Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 12 (1911)
- Issue
- 2 (2.1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2 33 Posen. J. T. V. Am Sonnabend, den 4. Februar, sprach Herr Dr. B a e r aus Stettin im Jüdischen Turnverein über: „Die Ueberwindung des Ohetto". Der Redner legte dar, -wie durch den gesteigerten Kampf ums Dasein im Ghetto die Ausbildung des Geistes der Juden immer mehr in den Vordergrund gedrängt wurde. Die so erworbene geistige Befähigung, noch gesteigert durch die Erarbeitung der modernen Kultur, habe sie besonders befähigt, an dem überall einsetzenden materiellen Aufschwung teilzunehmen, habe sie vollends zu dem Handelsvolk gemacht, das sie heute seien, wie die Statistik ergäbe; überall säßen sie in den Berufen, zu denen Beweglichkeit des Geistes erforderlich sei, in den Berufen, die körperliche Anstrengung verlangten, seien sie wenig oder gar nicht vertreten, besonders nicht im Bauernstand, dem Reservoir der Volkskraft. Daraus erkläre sich die vielfach vorhandene körperliche Minderwertigkeit, geringer Körperumfang, geringe Körperlänge, vielfache Militäruntauglichkeit. Doch dies seien nicht die einzigen Folgen des Ghetto und der starken Teilnahme am geistigen Berufe; auch die geringe Achtung vor den eigenen Stammesgenossen, die nervöse Hast und Unruhe, Genußsucht und Blasiertheit und schließlich der starke Indifferentismus in jüdischen Dingen und der jüdische Antisemitismus seien als deutliche Ghettospuren am Judentum zurückgeblieben. Diese gelte es zu beseitigen. Und da der Abströmung der Juden in die Berufe mit körperlicher Anstrengung sehr große Hindernisse im Wege ständen, müsse außerhalb des Berufes durch Turnen und Sport Körperpflege getrieben werben, dann würden wir wieder stark und aufrecht werden, Genußsucht und Blasiertheit ablegen und aus der nervösen Hast des Alltags herauskommen. Durch die im Turnen gelernte Selbstzucht würden wir den Respekt und die Achtung wiedergewinnen, besonders vor den eigenen Stammesgenossen. Darum turnen wir in jüdischen Vereinen, nicht aus negativen Abwehrenden, sondern aus positiven Gründen: aus Liebe zum Judentum. Die fehler des Volkes werden nur durch Arbeit des Volkes beseitigt werden. Erst das Turnen in Jüdischen Vereinen werde uns durch seine erzieherische Wirkung befähigen, uns kraftvoll zu organisieren; es sei die erste Grundbedingung für eine starke Organisation des deutschen Judentums; es sei aber auch die Grundlage für einen erfolgreichen Kampf gegen den Antisemitismus, denn erst wenn wir unsere körperlichen Fehler ablegen würden, hätten wir die zum Kampfe erforderliche Kraft; es sei ferner die Gründlage ™r eine richtige Erziehung der jüdischen Jugend; nur eine starke Jugend Könne die Heldengeschichte ihres Volkes verstehen und lieben lernen. Wer ""sere Bewegung bekämpfe, bekämpfe daher die Gesundung des Judentums und hemme die Ueberwindung des Qhetto. Dem Redner wurde für seine trefflichen Ausführungen durch reichen "eifall gedankt und auf seinen Namen ein Oelbaum gepflanzt. Es folgte ein sehr gemütliches Beisammensein. Gemeinsame Lieder wechselten mit Solovorträgen; besonders erfreute Frl. Unger durch die künstlerische Wieder¬ Rabe der gemütvollen Jargonlieder. Zwischen dem Redner des Abends und den Posener Vereinsdichtern Herren David und Kareski entspann sich ein edler Dichterwettstreit. Alles in allem ein gelungener Abend. Cursor. Wien. I. Wiener J. T. V. Mangel an Geselligkeit und Harmonie waren schwachen, an denen der Verein seit Jahren laborierte. Es fehlte der herzliche Ton, man betrat und verließ fast kalt den Turnboden. Dem Wunsch vieler Vereinsmitglieder folgend und im Bestreben, auch die weiterstehenden jüdischen Kreise mit dem Verein in Kontakt zu bringen, bildeten wir ein Vergniigungskomitee. dessen Leitung unser Beisitzer.