Uff . . . und allein auf und davon, zwei Stunden weiter in eine Großstadt!! Von Grippe und Husten geplagt, kann man dort im Hotelzimmer inkognito und in Ruhe husten. Aber schon beim Treppenaufgang meldet sich liebevoll eine Damenstimme: „Verzeihen Sie, sind Sie nicht . . .? Ich hab* da so eine vorzügliche Arznei . . ." Ich ringe nach Luft . . . stürze ins Zimmer - schon steht sie dort mit Pastillen und Medizinflasche in der Hand und wirft einen mitleidigen Blick auf mein Thermometer. Auf der nächsten Station ein Autobus voll Menschen, die bereit sind, das drei Tage vorher gehörte Programm noch einmal zu schlucken. „Nur Mut!" Ihr Unglücklichen und Dir, aufopfernde Hausfrau, die Telefonanrufe und Besucher nicht zu Atem kommen lassen! Ueberall ist einer mit einem verwandt. Und nun wirds ernst: Ueberall haben jüdische Menschen draußen für den aus der Großstadt eine Frage, einen Auftrag. Wer hierfür kein Ohr hat, hat auch kein Auge dafür, daß seelische Hilfe heute alles ist. „Hoffen und glauben, es kommt besser als man denkt!4* Der Künstler aber vergißt ein Leben voll Leid und Mühen, wenn der Nachhall eines Abends über den Abend hinausgeht. („Nun haben wir wieder für drei Monate Kraft zum Leben, aber dann wiederkommen!"), wenn — aus dem Munde von Berufenen und in einer Stunde der Weihe — der Segen des Gotteshauses über seine Arbeit gesprochen wird, ja sogar dann, wenn er - weniger weihevoll — mitten aus der Menge ertönt: „Wir schmettern Dir ein kräftiges Jevorechecho nach!!!" 64