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Jüdische Turnzeitung · 1908-05-01 · 5 (5.1908) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
9 (1908)
Issue
5 (5.1908)
Date
1908-05-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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92 No. 5 Dass die geistige Arbeit unter der Wiederbelebung der körperlichen Tätigkeit und ihrer nachdrücklichen Pflege bei der jüdischen Jugend leiden könnte, brauchen wir wohl nicht zu befürchten. Wir dürfen mit Recht annehmen, dass diese als Gegengewicht einen um so grösseren Pleiss in die Wagschale für die Beurteilung ihrer Leistungen legen wird; denn selbst Schriftsteller, die den Juden nicht gerade freundlich gesinnt sind, haben anerkannt, dass das Wissen stets in hoher Ehre bei den jüdischen Jünglingen stand, und dass ausdauernde Anstrengung in geistigen Dingen und ein gesunder Ehrgeiz sie alle Hindernisse überwinden lässt und dem Ziele ihrer Ausbildung zuzuführen vermag. Wir brauchen also nachteilige Polgen aus der stärkeren Hervorkehrung und Pflege der körperlichen Übung bei der männlichen jüdischen Jugend ebensowenig zu befürchten, wie wir eine böse Rückwirkung auf Wirtschaft, Küche und sonstige wichtige Hausfrauenbetätigung aus dem Zusammenschluss unserer jüdischen Mädchen in „Jungfrauenvereinen' anzunehmen brauchen. Im Qegenteil dürften diese . in den verschiedensten jüdischen Gemeinden jetzt gegründeten „Jungfrauenvereine" nur Qutes stiften; denn sie sind aus wahrhaft jüdischem Empfinden und Streben heraus entstanden. Sie wollen die Geselligkeit pflegen, soziale Gegensätze ausgleichen, humane Zwecke fördern, den Sinn für jüdische Literatur und Geschichte beleben, besonders aber die Kenntnis der grossen Bedeutung allgemein verbreiten, die das jüdische Weib für die jüdische Kultur, für die jüdische Familie, für die jüdische Dichtung und die Weltpoesie gehabt hat. Die Heldin, das Ideal dieser Jungfrauenvereine ist Deboräh, die gottbegeisterte Prophetin und Richterin in Israel, die heldenhafte Befreierin ihres Vaterlandes von fremdländischer Herrschaft — die jüdische Jungfrau von Orleans. Wahrlich, die Worte Goethes In „Iphigenie": „Ein jeglicher muss seinen Helden wählen. Dem er die Wege zum Olymp hinauf Sich nacharbeitet", haben in den Herzen der jüdischen Jugend einen tiefen, mächtigen Widerhall gefunden. Die Makkabäer — die Helden der jüdischen Jünglinge, Deboräh — die Heldin der jüdischen Jungfrauen; so „grosse Muster wecken Nacheiferung". Einen Erfolg aber hat die jüdische Jugend jetzt schon errungen: die Kinder sind zu Erziehern ihrer — Eltern geworden. Das jüdische Interesse, das in den Kindern mehr als früher wachgeworden ist, die Begeisterung für jüdische Ideale, jüdische Geschichte, jüdisches Wesen hat rückwirkend vielfach auch in dem Hause der Eltern die mattgewordene Flamme der jüdischen Religion und der jüdischen Glaubensgemeinschaft neu entfacht und belebt. Der kleine „Schammes', das Kind, hat die grossen, die Chanukahlichte angezündet Israeliten, die sich früher von ihren Glaubensgenossen ganz abgeschlossen hatten, wenden sich ihnen wieder zu, zeigen Interesse für Gemeindeangelegenheiten, besuchen den Tempel, den sie früher „ostentativ" gemieden oder nur an den ganz hohen Feiertagen aufgesucht hatten. Und wenn man genauer nachforscht, dann erkennt man, dass nicht lediglich die Not der Zeit, die Angriffe der Feinde dies vermocht haben — denn diese bestehen nach wie vor und haben so manche eher zum Abfall veranlasst — sondern dass die Kinder die Eltern dem jüdischen Leben wiedergewonnen haben durch ihr freudiges Bekennen und Eintreten für das Judentum, dass die Eltern, durch das Beispiel der Kinder aus ihrer glaubensfremden Gleichgültigkeit aufgeweckt, ihr jüdisches Herz wiederentdeckt haben.

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