Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 8 (1907)
- Issue
- 11/12 (11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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188 No. 11,12 Wenn wir uns an unsere alte Vergangenheit nicht gewöhnt hätten! Wir wären der Erinnerungspflicht untreu geworden; wir hätten die Wege, die in die Vergangenheit führten, verlernt. Dann wäre uns der brennende Wunsch gekommen sie wieder aufzusuchen, wir hätten unsere Augen öffnen müssen, und unsere Herzen hätten stärker gepocht und unser Weg in die Vergangenheit wäre wieder ein Erlebnis geworden! Wie anders hätten wir alsdann die Lichter an Chanukkahnächten entzündet, wie anders hätten wir das Lied des Sieges gesungen! Das Licht wäre zur Fackel der Freiheit und das Lied wäre der Ruf zum Kampfe geworden.' Wir aber haben uns gewöhnt an unsere Vergangenheit und haben uns gewöhnt an unsere Gegenwart. Weil wir uns an unsere Vergangenheit gewöhnten, erlebten wir auch unsere Gegenwart nicht mehr. Die Krankheit der Gewohnheit hat auch die Gegenwart angesteckt. Wir haben uns an unsere frühere Grösse gewöhnt und haben uns gewöhnt an unsere Kleinheit von heute. Gestehet! Erleben wir unsere Pogrome, oder haben wir uns an sie gewöhnt?! Wie anders, wenn wir sie erleben würden! Würde nicht alsdann Titanendurst der Rache entbrennen und Titanenkraft sich erheben, die Welten zerstören und Welten aufrichten würden'.'! Wir aber sammeln Gelder und freuen uns der glänzenden Resultate. Oder gar — wir sind selbst der Gaberr schon müde geworden. Wir haben uns an das Los Ahasvers gewöhnt. Wir wandern von Ort zu Ort, wir ziehen über die Meere, nicht weil Tatenlust uns treibt, sondern weil uns die Peitsche jagt. Wir nehmen Not und Elend und unsere Heimatlosigkeit mit uns. Wir suchen unsere Heimat in unbekannten Welten und gewöhnen uns daran, dass auch sie uns fortjagen und uns weitersuchen heissen. Wann werden wir die Grösse der Vergangenheit, das Elend der Gegenwart nicht mehr hinnehmen als etwas Selbstverständliches, Gewohntes? Wann wird ein Pogrom in uns die Wut des Tigers entzünden und den Mut des Löwen entfachen; wann wird der Jammer des ewigen Wanderns uns erfassen mit neuer lebendiger Gewalt, wann wird er gross und unwiderstehlich Antwort statt einer Frage werden?! Wann wird das Furchtbarste uns nicht mehr Gewohnheit