Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Journal
- Jüdische Turn- und Sportzeitung
- Volume
- 20 (1919)
- Issue
- 11 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 in den Wellen gefunden, denen sie, die ausgezeichnete Schwimmerin, sich noch zu einer Zeit anvertrauen zu dürfen glaubte, deren Rauheit der Witterung schrecken musste. Als Mensch und als Jüdin aber kam sie zum Bar Kochba nicht, um zu lernen oder zu empfangen, sondern um zu lehren und zu gebe«. E*0 ernstes Schicksal hat Elli Wigderowitschi frühzeitig dazu erzogen, andere z" erziehen. Halb noch ein Kind, ersetzt sie dem kinderreichen! Hause die Mutter. Dieses tapfere, kluge Mädchen beschämt manche Frau in reifen Jahren, Nebe« dem Vater und erwachsenen Brüdern sind jüngere, zum Teif ganz junge Geschwister zu versorgen. Eine Sorgenlast, unter der manche zusammengebrochen wären, trägt sie mit erhobenem Haupte. Und verliert sich nicht an ihr Tun, wird wicht zerrieben im unermüdlichen Mahlgang der in ewiger Wiederkehr (wechselnden Arbeit des Alltagsi. Sondern erhält sich den Schwung ihrer Seele, und weiss sich stets (Lust, Kraft und Zeit zu bewahren für die jüdische Arbeil im Kreise des Bar Kochba. In dem Hause, dem! sie vorsteht, wirken: die besten und ehrwürdigsten Ueberlieferungen jüdischer Lebensgestaltung. Aber sie bringt von sich au* etwas mit, das nicht Frucht und Folge des Milieus sein kann. Eine alte, menschenkundige Dame sagte nur vpn Ihr nach kurzer Bekanntschaft: „Dieses Mädchen ruft in mir Erinnerungen wach an die alten, starken und frommen jüdischen Frauen. Vielleicht hat die Glücke! in ihrer Jugend einmal so ausgesehen." Klarheit, Kraft und Güte, diese drei Komponenten aller grossen Seelen, waren Elli Wigderoiwtsch mit seltener Deutlichkeit vom Antlitz zu lesen. Kfarheit wohnte hinter dieser reinen Stirn, Kraft lag im kühnen Schnitt dieser Züge, Güte sprach aus den wundervollen, tiefen Augen und durchleuchtete auf eine seltsame Welse ihr ganzes Wesen, Ihre Sicherheit war köstlich. Anmut und Würde: mit diesen beiden Worten tässt sich das Wesen ihrer äusseren Erscheinung resttos umschreiben. Sie war bis zum tiefsten Ken« ihres Wesens gesund und natürlich. Und jüdisch war säe. Von jener „Jüdischkeit", neben der sieht das „Judentum" mancher jungjüdischer Kreise so unsäglich arm ausnimmt. Sie sprach von ihrem Judentum njye, aber sie lebte es in jeder Stunde. Und s» offenbarte es immer und immer wieder in ihrer grossen, umfassende» und allezeit tatbereiten .'Liebe zu den jüdischen Menschen und im der unwandeftare« Treue zu dem, was sie als ihre Pflicht erkannt hatte. EBi Wigderowitschi wusste um das Geheimnis, dass man der grosse11 Allgemeinheit nicht dienen kann, wenn man der Pflicht gegen seine Nächsten nicht nachkommt. Sie trug ein brennendes Verlangen danach, sich ein Leben nach eigenem Wunsch zu zimmern und! nach Palastina zu gehen. Aber sie blieb auf ihrem Posten, bis sie sich mit gutem Grund fenlbehiiidh glaube« durfte, und ging dann nach Messingwerk, um die Landwirtschaft zu erlernen. Sie harte ihr Ziel mit demselben Ernst und der gleichen Stetigkeit erreich*, als sie vor wenigen Wochen nach Hamburg zurüefclfehrte, um für den Winter ihre Arbeit im Bar Kochba wieder aufzunehmen. ' Ein Nachruf soll tröstlich enden. Aber lasst jnich wahrhaft sein. I^n weiss uns keinen Trost! Die Zeit mag1 mit leiser Hand auswischen, was am Erinnerungsbütfe den Schmerz immer neu aufrührt. Was dann *** Schatten ihres Lebens iih Lieh* in unseren Herzen lebendig bleibt, ist üflvergesslich! .■'•„■. Berlin, jm Oktober 1919. ' Chesfcel Zw? Klötzel. Eichenlaubkränze11 Diplome billigst. Wolsohendorff & Meissner, Frankfurt a. M.