Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 5 (1904)
- Issue
- 6 (6.1904)
- Date
- 1904-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
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No. 5 107 Das erkannte man in Europa um die Mitte des 19. Jahrhunderts und betätigte es im Jahre 1860 durch die Gründung der Allgemeinen israelitischen Allianz. Diese Gesellschaft, die bereits im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens einen grossen Aufschwung nahm, erklärte der einzigen im Orient vorhandenen. jüdischen Schulgattung, der Talmud-Tora,*) die zugleich einen rührenden Überrest altjüdischen Geistesstrebens und ein trauriges Denkmal der langen Nacht der Bedrückung darstellt, den Krieg. Sie begründete, von Marokko ausgehend, allenthalben neue Schulen auf moderner Grundlage, überzeugt, nur auf diese Weise jene Juden auf eine höhere Stufe wirtschaftlicher und geistiger Kultur zu bringen und dem immer wachsenden Einfluss der christlichen Missionsgesellschaften zu entziehen. Gegenwärtig unterhält und unterstützt die Allianz 120 Elementarschulen in Marokko, Algier, Tunis, Tripolis, Egypten, der europäischen und asiatischen Türkei und Persien. Es sind 76 Knaben- und 44 Mädchenschulen mit ungefähr 33000 Kindern. Die Talmud-Tora-Schulen, in denen sich der Unterricht unter den schlechtesten hygienischen Umständen abspielt und sich auf Hebräisch beschränkt, ohne selbst darin viel zu erreichen, gehen allmählich ein. Einige jedoch erleben unter der Leitung europäisch gebildeter Direktoren eine Umformung in wirkliche Schulen, wie in Adrianopel (1000 Schüler), Bryssa, Saloniki, Marrakesch, Mogador, Damaskus (1300 Schüler), Bagdad. Das Hebräische behauptet anfangs in diesen Schulen ein erdrückendes Übergewicht, das Neue und Wesentliche ist die Einführung von Luft und Licht, Ordnung, Sauberkeit, Disziplin und Methode; nach und nach erst setzt sich der Unterricht In der Landessprache (arabisch, türkisch), im Rechnen und in jüdischer Geschichte durch. Bei der Zähigkeit und Langsamkeit des Orients ist auch dieses Werk der Umwandlung schon bestehender Schulen kein Kinderspiel. Über das Turnen spricht sich das Schulprogramm der Allianz folgendermassen aus: „Der Nutzen des Turnens braucht nicht mehr bewiesen zu werden und In den Ländern des Orients und Afrikas, wo die Juden meist in eigenen Quartieren, in engen Gassen und allzukleinen Wohnungen leben, Ist der Turnunterricht besonders notwendig. Viele Lehrer sind der Irrigen Ansicht, dass hierfür die Anschaffung besonderer Apparate unumgänglich ist. Man hat allerdings lange Zeit die Übungen am Trapez, Barren, Leitern usw. Uber die Massen gepriesen. Neuerdings erkennt man aber an, dass die Beuge-, Streck-, Marsch- und Lauf - Übungen auf die normale Entwicklung des Körpers vielleicht noch günstiger einwirken, und dass man keinesfalls aus Mangel an Geräten auf das Turnen verzichten darf. In den Mädchenschulen können und sollen die Turnübungen gerade so gut gepflegt werden, wie in den Knabenschulen." Dass dieser Unterricht nicht vergeblich ist, davon zeugt die Tatsache, dass auch die Vereinigungen ehemaliger Zöglinge der *) Nicht zu verwechseln mit der Talmud - Tora in Russland, die gegenüber dem Cheder eine etwas bessere Schule bedeutet.