Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 10 (1909)
- Issue
- 3/4 (3.1909)
- Date
- 1909-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4921092-5965117-5965288--2400-4925221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
48 No. 3—4 Gasse; von nun an gestalteten sich die Verhältnisse immer ungünstiger. Ausser einem durch den Ausscbuss organisierten Sportklub war kein Kennzeichen einer turnerischen Bewegung bei den Juden Lembergs zu finden; alle unsere an verschiedene Behörden, Korporationen und Turnvereine eingereichten Eingaben und Bittschriften sind immer auf dieselbe Weise erledigt worden: Wir lehnen aus diesem oder jenem, oder geradezu ohne Grundangabe ab. Nur der Turnverein „Soköl ruski" bot uns seinen Saal auf zwei Stunden wöchentlich um einen Monatszins von 30 Kronen an, sein Anerbieten konnten wir aber aus verschiedenen Gründen nicht ausnützen. Erst am 1. November 1907 gelang es uns, einen Saal auf der Stoneczna-Gasse 17 zu mieten. Traurig und nicht vielversprechend war unsere Lage; im Innern die Frequenz mehr als massig, ausserhalb Apathie und Misstrauen; der auf das Doppelte erhöhte Monatsbeitrag hielt viele ab, als aktive Turner bei uns einzutreten. Bald kamen jedoch Anzeichen für das Nahen besserer Zeiten, es bildete sich ein fester Kern innerhalb des Vereins. Ein Versuch zur Bildung einer Mädchen-Abteilung gelingt ebenfalls. — Der Verein beginnt, ausser der Intelligenz auch andere Schichten der Gesellschaft zu umfassen; es kommen Ladendiener und Arbeiter, es erscheint zum erstenmal ein „weisser Rabe": ein orthodoxer Jude mitPeies und Chalat; unsere Turner staunten: der Chalat-Jude, ein Symbol der Ungeschicklichkeit, erwies sich als einer der gewandtesten; ein verrufener Feigling, der Schüler der Jeschiwa, beschämte mit seiner Kühnheit die besten Turner. — Unterdessen fanden die Nachrichten von unserer Entwicklung ausserhalb des Vereins einen schwachen Widerhall. Die Gesellschaft, ein bekannter Skeptiker, verlangt einen Beweis ad oculos. Der agitatorische Turnabend vom 30. Dezember 1907, der Vortrag des Herrn Dr. Josef Katz „Vom Einflüsse der physischen Erziehung auf den Charakter" haben nur in geringem Masse ihre Aufgabe erfüllt. — Den Wendepunkt im Verhältnis des Vereins zu unserer Gesellschaft bildete das am 23. März im grossen Jad - Charuzim - Saale veranstaltete Schauturnen. Die Gleichgültigkeit ging in Begeisterung über, die Geringschätzung und das Misstrauen in Bewunderung und Stojz- Demgemass verhält sich auch die weitere Entwicklung unseres Vereins; die Zahl der unterstützenden Mitglieder verdoppelte sich, die Zahl der turnenden Mitglieder wuchs ins Dreifache. Die materielle und moralische Unterstützung, gewöhnliche und aussergewöhnliche Gaben ermöglichten uns das Erlangen eines für das Turnen besser passenden Saales. Seit 1. September finden <»e Übungen in den Sälen „Jad - Charuzim" statt. — Die Frequenz in den Männer-Abteilungen vom 1. November 1907 bis zum 1. Dezember 1908 war folgende: Es turnten im Jahre 1907: Im November an 9 Abenden in 9 Riegen 198 Mitglieder „ Dezember „ 8 „ „ 16 „ 263 „ Im Jahre 1908: Im Januar „ 8 „ „ 24 „ 316 „ „ Februar „ 8 „ „ 24 „ 372 „ „ März „ 11 „ „ 29 „ 449 „ April „7 „ „12 „ 267 „ Mai „ 8 „ „ 16 „ 243 „ „ Juni „8 „ „ 16 „ 296 In den Monaten Juli-August wurden die Uebungen unterbrochen „ September an 12 Abenden in 28 Riegen 438 Mitglieder „ Oktober „ 2 „ „ 10 „ 174 „ November „ 13 „ „ 37 „ 557 „ Zusammen vom 1. XI. 1907 bis 1. XII. 1908 turnten in der Männer- Abteilung an 94 Abenden in 221 Riegen 3573 Mitglieder.