Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 8/9 (8.1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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178 No. 8 9 war. Wir begegneten überall Schwierigkeiten, und wenn wir einmal glaubten, schon bald am Ziele zu sein, mußten wir sehen, daß wir nicht einmal noch recht beim Anfang unseres Werkes seien. — Die offiziellen jüdischen Kreise brachten unseren Bestrebungen kein Interesse entgegen und unterstützten uns in gar keiner Weise. Aus unbekannten Gründen wurde uns die Benützung des ohnehin immer leerstehenden Turnsaales der hiesigen sephardischen Schule verweigert, obwohl wir damals sogar zu materiellen Opfern zugunsten dieser Schule geneigt waren. Wir mußten nun die staatlichen Schulen benutzen. Doch da ging's auch nicht so glatt. Einmal hatten wir kein Geld, das andere Mal keine genügende Teilnehmerzahl, und hatten wir letztere — denn ersteres ist auch jetzt noch eine Rarität bei uns, so stand uns wieder kein Turnsaal zur Verfügung, denn inzwischen hatte eine der hier zahlreichen Konfessionen und Nationen ihr turnerisches Talent entdeckt und wollte turnen. Wieder wurden wir zurückgestellt und bekamen keinen Turnsaal. Vor mehreren Wochen haben wir nun von der Landesregierung die Bewilligung zur Benützung eines Turnsaales erhalten, aber noch im letzten Momente, wo schon die erste Turnstunde angesagt war, und die Turner ungeduldig mit den Kostümen unter dem Arm warteten, wurden wir verdrängt und für andere Tage und andere Stunden vertröstet. Doch all die großen Schwierigkeiten, die sich uns entgegenstellten, waren nicht imstande, unser ehrliches Streben und Wollen zu erschüttern und scheiterten an unserer Zähigkeit. Endlich haben wir erreicht, was wir wollten: einen Ort, wo die jüdische Jugend die Muskeln stärken und die Kraft für den Kampf ums Dasein stählen kann. — Es war ein schöner Anblick, mit welcher Begeisterung die jungen Juden in den Turnsaal stürmten, rasch in ihre Kostüme schlüpften und sich auf die Turngeräte warfen, wie wenn dort ein Schatz zu heben wäre. Man konnte gewissermaßen jedem in den Augen den Ausdruck seiner Freude über das Geschaffene lesen und man hatte den Eindruck, Gefangene vor sich zu sehen, die die Freiheit erlangt haben. Die Turnriege wurde am 3. März im Turnsaale des hiesigen Obergymnasiums — wo vorläufig allwöchentlich am Dienstag und Freitag, abends zwischen 8 und 9 Uhr, die Turnübungen abgehalten werden — eröffnet. Es hatte sich eine große Anzahl begeisterter Turner eingefunden, um dem besonders für uns Juden wichtiger. Sporte zu huldigen, die jüdische Widergeburt zu fördern. Neugierige kamen ebenfalls und sahen den Uebungen mit Interesse zu. Der Vereinspräsident, Herr Dr. Otto Horwitz, begrüßte die Erschienenen und sprach einige Worte über den Wert des Turnens sowie über die Pflicht und Notwendigkeit der Disziplin, worauf unter Leitung von jüdischen Vorturnern — die bisher in den anderen nationalen Vereinen turnten — mit Freiübungen begonnen wurde, dem später Geräteturnen folgte. Inzwischen haben wir einen guten (allerdings katholischen!) Turnlehrer engagiert. Dem Enthusiasmus der jüdischen Jugend nach zu schließen, wird voraussichtlich die Zahl der Turner bald bedeutend zunehmen. Derzeit turnen 30 Turner. Jedenfalls wäre es aber sehr erwünscht, wenn auch die offizielle" jüdischen Kreise mehr Verständnis für die Sache an den Tag legen und unserem Unternehmen moralische und materielle Unterstützung angedeihen lassen würden. Indem wir uns den bereits so zahlreichen jüdischen Turnbrüdern anschließen, rufen wir ihnen ein kräftiges „Hedad" zu. Weber. Posen. J. T. V. Unter Beteiligung von über 30 Mitgliedern, denen sich unterwegs noch Freunde der jüdischen Turnidee aus Koschmin, Stralkowo. Pieschen, Miloslaw anschlössen, fand am ersten Pfingstfeieriag der anK«'